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Lernen von Vanessa Strike

Wie Familienunternehmer Einsicht gewinnen

24. Januar 2017

Familienunternehmer werden häufig durch engste Berater dazu angeregt, ihr Wissen zu überdenken und so Einsicht zu gewinnen. Den Beratern gelingt das, indem sie zum Innehalten anregen, Fragen stellen und für die Mitglieder der Unternehmerfamilie sprechen, so das Ergebnis einer neuen Studie.

Engste Berater

Lesen Sie hier zwei Ausgaben.Die kanadischen Wirtschaftswissenschaftler Vanessa Strike von der University of British Columbia und Claus Rerup von der Western University haben in ihrer Studie „Vermitteltes Verständnis“ untersucht, wie die engsten Vertrauten von Familienunternehmern deren Wissensaufbau beeinflussen. Ihre Ergebnisse stellen sie im Academy of Management Journal vor.

Sie führten mit neun „engsten Beratern“ („most trusted advisors“) von sechs nordamerikanischen Familienunternehmen zweistündige Interviews, sprachen mit den Unternehmern selbst und werteten eine Vielzahl von Firmendaten aus. Ziel war es herauszufinden, wie die Berater einen Familienunternehmer dazu brachten, sich neues Wissen anzueignen und Einsicht zu gewinnen – im Englischen „sensemaking“ genannt. Folgende drei Vorgehensweisen waren dabei grundlegend:

Innehalten und zweifeln

Verlangsamen. Die Unternehmer ließen sich häufig schnell für neue Projekte begeistern und wollten sie direkt umsetzen. Die Berater schafften es aber, sie dazu zu bewegen innezuhalten und den Ablauf etwas zu verlangsamen. Dadurch konnten die Manager alles noch einmal überdenken. Ein Berater sagte: „Ich muss den Chef bremsen, wenn er zu ungestüm ist. Dieses Verlangsamen ist schwierig. Es gab zum Beispiel ein Problem in der Unternehmerfamilie, bei dem zu schnell reagiert wurde und dies nicht in die richtige Richtung. Ich dachte, dass sie mehr Informationen bekommen müssten. Informationen, die ich hatte, was sie aber nicht wussten.“

Infrage stellen. Die Berater ermutigten die Geschäftsführer häufig, vermeintlich sicheres Wissen infrage zu stellen oder anzuzweifeln. Diese Zweifel oder Gegenargumente setzten dann ein kritisches Denken in Gang, bei dem alle Fakten abgewogen werden konnten. Einer der Familienunternehmer gab diesbezüglich zu Protokoll: „Ich bin sehr emotional. Mein Berater ist es nicht, und er kann einfach sehr interessante Fragen stellen. Das genügt, damit ich darüber noch einmal nachdenke. Ich finde, alles, was eine andere Person tun kann, ist, die richtigen Fragen zu stellen.“

Unangenehmes aussprechen

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Für andere reden. Schließlich konnten die Berater für neue Informationen sorgen, weil sie für die Mitglieder der Unternehmerfamilie sprachen, wenn die Fronten verhärtet waren. Sie wurden zum Mittelsmann, sprachen aus, was sich die Angehörigen nicht sagen konnten, stellten Dinge klar, informierten, klärten auf. Ein Berater dazu: „In Familienunternehmen werden wichtige Informationen häufig blockiert. Ein enger Berater ist in der Lage, Dinge zu sagen, die andere nicht aussprechen wollen. Er findet Wege, Informationen mitzuteilen, die man unbedingt erfahren muss.“

Abschließend weisen die Wissenschaftler noch darauf hin, dass insbesondere Verlangsamung  nicht unbedingt gut sein muss: „Die NASA hatte zum Beispiel zwei Shuttle-Disaster, weil Informationen und abweichende Meinungen zu langsam weitergegeben wurden oder überhaupt nicht ausgesprochen wurden.“

© Wirtschaftspsychologie aktuell, 2017. Alle Rechte vorbehalten.

Weiterführende Informationen:

Vanessa M. Strike (University of British Columbia) & Claus Rerup (Western University). (2016). Mediated Sensemaking [Abstract]. Academy of Management Journal, 59 (3), 880-905.

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