Gesellschaftliche Stereotype schreiben vor allem Frauen die Verantwortung für die Sorgearbeit zu, während Männer stärker mit der Rolle des Ernährers verknüpft werden. Eine Studie zeigt, dass Mütter aufgrund dieser Stereotype mehr Schuldgefühle empfinden, wenn Arbeit und Familie kollidieren.
Um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, scheint kein Weg am Verzicht vorbeizuführen. Wer darf in einer Partnerschaft wie viele Stunden pro Woche arbeiten, wer nimmt im Bedarfsfall „kindkrank“ und wer opfert Zeit für die Aufgaben im Haushalt?
Allen Rufen nach Gleichberechtigung zum Trotz reduzieren nach der Geburt eines Kindes meist die Mütter ihre Arbeitszeit, um sich der Care-Arbeit zu widmen, während Väter ihr Stundenpensum oft beibehalten oder sogar erhöhen (Choi et al., 2005; Kaufman & Uhlenberg, 2000; Nomaguchi & Milkie, 2003; Paull, 2008). Frauen, die nicht auf ihre beruflichen Ambitionen verzichten und zeitnah nach der Geburt an den Arbeitsplatz zurückkehren, werden mitunter negativ, z. B. als „kalt“ und „egoistisch“, beurteilt oder sie erhalten weniger interessante Arbeitsaufgaben (Haines & Stroessner, 2019; Morgenroth & Heilman, 2017; Yerkes et al., 2017). Männer hingegen gelten schnell als „unmännlich“, wenn sie sich an den häuslichen Pflichten beteiligen (Chaney et al., 2019).
Doch warum entscheiden sich Mütter häufiger für die Familie als für den Beruf? Die bisherige Forschung (z. B. Borelli et al., 2017) legt nahe, dass Schuldgefühle eine wichtige Rolle spielen könnten.
Werden Schuldgefühle von Geschlechterstereotypen ausgelöst?
Die niederländischen Forscherinnen Lianne Aarntzen, Belle Derks, Elianne van Steenbergen und Tanja van der Lippe sind in einer Studie von 2022 der Frage nachgegangen, inwieweit Schuldgefühle das Ergebnis internalisierter Geschlechterstereotype sind, die Mütter primär der Sorgearbeit und Väter der Erwerbsarbeit zuordnen.
Die Forscherinnen überprüften die Hypothese, dass die Schuldgefühle bei Frauen umso größer und bei Männern umso niedriger ausfallen, je stärker sie traditionelle Geschlechterstereotype verinnerlicht haben. Diese Annahme haben sie in zwei Experimenten untersucht.
Teil 1: Experimentelle Szenario-Studie
Am ersten Experiment nahmen 251 Eltern (53,8 % weiblich) teil, die in heterosexuellen Beziehungen lebten, mindestens ein Kind hatten und berufstätig waren.
Die Teilnehmenden durchliefen den sogenannten Gender-Career Implicit Association Test (IAT). Dieser misst, wie stark die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ mit den Begriffen „Beruf“ und „Familie“ assoziiert werden. Die Teilnehmenden bekamen dafür 33 Wörter vorgelegt, die sie den Kategorien „weiblicher Vorname“, „männlicher Vorname“, „berufsbezogenes Wort“ oder „familienbezogenes Wort“ zuordnen sollten. Dafür klickten sie auf eine von zwei Tasten. In der kongruenten Bedingung war eine Taste für weibliche Namen und Familienwörter und die andere Taste für männliche Namen und Berufswörter vorgesehen, in der inkongruenten Bedingung stand eine Taste für Frauennamen und Berufswörter und die andere für Männernamen und Familienwörter. Ein hoher Testwert deutet auf traditionelle, ein niedriger auf egalitäre internalisierte Stereotype hin. Proband*innen mit einem hohen Testwert konnten die Begriffe in der kongruenten Bedingung schneller richtig zuordnen.
Anschließend sollten sich die Teilnehmenden in ein fiktives Szenario hineinversetzen, in dem sie nicht zu Hause bleiben können, um ihr krankes Kind zu pflegen, weil sie zur Arbeit müssen, während die Partnerperson einspringt. Sie bewerteten, wie schlecht oder schuldig sie sich in dieser Situation fühlen würden, und gaben an, wie sie mit dieser Situation, wäre sie real, umgingen.
Die Ergebnisse bestätigen, dass internalisierte Stereotype beeinflussen, wie Eltern ihre Rolle wahrnehmen:
- Die befragten Mütter berichteten insgesamt von höheren erwarteten Schuldgefühlen als Väter.
- Für Väter galt: Je stärker sie Männer mit Arbeit und Frauen mit Familie assoziierten, desto weniger Schuldgefühle erwarteten sie in der fiktiven Situation.
- Bei den Müttern zeigte sich überraschenderweise kein statistischer Zusammenhang zwischen Stereotypen und Schuldempfinden. Die Schuldgefühle waren in diesem extremen Szenario (krankes Kind) bei fast allen Müttern sehr hoch, unabhängig von ihren IAT-Werten.
Teil 2: Tagebuchstudie im Alltag
Um die Dynamik auch im realen Leben unter die Lupe zu nehmen, wurden in einem zweiten Teil der Studie 105 berufstätige Mütter über acht aufeinanderfolgende Tage mittels Online-Fragebögen begleitet.
Jeden Abend gaben die Mütter an, wie viele Stunden sie gearbeitet hatten, inwieweit die Arbeit mit familiären Aktivitäten kollidiert hatte und wie stark ihre Schuldgefühle gegenüber der Familie waren. Mittels Multilevel-Analysen wurde untersucht, ob die individuellen IAT-Werte dafür bedeutsam waren, wie stark eine Mutter auf lange Arbeitstage und Überstunden mit Schuldgefühlen reagierte.
Die Ergebnisse zeigten einen klaren Effekt: An Tagen, an denen Mütter länger arbeiteten, empfanden sie einen stärkeren Konflikt zwischen Arbeit und Familie und damit auch mehr Schuldgefühle. Dieser Zusammenhang war bei Müttern mit traditionellen internalisierten Stereotypen deutlich stärker. Eine traditionell geprägte Mutter empfand einen Acht-Stunden-Arbeitstag als viel belastender für die Familie als eine Mutter mit egalitären Assoziationen. Für Letztere war ein langer Arbeitstag weniger mit der moralischen Bewertung verknüpft, eine „schlechte Mutter“ zu sein.
Ein Teufelskreis der Geschlechterrollen?
Die Studie verdeutlicht, dass das Erleben von Konflikten zwischen Beruf und Familie keine rein objektive Angelegenheit ist, sondern von gesellschaftlichen Normen und subjektiven Bewertungen geprägt wird. Die Forscher*innen sprechen von einem Teufelskreis der Geschlechterrollen: Die Gesellschaft sieht vorrangig die Mütter in der Verantwortung für Familie und Haushalt. Entscheiden sich Mütter, beruflich nicht kürzer zu treten, scheinen sie aufgrund der Geschlechterstereotype stärkere Schuldgefühle zu empfinden, was die Wahrscheinlichkeit für Stundenreduktion erhöht, während Männer ungehinderter ihrer Karriere nachgehen können. Dieses Verhalten kann wiederum die Umwelt in ihren Vorurteilen bestätigen, was die Stereotype weiter festigt.
Praktische Implikationen
Aus den Erkenntnissen lassen sich wichtige Strategien für Unternehmen und die Gesellschaft ableiten:
- Bewusstsein schaffen: Interventionen sollten darauf abzielen, Eltern ihre impliziten Assoziationen bewusst zu machen. Oft widersprechen diese den expliziten, modernen Werten, die sie eigentlich vertreten wollen.
- Nicht-stereotype Vorbilder: Je sichtbarer Väter, die in die Kinderbetreuung eingebunden sind, und karriereorientierte Mütter (z. B. in Medien oder durch das Lesen von Büchern mit Figuren, die sich entgegen den Geschlechterstereotypen verhalten) sind, desto eher können sich mentale Verknüpfungen langfristig verändern. Auch Führungskräfte können in der Hinsicht eine Vorbildrolle einnehmen.
- Verhaltensänderung als Hebel: Übernehmen Väter aktiv traditionell weiblich besetzte Aufgaben (z. B. zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist), verändern sich durch diese Erfahrung auch die impliziten Stereotype. Selbiges gilt für Frauen, die ihre Karriere nicht zurückstellen wollen.
- Schuldgefühle hinterfragen: Implizite Rollenbilder sind oft nicht bewusst. Genauso könnte vielen Menschen die Ursache für ihre Schuldgefühle nicht bekannt sein. Kritisch zu reflektieren, inwieweit man z. B. als Frau aus eigener Überzeugung oder zur Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen auf den Job verzichtet, kann helfen, Schuldgefühle zu hinterfragen.
Limitationen
Die Autorinnen der Studie weisen auf einige Einschränkungen hin:
- Kausalität: Da es sich um korrelative Untersuchungen handelt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob Stereotype die Schuldgefühle verursachen oder ob z. B. Menschen, die viel Schuld empfinden, nachträglich traditionellere Ansichten entwickeln, um ihr Verhalten zu rechtfertigen.
- Kultureller Kontext: Die Forschung fand in den Niederlanden statt. Obwohl das Land bei der expliziten Gleichstellung gut abschneidet, sind die traditionellen Rollenbilder im Alltag (z. B. Teilzeitmodelle für Frauen) noch stark verankert. In Ländern mit weniger gegenderten Familiennormen wie Island könnten die Effekte schwächer ausfallen.
- Fokus auf Sorgearbeit: Die Studie untersuchte Schuld primär im Kontext von mangelnder Zeit für die Familie. Es ist möglich, dass Väter in anderen Bereichen (wenn sie z. B. die Versorgerrolle nicht ausfüllen können) höhere Schuldgefühle empfinden als Mütter.
Fazit
Die Studie deckt auf, was häufig im Verborgenen bleibt: Schuldgefühle – eine Folge internalisierter gesellschaftlicher Erwartungen, die Mütter durch schlechtes Gewissen in traditionelle Rollen treiben, während sie Väter bei familiären Pflichten aussparen. Erst wenn ein Vollzeitjob für eine Mutter nicht mehr automatisch mit dem Gefühl des moralischen Versagens verknüpft ist, wird „freie Wahl“ bei der Arbeitszeitgestaltung wirklich Realität.
Vorgestellte Studie:
Aarntzen, L., Derks, B., Van Steenbergen, E., & Van Der Lippe, T. (2023). When work–family guilt becomes a women’s issue: Internalized gender stereotypes predict high guilt in working mothers but low guilt in working fathers. British Journal of Social Psychology, 62(1), 12-29.







