Was macht Arbeit wirklich sinnhaft und warum ist Sinnhaftigkeit so entscheidend für die Zufriedenheit und Bindung von Mitarbeitenden? Eine aktuelle Studie zeigt, dass Autonomie und Sinnerleben eng miteinander verknüpft sind und einen starken Einfluss darauf haben, ob Menschen motiviert ihrem Job nachgehen.
Wenn Mitarbeitende ihre Arbeit als sinnhaft, bedeutsam und wertvoll empfinden, wirkt sich dies positiv auf ihre Arbeitszufriedenheit (Steger et al., 2012), Arbeitsmotivation (Caillier, 2021), Arbeitsleistung (Nikolova & Cnossen, 2020) und Bleibeabsicht aus (Sánchez-Cardona et al., 2021). Unter welchen Voraussetzungen Beschäftigte Sinnhaftigkeit bei der Arbeit erleben und wann positive Effekte hinsichtlich der Arbeitszufriedenheit und Kündigungsabsicht zu erwarten sind, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.
Joanna Wandycz-Mejias, Alvaro Lopez-Cabrales (beide von der Universidad Pablo de Olavide, Sevilla, Spanien) und José Luis Roldán (Universidad de Sevilla) haben sich in einer neuen Studie diesem Thema gewidmet und dafür die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT; Ryan & Deci, 2017) als Basis genommen.
Die Selbstbestimmungstheorie von Ryan und Deci
Die SDT beschreibt drei psychologische Grundbedürfnisse, die für Menschen beim Erreichen von Zielen große Relevanz haben:
- Kompetenz,
- Autonomie,
- Verbundheit.
Häufig wird das Erleben von Sinnhaftigkeit mit der Befriedigung dieser drei Bedürfnisse in Verbindung gebracht und die Autor*innen der hier vorgestellten Studie vermuten dasselbe für Sinnhaftigkeit bei der Arbeit. Dabei stellen sie das Bedürfnis nach Autonomie ins Zentrum ihrer Studie.
Autonomie und Sinnhaftigkeit bei der Arbeit
Autonomie ist ein wichtiger Faktor für Motivation und Wohlbefinden bei der Arbeit (Väänänen et al., 2020) und beeinflusst das Stresslevel, die Arbeitszufriedenheit und die Kündigungsabsicht (Hood & Patton, 2022). Arbeitsautonomie meint das Ausmaß von Freiheit, Diskretion und Unabhängigkeit, sodass selbstständig Entscheidungen getroffen und Herangehensweisen an Aufgaben gewählt werden können (Humphrey et al., 2007; Van den Broeck et al., 2016). Arbeitsautonomie kann Mitarbeitenden helfen, sich gegen Stress zu schützen und ihre Arbeit passend zu ihren Bedürfnissen zu gestalten (Karasek, 1979).
Studie mit 117 Wissensarbeiter*innen
Wandycz-Mejias et al. (2025) haben für ihre Studie 117 Wissensarbeiter*innen eines US-amerikanischen Automobilunternehmens befragt (86,3 % männlich). Mittels Fragebögen wurden die folgenden Merkmale erhoben:
- 9 Fragen zur Arbeitsautonomie, z. B. „Dieser Job ermöglicht mir ein bedeutsames Maß an Autonomie beim Treffen von Entscheidungen.“
- 4 Fragen zur Sinnhaftigkeit, z. B. „Die Arbeit, die ich mache, ist sinnstiftend für mich.“
- 3 Fragen zur Arbeitszufriedenheit, z. B. „Alles in allem bin ich zufrieden mit meinem Job.“
- 2 Fragen zur Kündigungsabsicht, z. B. „Ich denke oft darüber nach, zu kündigen.“
Als Kontrollvariablen wurden Alter, bisherige Beschäftigungszeit und Managerstatus erfasst.
Die Ergebnisse
Die statistischen Berechnungen führten zu folgenden Ergebnissen:
- Eine höhere Autonomie bei der Arbeit sagte ein stärkeres Erleben von Sinnhaftigkeit im Job vorher.
- Mehr Sinnhaftigkeit im Job sagt eine höhere Arbeitszufriedenheit vorher.
- Zwischen Autonomie und Arbeitszufriedenheit sowie zwischen Autonomie und geringerer Kündigungsabsicht gibt es jeweils einen positiven Zusammenhang, der sich vollständig durch die wegen der Autonomie erhöhten Sinnhaftigkeit erklären lässt.
- Sinnhaftigkeit hing mit einer geringeren Kündigungsabsicht zusammen. Sie senkte die Kündigungsabsicht allerdings nicht so stark, wie sie die Arbeitszufriedenheit stärker erhöhte.
Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?
Die Studie führt vor Augen, dass Sinnhaftigkeit ein entscheidender Faktor für die Bindung von Mitarbeitenden ist. Neben sinnstiftenden Aufgaben trägt auch die Ermöglichung von Autonomie maßgeblich zum Erleben von Sinnhaftigkeit bei und wirkt sich positiv auf die Arbeitszufriedenheit und Bindung ans Unternehmen aus. Mitarbeitenden sollte daher…
- ein möglichst hohes Maß an Verantwortung und Selbstständigkeit ermöglicht werden,
- der Sinn und Wert ihrer Arbeit regelmäßig aufgezeigt werden,
- über monetäre Anreize hinaus Gründe geboten werden, sich in ihrem Job zu engagieren.
Möglich ist dies beispielsweise durch ein hohes Maß an sich selbst führenden Teams, Teamwork, konstruktives Feedback und die Unterstützung von Mitarbeitenden bei Fort- und Weiterbildung.
Einschränkungen der Studie
Aufgrund des Querschnittsdesigns sind keine Aussagen über kausale Mechanismen möglich. Hinzu kommt die wenig repräsentative Stichprobe, die ausschließlich in einem Unternehmen rekrutiert wurde. Auch sind Verzerrungen der Antworten aufgrund von sozialer Erwünschtheit und subjektiver Wahrnehmung möglich. Nicht zuletzt hätten für ein umfassenderes Bild weitere Variablen (z. B. Teamklima, Gehalt) erhoben werden sollen, um die Bedeutsamkeit von Autonomie und Sinnhaftigkeit mit diesen zu vergleichen.
Fazit
Die Studie verdeutlicht, dass Arbeitsautonomie ein zentraler Hebel ist, um Sinnhaftigkeit bei der Arbeit zu fördern, und dass dieses Sinnerleben wiederum maßgeblich zur Arbeitszufriedenheit und zur Verringerung der Kündigungsabsicht beiträgt. Für die Praxis bedeutet das: Wer Mitarbeitenden mehr Entscheidungsspielräume eröffnet und ihnen den Wert ihrer Arbeit vermittelt, stärkt nicht nur Motivation und Zufriedenheit, sondern auch die langfristige Bindung ans Unternehmen. Nichtdestotrotz sollten die Studienergebnisse aufgrund methodischer Einschränkungen vorsichtig interpretiert und durch weitere Forschung ergänzt werden.
Der Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.
Vorgestellte Studie:
Wandycz-Mejias, J., Roldán, J. L., & Lopez-Cabrales, A. (2025). Analyzing the impact of work meaningfulness on turnover intentions and job satisfaction: A self-determination theory perspective. Journal of Management & Organization, 31(1), 384-407.







