Mentoring ist ein Schlüssel für angehende Wirtschaftspsycholog*innen, um in einer dynamischen Arbeitswelt erfolgreich in den Beruf zu starten. Ob Karriereplanung, Wissensaustausch oder Potenzialerkennung – Mentoring schult Kernkompetenzen und nutzt nicht zuletzt auch den Unternehmen.
In einer Arbeitswelt, die geprägt ist von Digitalisierung, technologischen Innovationen, Globalisierung und dynamischen Veränderungen, sind fachspezifisches Wissen und Kompetenzen in Bereichen wie Beratung, Leadership, Change Management und digitaler Transformation sowie die Fähigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit, zum selbstständigem Problemlösen, zur Reflexion und Kommunikation unerlässlich. Diese Herausforderung kommt für Wirtschaftspsycholog*innen zu der ohnehin vorhandenen Anforderung, aus den vielfältigen Aufgabenbereichen das eigene berufliche Profil zusammenzustellen, hinzu. Zu diesen Aufgabenbereichen zählen:
- Change Management
- Beratung
- Personalmanagement
- Organisationsentwicklung
- Gesundheitsmanagement
- KI-Integration
Diese Vielfalt der Arbeitsfelder erhöht die Anforderungen an Studierende, sich über ihre Stärken und ihr Kompetenzprofil klar zu werden und sich gezielt weiterzuentwickeln. Mentoring kann dabei helfen, persönliche Interessen, individuelle Stärken und die Passung zu den unterschiedlichen Praxisfeldern zu sondieren.
Mentoring als Brücke zwischen Studium und Beruf
Mentoring fördert die Entwicklung von Mentees auf vielfältige Weise (u. a. Eby et al., 2008; Graf & Edelkraut, 2017). Es unterstützt insbesondere beim Berufseinstieg und wirkt sich positiv auf die berufliche Entwicklung von Studierenden aus (Nabi et al., 2024), es steigert die Selbstwirksamkeit bei der Stellensuche und fördert eine realistische Einschätzung der Arbeitswelt (Hamilton et al., 2019).
Typische Vorteile für Mentees sind:
- fachlicher Austausch und wertvolle Ratschläge
- Aufbau eines beruflichen Netzwerks
- Stärkung von Selbstvertrauen und Selbsteinschätzung
- Klärung von beruflichen und privaten Zielen
Auch Mentor*innen profitieren, v. a. durch:
- Inspirierenden Austausch und neue Impulse
- Reflexion der eigenen Erfahrungen
- Kennenlernen neuer Sichtweisen
Insgesamt gesehen ist Mentoring im Hochschulkontext für Mentees und Mentor*innen von großem Nutzen, wobei die stärksten Effekte erzielt werden, wenn die Programme gut strukturiert sind, eine Mentor*innenschulung umfassen und hochwertige, dauerhafte Beziehungen fördern (u. a. Káplár-Kodácsy et al., 2024; Lorenzetti et al., 2019).
Besonders effektiv ist für Masterstudierende der Wirtschaftspsychologie ein curriculumsintegriertes Mentoring, durch das die Impulse aus dem Mentoring in den Lehrveranstaltungen aufgegriffen und mit der fachlichen Kompetenzentwicklung verknüpft werden können.
Case Study zum curriculumsintegrierten Mentoring
Ausgehend von diesen Erkenntnissen wurde im Masterstudiengang Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Offenburg zu dessen Start im März 2025 ein curriculumsintegriertes Mentoring-Programm konzipiert, das den individuellen Entwicklungsprozess unterstützt. Das Programm folgt dem typischen Ablauf (u. a. Pflaum & Wüst, 2019; Rademacher & Weber, 2017):
1. Vorbereitung der Mentees und Mentor*innen
- Vorgespräche und Auswahl der Mentor*innen: Dabei standen die Ziele und Rahmenbedingungen des Mentoringprogramms im Vordergrund
- Onboarding und Kick-Off Mentor*innen: Klärung der Rolle der Mentor*innen, der Rahmenbedingungen, des Ablaufs sowie Austausch über mögliche Inhalte und Formate
- Onboarding und Kick-Off Mentees: Erarbeitung einer persönlichen Zielsetzung, Info zu Rahmenbedingungen, Ablauf und möglichen Inhalten und Formaten
2. Matching
- Profile der Mentor*innen werden den Studierenden zur Verfügung gestellt; Studierende wählen/priorisieren Mentor*innen aufgrund der Passung zu den eigenen Zielen
- Zuordnung durch Programmkoordination
- Info an Matches durch Programmkoordination
3. Aktionsphase
10 Monate (April bis Ende Januar), beginnend mit einer Mentoring-Vereinbarung, nachfolgend individuell vereinbarte protokollierte Tandemtreffen (alle 6-8 Wochen) sowie Impulse und Reflexionseinheiten im Rahmen einer dazugehörigen Lehrveranstaltung; ein Kaminabend pro Semester, um alle beteiligten Personen zu vernetzen
4. Evaluation und Abschluss:
Befragung der Mentor*innen und Mentees; Durchführung von Feedbackgesprächen; Abschlussreflexion
Im Rahmen einer Fallstudie wurde untersucht, ob das Mentoring-Programm den beschriebenen Nutzen bringt. Dazu wurden alle Mentees (14 Personen) und neun Mentor*innen befragt.
Erfahrungen der Mentees:
- Hohe Zielerreichungsquote: 71,4 % der Mentees bestätigen, dass ihre zu Beginn gesetzten Ziele — meist Karriereplanung und Stärkenanalyse — erreicht wurden.
- Geringe Relevanz der Work-Life-Balance: 35,7 % der Mentees geben an, Tipps zur Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben erhalten zu haben; das Thema spielt im Mentoring-Prozess somit eine untergeordnete Rolle.
- Drei zentrale Aspekte des Programms sind besonders hervorzuheben:
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- Karriereplanung: 85,7 % der Mentees haben dieses Thema aktiv in der Mentoring-Beziehung besprochen.
- Erkennen des eigenen Potenzials: 78,6% stimmen zu, durch das Programm eigene Potentiale erkannt zu haben.
- Erkennen eigener Stärken und Schwächen: 71,4 % sehen hier einen hohen Nutzen durch die Teilnahme am Programm.
Zudem geben über die Hälfte der Mentees an, eine bessere Vorstellung davon zu haben, in welchem Unternehmen oder Umfeld und in welcher Position sie arbeiten möchten.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Selbstwirksamkeit – also das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, erfolgreich eine Stelle zu finden – durch das Programm gestärkt wird, was in der Bewerbungs- und Orientierungsphase für das Finden einer passenden Position wichtig ist. Dass die Mentees diese Erfahrungen für hilfreich halten, wird dadurch deutlich, dass 92,8 % der Mentees das Mentoring-Programm anderen Studieninteressierten weiterempfehlen würden.
Erfahrungen der Mentor*innen:
Auch die Mentor*innen bewerten das Programm als positiv und bereichernd. Die wichtigsten Vorteile sind:
- Konstruktives Feedback von Mentees (88,9 % Zustimmung)
- Weiterentwicklung der Beratungskompetenz (66,7 % Zustimmung)
- Reflexion der eigenen Arbeitsweise und beruflichen Biografie (66,7 % Zustimmung)
Kritische Erfolgsfaktoren:
Die Auswertung der Freitextfelder zeigt Bedingungen für den Erfolg des Mentoring-Programms:
- Eine aktive und gute Einführung für alle Beteiligten sorgt dafür, dass Rollen, Aufgaben und Erwartungen transparent sind.
- Klare Zielsetzungen der Mentees erleichtern den Austausch und führen zu mehr Zufriedenheit auf beiden Seiten.
- Verbindliche Rahmenbedingungen zu Zeitaufwand und Häufigkeit der Treffen schaffen Verlässlichkeit.
Empfehlungen für die Praxis
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass curriculumsintegriertes Mentoring die Profilbildung von Wirtschaftspsychologinnen aktiv unterstützt, wichtige Future Skills fördert und den Mentees eine konkrete Vorstellung davon vermittelt, in welchen Arbeitsfeldern und Funktionen sie sich auf dem Arbeitsmarkt positionieren wollen. Es ist davon auszugehen, dass Unternehmen von einer solch reflektierten Karriereplanung profitieren. Darüber hinaus entsteht ein sekundärer Nutzen für Unternehmen über teilnehmende Mentor*innen, die ihre individuelle Beratungskompetenz weiterentwickeln, neue Blickwinkel kennenlernen und Feedback aus studentischer Perspektive erhalten. Zugleich ist aufgrund der begrenzten Stichprobengröße die Übertragbarkeit der Ergebnisse eingeschränkt, sodass weitere Studien mit größeren und diverseren Samples erforderlich sind, um die hier aufgezeigten Potenziale curriculumsintegrierter Mentoring-Programme zu untermauern. Um den beschriebenen Nutzen zu erreichen, sollten folgende Punkte beachtet werden (Abb. 1):

Dieses strukturierte Vorgehen fördert die persönliche und berufliche Entwicklung der Teilnehmenden und stärkt zugleich die Verbindung zwischen Hochschule und Praxis. Mentoring wird dadurch zu einem wertvollen Instrument für alle Akteur*innen im Feld der Wirtschaftspsychologie. Studiennahe Mentoringangebote, wie im Studiengang Wirtschaftspsychologie an der Universität Mainz, bieten einen leichten Zugang zu Mentoringbeziehungen, sind allerdings eine Seltenheit. Universitäts- oder hochschulweite Mentoringprogramme sind häufiger vorhanden, oft gesteuert von Career Centern. Daneben können auch Mentoringprogrammen anderer Institutionen hilfreich sein, was allerdings mit einer guten Passung und Qualitätssicherung verbunden sein sollte.







