„Ich halte das Signal der Bundesregierung für absolut falsch“

Foto: Julia Bergmeister

Im Rahmen ihres Reformpakets vom 2. Juli 2026 plant die Bundesregierung auch die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung, eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag sowie verschärfte Strafen für unrichtigerweise ausgestellte AU-Bescheinigungen. Aus psychologischer Sicht ein fatales Signal, meint der Psychologe Prof. Dr. Simon Werther.

Herr Werther, die Koalition plant eine Attestpflicht ab dem ersten Tag der Erkrankung. Welches Signal sendet das an Arbeitnehmende?

Das Signal ist in erster Linie Misstrauen. Eine Änderung der Attestpflicht wäre nicht notwendig, wenn das Vertrauen in Arbeitnehmer*innen im Vordergrund stünde. In der aktuellen Zeit, die von politischen Turbulenzen, wirtschaftlicher Unsicherheit und geopolitischen Krisen geprägt ist, halte ich dieses Signal für absolut falsch. Von unserer Bundesregierung würde ich ein Signal des Aufschwungs und der Aufmunterung erwarten. Dies wäre aus Perspektive der Wissenschaft das einzig richtige Signal.

Welche Konsequenzen vermuten Sie mit Blick auf die Arbeitszufriedenheit, -motivation, das Arbeitsklima und die Mitarbeitendenbindung?

Mir fallen keine positiven Konsequenzen ein. Die Bundesregierung macht es sogar noch schlimmer, indem sie den schwarzen Peter jetzt allen Arbeitgebern zuschiebt: Die Attestpflicht muss schließlich nicht umgesetzt werden oder kann kulant gehandhabt werden. Dann stellt sich mir die Frage, warum eine Maßnahme beschlossen wird, von der die Bundesregierung selbst nicht überzeugt ist. Auf die Zufriedenheit und Motivation von Mitarbeitenden kann sich die Attestpflicht ab dem ersten Tag im besten Fall nicht und im schlechtesten Fall sehr negativ auswirken. Eine positive Auswirkung lässt sich auf Basis wissenschaftlicher Befunde und Statistiken von Krankenhassen nicht ableiten.

Das Ziel der Regierung ist eine Reduktion der Krankheitstage. Wird dieses Ziel so erreicht werden?

Nein, aktuell deuten keinerlei wissenschaftliche Befunde und Statistiken von Krankenkassen darauf hin, dass die Krankheitstage durch diese Maßnahme gesenkt werden. Oder anders gesagt: Möglicherweise werden die Krankheitstage auf dem Papier gesenkt, doch Arbeitnehmer*innen arbeiten dafür krank und stecken im schlimmsten Fall Kolleg*innen an oder erkranken dadurch im Verlauf sogar schwerer und faktisch länger. Positive Anreize und die Unterstützung präventiver Maßnahmen wären sinnvoll und aus wissenschaftlicher Perspektive belastbar.

Fast niemand von uns – oder zumindest die allerallerwenigsten – ist gerne oder absichtlich krank oder macht blau. Insofern wäre es viel wichtiger, diejenigen zu stärken und zu unterstützen, die gerne gesund bleiben wollen, anstatt die ganz wenigen zu sanktionieren und damit alle zu treffen. Mir fallen da sehr viele politische Maßnahmen über alle Ministerien hinweg ein, die auf Prävention und positive Anreize setzen. Druck und Sanktionen sind zweifellos die unkreativste und eine der schlechtesten Varianten, um das Ziel der Bundesregierung zu erreichen und den Krankenstand zu reduzieren.

Könnte die Neuregelung auch nach hinten losgehen und einen Anstieg an Krankheitstagen verursachen?

Absolut, das ist nicht auszuschließen. Einerseits könnten sich leicht erkrankte Arbeitnehmer*innen bei anderen Menschen im Wartezimmer der Ärztin oder des Arztes anstecken oder sie könnten selbst andere anstecken. Genauso wird sich niemand nur für einen Tag krankschreiben lassen, wenn man dann am nächsten Tag wieder ein neues Attest benötigen würde. Insofern könnte sich die Dauer der Abwesenheit sogar verlängern. Präsentismus – also das Arbeiten, obwohl man krank ist – kann eine weitere Gefahr darstellen. Und darüber hinaus entstehen unabhängig von diesen individuellen und wirtschaftlichen Faktoren für das Gesundheitssystem Kosten, die absolut vermeidbar wären.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wir sprachen mit:

Prof. Dr. Simon Werther ist Professor für Leadership an der Hochschule München, Diplom-Psychologe, Autor, Speaker und Unternehmer sowie Board Member beim Start-up HRinstruments.

Foto: Julia Bergmeister

Weitere Artikel zum Thema