Neue Studie: Vertrauen in KI steigt nach direkter Interaktion

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Macht es einen Unterschied, ob eine KI wie ein technisches Werkzeug oder wie ein menschliches Teammitglied erscheint? Um dieser Frage nachzugehen, wurde in einer neuen Studie ein ungewöhnliches Experiment durchgeführt, bei dem die Teilnehmenden auf einer simulierten Marsmission mit einer KI zusammenarbeiteten.

Künstliche Intelligenz (KI) wird zunehmend komplexer und kann Menschen bei der Arbeit immer besser unterstützen, beispielsweise im Katastrophenschutz, in der Raumfahrt oder in der Gesundheitsversorgung (Demir et al., 2019; Formosa et al., 2022; Lyons et al., 2021; Rieth & Hagemann, 2022)

Doch wie gelingt eine effektive Zusammenarbeit von Menschen und KI? Wie kann KI in Teamprozesse einbezogen werden? Und genießt sie dasselbe Vertrauen wie menschliche Kolleg*innen?

KI: Werkzeug vs. Teammitglied

In der Wissenschaft gibt es zwei Grundperspektiven auf KI im Arbeitskontext:

  1. KI als Werkzeug, das von Menschen bei ihrer Arbeit benutzt wird.
  2. KI als Teammitglied, das ähnlich wie menschliche Mitarbeitende soziale Dynamiken anstoßen kann.

Inwieweit eine KI ähnlich wie ein menschliches Teammitglied oder lediglich wie ein Werkzeug empfunden wird, hängt mitunter von dem Ausmaß an Handlungsfähigkeit, Wohlwollen, Interdependenz, Kommunikationsvielfalt, Synchronität und Teamfokus ab (Lyons & Wynne, 2021). Da Menschen dazu neigen, KI zu vermenschlichen (Nass & Moon, 2000), ist zu vermuten, dass KI im Arbeitskontext häufig nicht bloß als ein bloßes Tool betrachtet wird. Dafür spricht auch, dass die KI darauf trainiert wird, auf User möglichst menschlich zu wirken (Lyons & Wynne, 2021; Wynne & Lyons, 2018).

Was beeinflusst die Wahrnehmung von KI?

Vera Hagemann, Michèle Rieth, Lara Watermann, Ksenia Appelganc und Christiane Heinicke von der Universität Bremen haben in einer aktuellen Studie untersucht, wie es sich auf das Vertrauen und die Gefühle von Arbeitnehmenden gegenüber einer KI auswirkt, wenn diese als vertrauenswürdiges Werkzeug oder als unterstützendes Teammitglied geframed wird. Framing meint dabei, wie die KI benannt und eingeordnet wird. Das Ziel der Studie war die Ableitung konkreter Empfehlungen zur Einführung von KI in Unternehmen.

Studie: Künstliche Intelligenz auf dem Mars

Die 80 Teilnehmenden durchliefen ein Laborexperiment, bei dem sie sich vorstellen sollten, sich als Astronaut*in in einer Raumstation auf dem Mars zu befinden und bei ihrer Forschungsarbeit durch ein KI-System unterstützt zu werden. Das Setting war möglichst authentisch aufgebaut: Die Teilnehmenden trugen Raumfahrtanzüge und befanden sich während des Experiments in einer Raumstation, die im Center of Applied Space Technology and Microgravity der Universität Bremen aufgebaut war.

Ablauf

Den Teilnehmenden wurde das KI-System entweder als „K.I.1, ein Tool mit vielen Kenntnissen zum Photobioreaktor“ (Werkzeug-Frame) oder als „Kim, ein Crewmitglied mit Expertise zum Photobioreaktor“ (Teammitglied-Frame) vorgestellt. Generell wurden zur Beschreibung von Kim mehr menschliche Attribute verwendet als zur Beschreibung von K.I.1. Beide Tools hatten eine Sprachfunktion, Kim verwendete jedoch anders als K.I.1 auch Höflichkeitsphrasen wie „Danke“ oder „Gern geschehen“.

Nach diesem Framing wurden per Fragebogen der emotionale Zustand der Teilnehmenden und ihr Vertrauen in Kim bzw. K.I.1 erfasst. Anschließend führten die Teilnehmenden basale Aufgaben aus, z. B. wogen sie Gesteinsbrocken. Dabei wurden sie von der KI unterbrochen, die ein Problem mit dem Photobioreaktor meldete. Kim bzw. K.I.1 instruierte die Teilnehmenden, wie das Problem zu beheben sei, und die Teilnehmenden führten die Anweisungen aus. Währenddessen wurden sie gefilmt, um ihre Kommunikation mit der KI zu untersuchen. Danach beendeten die Teilnehmenden ihre vorherige Aufgabe und erneut wurden ihr emotionaler Zustand, ihr Vertrauen in die KI sowie ihre Neigung zur Vermenschlichung der KI per Fragebogen erhoben.

Ergebnisse

Anders als angenommen unterschied sich das Vertrauen der Teilnehmenden in Kim bzw. K.I.1 zu Beginn des Experiments nicht signifikant. Dafür fiel das Vertrauen in die KI bei den Teilnehmenden höher aus, nachdem sie mit Kim bzw. K.I.1 interagiert hatten. Dasselbe Muster zeigte sich für das emotionale Befinden, welches sich nicht zwischen den Gruppen unterschied, aber bei allen Teilnehmenden unabhängig von der Bedingung nach der Interaktion mit der KI positiver war als davor.

Eine zusätzliche Analyse der Kommunikation der Teilnehmenden mit Kim bzw. K.I.1 erwies ebenfalls keine nennenswerten Unterschiede. So verwendeten die Versuchspersonen im Gespräch mit Kim nicht signifikant mehr Pronomen oder Höflichkeitsfloskeln als im Gespräch mit K.I.1.

Dass die erwarteten Effekte mehrheitlich nicht beobachtbar waren, kann nicht daran liegen, dass das Framing nicht erfolgreich gewesen ist, denn per Manipulationscheck danach befragt bestätigten die Antworten der Teilnehmenden, dass sie Kim mehr als K.I.1 als wohlwollendes Teammitglied eingeordnet hatten.

Warum hatte das Framing keinen Effekt?

Hagemann et al. (2026) formulieren einige Vermutungen, wie das Ausbleiben des Framing-Effekts erklärt werden könnte:

  • Zwar haben z. B. die Studien von Walliser et al. (2017; 2019) gezeigt, dass als Teammitglied geframte KI positivere Gefühle auslöst als als Werkzeug geframte KI, diese Studien wurden jedoch online mit hypothetischen Szenarien durchgeführt. Da auch Kopp et al. (2023) beobachteten, dass Framing zwar im Online-Experiment einflussreich ist, bei Experimenten in Präsenz hingegen nicht, könnte die hier vorgestellte Studie darauf hinweisen, dass Framing an sich für die reale Zusammenarbeit mit einer KI nicht bedeutsam ist.
  • Stattdessen spricht einiges dafür, dass das Design der KI für das Vertrauen in sie relevant ist: So waren beide KI-Systeme fähig, sich verbal zu äußern, was anders als textbasierte Kommunikation zu einem positiven Teamgefühl beiträgt (Bogg et al., 2021). Auch ließen sich beide Systeme durch die Teilnehmenden gut bedienen, was zu einer durchweg positiven Erfahrung im Umgang mit Kim bzw. K.I.1 geführt haben mag.
  • Für das Vertrauen in eine KI ist ebenfalls von Vorteil, wenn sie autonom funktioniert (Azhar & Sklar, 2017). Sowohl Kim als auch K.I.1 waren sehr autonom, weshalb das Framing weniger Effekt auf das Vertrauen in die KI gehabt haben könnte.
  • Auch das Szenario im Experiment, in dem die KI für die Teilnehmenden eine überlebenswichtige Funktion hatte und sich besser auskannte als die Versuchspersonen, könnte zu einer positiven und vertrauensvollen Haltung gegenüber der KI beigetragen haben.

Wichtiger als das Framing scheint somit zu sein, dass eine KI so designt ist, dass sie sich in die Arbeitsabläufe von Menschen einfügt, autonom handlungsfähig ist und die Interaktion mit ihr ähnlich flüssig wie mit menschlichen Kolleg*innen verläuft. Passend dazu stiegen das Vertrauen und die positiven Gefühle bezüglich der KI, nachdem man positive Erfahrungen mit ihr gesammelt hatte.

Kritik an der Studie

Wie immer in der empirischen Forschung ist es für die Interpretation wichtig, sich die Stärken und Limitationen der Studie vor Augen zu führen:

Positiv an der Studie sind das realitätsnahe Setting und authentische Szenario (Mars-Station, Raumfahrtanzug, Instruktionen). Auch dass die Teilnehmenden über eine längere Zeit mit der KI interagieren konnten, ermöglichte tiefergehende Erfahrungen mit dem System.

Als Schwächen ist zum einen die eingeschränkte Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Arbeitssituationen zu nennen, weil sich das Szenario auf einen sehr spezifischen Hochrisikokontext bezog, die Teilnehmenden allein im 1:1 mit der KI agierten und die KI perfekt zuverlässig war, was selten der Realität entspricht. Zum anderen hätten die Bedingungen „Teammitglied“ vs. „Werkzeug“ stärker voneinander abgegrenzt werden können: So fehlten wichtige Merkmale von Teammitgliedschaft (z. B. gemeinsame Entscheidungsfindung). Auch ist unklar, welche Faktoren das Vertrauen und die Gefühle der Teilnehmenden tatsächlich beeinflusst haben.

Fazit

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es wichtiger ist, dass KI-Systeme kompetent, zuverlässig und unterstützend auftreten, als dass sie als Teammitglied gelabelt werden. Vertrauen scheint am besten durch direkte Interaktionen mit der KI zu entstehen, weshalb diese Interaktion möglichst effektiv und unkompliziert möglich sein sollte.

Der Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.

Vorgestellte Studie: Hagemann, V., Rieth, M., Watermann, L., Appelganc, K., & Heinicke, C. (2026). Team Member or Tool? The Role of Framing in Human-Autonomy Teaming. International Journal of Human–Computer Interaction, 1-22.

Weitere Literatur

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