Studie zeigt: Präsentismus fördert unkollegiales Verhalten

Zwei Frauen im Büro, die sich genervt anschauen.

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Viele Beschäftigte gehen trotz Krankheit zur Arbeit, oft aus Pflichtgefühl oder wegen hoher Arbeitsbelastung. Eine neue Studie zeigt, dass unter diesem Präsentismus auch das soziale Miteinander im Team leiden kann.

Haben Sie sich auch schon einmal zur Arbeit geschleppt, obwohl Sie angeschlagen oder krank waren, weil so viel zu tun war? Falls ja, vielleicht haben Sie bei sich dann ebenfalls beobachtet, dass Ihre Reizbarkeit gegenüber Kolleg*innen erhöht war. Doch nimmt auch unkollegiales Verhalten zu?

In der Tat geht Präsentismus – also das Arbeiten trotz Krankheit (Ruhle et al., 2020) – nicht nur zu Lasten des Wohlbefindens, der Gesundheit und der Leistung, sondern kann sich auch negativ auf das soziale Gefüge im Team auswirken, da er die zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die Normen und Werte von Personen beeinflusst (Boekhorst & Halinski, 2023; Dietz et al., 2020; Luksyte et al., 2015, 2023; Taylor et al., 2021). Die konkreten sozialen und ethischen Auswirkungen von Präsentismus auf die zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz sind bislang jedoch noch nicht tiefgehend erforscht.

Neue Studie stellt Präsentismus in sozialen Kontext

Eine neue Studie will diese Lücke schließen. Neha Tripathi (National University of Singapore) und Mariella Miraglia (University of Liverpool) haben untersucht, wie Präsentismus mit Schadenfreude und Lästern über Kolleg*innen zusammenhängt. Dafür haben sie zwei zentrale psychologische Theorien herangezogen und auf Präsentismus angewendet:

  • Theorie der Ressourcenerhaltung (Conservation of Resources, COR, Hobfoll, 1989, 2001): Individuen streben danach, wertvolle Ressourcen (Energie, Zeit, psychisches Wohlbefinden) zu erwerben und zu schützen. Wenn man krank ist, hat man weniger physiologische Ressourcen zur Verfügung und muss für die Arbeit zusätzliche Energie aufwenden, um die Symptome zu kompensieren. Das kann zu einer weiteren Ressourcenerschöpfung führen.
  • Ego-Depletion-Theorie (Muraven & Baumeister, 2000): Selbstregulation (z. B. das Unterdrücken von Krankheitssymptomen oder das Aufrechterhalten von Konzentration trotz Schmerzen) ist ein kognitiv anspruchsvoller Prozess, der auf regulatorischen Ressourcen basiert. Sind diese erschöpft, sinkt die Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Dadurch wird unethisches Verhalten wahrscheinlicher.

Das Modell der Autorinnen sieht Angst (Anxiety) als direkte Folge von Präsentismus, da das Kranksein das Erreichen von Arbeitszielen bedroht. Betroffene könnten versuchen, diese Angst vor Misserfolg oder negativer Bewertung mithilfe von Schadenfreude und Lästern auf dysfunktionale Weise zu bewältigen: Aus dem Vergleich mit den Misserfolgen anderer kann das erschöpfte Selbst Kraft ziehen und das eigene Selbstwertgefühl kurzfristig wiederherstellen.

Vorgehen der Forscherinnen

Die Studie bestand aus zwei Teilen und wurde mit Berufstätigen aus verschiedenen Branchen (z. B. Finanzen, IT, Luftfahrt) in Singapur durchgeführt.

  • Studie 1: 87 Teilnehmende gaben zehn Arbeitstage lang täglich am Abend Auskunft darüber, ob sie am Tag Präsentismus-Verhalten gezeigt und Angst verspürt hatten und ob sie schadenfroh gegenüber Kolleg*innen gewesen waren oder über Kolleg*innen gelästert hatten. Getestet wurde, ob Präsentismus am aktuellen Tag zu Angst führt und am darauffolgenden Tag zu Schadenfreude und Klatsch.
  • Studie 2: Im Unterschied zu Studie 1 wurden die 59 Teilnehmenden diesmal zweimal täglich befragt, ebenfalls über zehn Arbeitstage hinweg. Dies ermöglichte eine feinere Unterscheidung zwischen Präsentismus bei Arbeitsbeginn und Präsentismus während der Arbeit.

Ergebnisse

Die empirischen Ergebnisse stützten die theoretischen Überlegungen der Forscherinnen weitgehend:

  1. Präsentismus während der Arbeit war positiv mit empfundener Angst am selben Tag korreliert.
  2. Diese Angst führt signifikant zu einem Anstieg von Schadenfreude und Gossip gegenüber Kolleg*innen am nächsten Tag.
  3. Ein zentrales Ergebnis von Studie 2 war die Interaktion zwischen Präsentismus zu Beginn und während des Arbeitstages. Der negative Effekt von Präsentismus auf die Angst war dann am stärksten, wenn der Präsentismus bei Arbeitsbeginn niedrig war, aber während des Tages anstieg. Das heißt: Wenn Mitarbeitende gesund in den Tag starten, ihre Gesundheit sich aber im Tagesverlauf verschlechtert und sie dennoch weiterarbeiten, ist die emotionale Belastung offenbar höher, als wenn sie bereits krank zur Arbeit gekommen sind und sich somit mental darauf einstellen konnten.

Präsentismus als Selbstregulationsfalle

Die Autorinnen interpretieren die Befunde dahingehend, dass Präsentismus eine erhebliche Selbstregulationsfalle darstellt. Der Versuch, das Kranksein zu verbergen oder trotz Beschwerden Leistung zu erbringen, kann so viele psychische Ressourcen kosten, dass unethisches Verhalten schneller durchbricht. Schadenfreude oder Geläster ist in diesem Kontext nicht unbedingt Ausdruck eines schlechten Charakters, sondern kann eine impulsive Reaktion auf einen akuten Ressourcenmangel darstellen. Besonders belastend ist die Situation, wenn die Krankheit unerwartet während der Arbeitszeit auftritt, da dies eine kurzfristige Neuanpassung von Zielen und Erwartungen erfordert, was die verbliebenen Ressourcen noch schneller verbraucht. Damit zeigt die Studie, dass Präsentismus die soziale Dynamik und das Vertrauen in Teams gefährden kann.

Wie sollten Unternehmen mit Präsentismus umgehen?

Für Unternehmen ergeben sich aus der Studie wichtige Implikationen für die Gestaltung von Anwesenheitsrichtlinien und Führungskultur:

  1. Flexibles Anwesenheitsmanagement: Mitarbeitende sollten spontan und flexibel auf plötzliche Krankheitssymptome oder Unwohlsein reagieren dürfen (z. B. durch kurzfristiges Homeoffice oder die Möglichkeit, den Arbeitstag vorzeitig abzubrechen), ohne dass ihnen negative Konsequenzen entstehen.
  2. Führungskräfte als Vorbilder: Vorgesetzte tragen zu einer Präsentismuskultur bei, wenn sie selbst krank zur Arbeit kommen. Sie sollten stattdessen Selbstfürsorge vorleben, sich im Krankheitsfall von der Arbeit abmelden und darüber hinaus mit Mitarbeitenden aktiv ins Gespräch gehen, bei denen sie Anzeichen von Unwohlsein oder Angst beobachten.
  3. Bewusstsein für Nachteile von Präsentismus: Unternehmen sollten die negativen Seiten von Präsentismus klar benennen, sodass Angestellte ein Abmelden wegen Krankheit nicht als Ausdruck fehlender Loyalität oder Gewissenhaftigkeit sehen, sondern als Übernahme von Verantwortung gegenüber den Kolleg*innen und dem Arbeitsklima.

Limitationen der Studie

Bei der Interpretation der Ergebnisse müssen folgende Einschränkungen berücksichtigt werden:

  • Aussagekraft: Alle Daten basieren auf den Selbsteinschätzungen der Teilnehmenden, was zu Verzerrungen führen kann, auch wenn die Messwiederholungen dieses Risiko abmildern. Ansonsten ist die Richtung der Kausalität nicht gesichert, da es sich nicht um eine experimentell-kontrollierte Studie handelt. Beispielsweise könnte Angst theoretisch auch zu mehr Präsentismus führen.
  • Kultureller Kontext: Die Studie wurde in Singapur durchgeführt. In asiatischen Kulturen ist die Grenze zwischen Arbeits- und Privat-Selbst oft fließender (Garczynski et al., 2013), was die Übertragbarkeit auf westliche Kulturen einschränken könnte.
  • Art der Erkrankung: Es wurde nicht zwischen Krankheitssymptomen (z. B. Migräne vs. Rückenschmerzen) und deren Schwere differenziert. Unterschiede in den Auswirkungen auf die Stimmung und das Verhalten sind jedoch denkbar, denn ein leichter Schnupfen hat vermutlich andere Auswirkungen als starke Kopfschmerzen oder eine Grippe.
  • Weitere Variablen: Wahrscheinlich spielen für die Auswirkungen von Präsentismus auf das Verhalten in sozialen Situationen auch Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle. Diese wurden in der Studie nicht einbezogen.

Fazit

Die Studie identifiziert Präsentismus als Auslöser für unethisches Verhalten gegenüber Kolleg*innen und wirft damit ein Licht auf die sozialen Auswirkungen von Präsentismus. Die Erkenntnis, dass Präsentismus über den Mechanismus der Angst zu Schadenfreude und Lästern führen und damit das Betriebsklima nachhaltig schädigen kann, macht deutlich, dass Leistung nicht um jeden Preis an erster Stelle stehen sollte.

Der Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.

Vorgestellte Studie

Tripathi, N., & Miraglia, M. (2025). The Unethical Consequences of Daily Presenteeism: Schadenfreude and Negative Gossip Toward Peers. Journal of Business Ethics, 1-19.

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