Unternehmen sind auf kreative Ideen angewiesen, um im globalen Wettbewerb zu bestehen, doch überzogene Leistungsansprüche können genau diese Kreativität ungewollt bremsen. Wie eine aktuelle Studie zeigt, werden Mitarbeitende, deren Vorgesetzte perfektionistische Erwartungen haben und wütend auf Fehler reagieren, besonders zurückhaltend in ihrer Kreativität.
Damit Unternehmen im globalen Wettbewerb mithalten können, brauchen sie leistungsstarke Mitarbeitende. Manche Führungskräfte neigen daher zu perfektionistischen Erwartungen an ihr Personal. Doch wie verhindern sie, dass die hohen Ansprüche zu einer rigiden, angstgeprägten Unternehmenskultur führen, in der aus Furcht vor Fehlern kein Raum für Kreativität bleibt?
Schließlich sind Führungskräfte, die perfektionistische Ansprüche an andere stellen, oft intolerant gegenüber Fehlern (Kleszewski & Otto, 2020) und beschuldigen oder strafen die Verursacher*innen ab (Robinson, 2014). Darüber hinaus neigen sie zu dominantem Auftreten in sozialen Interaktionen (Shim & Fletcher, 2012), haben häufiger einen aggressiven Humor (Stoeber, 2015) und verhalten sich seltener prosozial (ebd.).
Aktuelle Studie: Folgen von Perfektionismus und Wut für die Kreativität
Wie eine neue Studie aus dem „Journal of Organizational Behavior“ zeigt, sind für die Kreativität von Mitarbeitenden nicht allein die perfektionistischen Ansprüche von Führungskräften relevant, sondern auch, inwieweit Vorgesetzte wütend auf unzureichende Leistungen von Angestellten reagieren (Ocampo et al., 2025). Die Kombination aus Perfektionismus und Wut könnte die psychologische Sicherheit (Edmondson, 1999) einschränken und dadurch dazu führen, dass Mitarbeitende aus Angst vor Kritik weniger Kreativität wagen. Diese Überlegung haben die Forscher*innen Ocampo et al. (2025) von der Universitat Ramon Llull (Spanien), der Macquarie University (Australien), der Nankai University (China), der University of Melbourne (Australien), der University of Alberta (Kanada) und der University of Brisbane (Australien) in einer aktuellen Studie untersucht. Es wurden folgende Hypothesen getestet:
- Perfektionistische Führung geht mit einer geringeren Kreativität der Mitarbeitenden einher, weil Mitarbeitende weniger psychologische Sicherheit im Unternehmen wahrnehmen und sich aus Angst vor Fehlern weniger um Kreativität bemühen.
- Dieser negative Effekt verstärkt sich, wenn die Führungskraft gegenüber Mitarbeitenden Wut zum Ausdruck bringt, weil diese bei Mitarbeitenden Angst auslöst, was die psychologische Sicherheit ebenfalls senkt.
Untersuchung 1: Die Erinnerungsstudie
In der ersten Studie sollten sich 229 Teilnehmende aus den USA eine Situation aus ihrem Arbeitsalltag in Erinnerung rufen, in der sie das Auftreten ihrer Führungskraft entweder als sehr oder wenig perfektionistisch empfunden hatten. Anschließend sollten sie sich an eine Situation erinnern, in der ihre Führungskraft auf unzureichende Leistungen entweder wütend oder emotional neutral reagiert hatte. Im Anschluss füllten sie Fragebögen zur psychologischen Sicherheit, zu ihrem Bemühen um Kreativität sowie zur Kreativität ihrer Leistung aus.
Passend zu den Hypothesen ergab die statistische Analyse, dass Angestellte bei Führungskräften mit hohem Perfektionismus und wütendem Auftreten weniger psychologische Sicherheit empfanden und sich dadurch weniger um Kreativität bemühten, wodurch ihre Kreativität abnahm.
Untersuchung 2: Das Laborexperiment
Das zweite Experiment fand im Labor statt. Am Computer stellte sich eine fiktive Führungskraft den 119 teilnehmenden Studierenden einer philippinischen Universität entweder als hoch oder wenig perfektionistisch vor. Anschließend sollten sich die Teilnehmenden kreative Namen für eine Band ausdenken. Für ihre Ideen wurden sie danach von der fiktiven Führungskraft entweder sachlich oder wütend kritisiert. Es folgte die zweite Aufgabe, in der sie Ideen zur Verbesserung der universitären Lehre entwickeln sollten. Zudem wurden per Fragebogen die psychologische Sicherheit und das Bemühen um Kreativität gemessen.
Wie im ersten Experiment verspürten die Versuchspersonen nach wütendem Feedback weniger psychologische Sicherheit und waren weniger um Kreativität bemüht, sodass sie die zweite Aufgabe weniger kreativ lösten.
Untersuchung 3: Die Feldstudie
Zuletzt wurde eine Feldstudie durchgeführt, an der 61 Führungskräfte und 296 Mitarbeitende eines großen chinesischen Technologieunternehmens teilnahmen. Es fanden drei Messungen im Abstand von jeweils einem Monat statt. Zuerst schätzten die Führungskräfte und Mitarbeitenden mittels Fragebögen ein, inwieweit die Führungskräfte perfektionistische Ansprüche an andere stellen. Einen Monat später gaben die Mitarbeitenden Ratings ab für die empfundene psychologische Sicherheit, ihr Bemühen um Kreativität und das Ausmaß ausgedrückter Wut der Vorgesetzten. Nach einem weiteren Monat beurteilten die Führungskräfte die Kreativität der Mitarbeitenden.
Die statistischen Analysen stützen die Hypothesen erneut:
So ging eine hohe psychologische Sicherheit mit Bemühung um Kreativität und tatsächlicher Kreativität einher. Außerdem gab es einen signifikanten negativen Effekt von Perfektionismus der Führungskraft auf die Kreativität der Leistung, welcher durch eine als reduziert empfundene psychologische Sicherheit und dadurch geringere Bemühung um Kreativität bedingt wurde. Der Effekt war jedoch nur bedeutsam, wenn die perfektionistisch auftretende Führungskraft häufig Wut zum Ausdruck brachte.
Stärken und Limitationen der Studie
Die Studie zeichnet sich v. a. durch die drei unterschiedlichen methodischen Ansätze aus, die das Risiko für Ergebnisverzerrungen senken. Außerdem waren in den Stichproben unterschiedliche Länder (USA, Philippinen, China) und berufliche Positionen (Arbeitnehmende, Studierende, Führungskräfte) vertreten, was auf eine gewisse Generalisierbarkeit der Ergebnisse hindeutet.
Trotzdem weist die Studie auch Schwächen auf: Zum einen wurden nur perfektionistische Ansprüche an andere untersucht, obwohl zu Perfektionismus gemäß dem Tripartite Model of Perfectionism (Hewitt & Flett, 1991) auch die übersteigerten Ansprüche an sich selbst sowie sozial vorgeschriebene perfektionistische Ansprüche gehören, welche ebenfalls die soziale Interaktion zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden prägen können. Zum anderen halten es Ocampo et al. (2025) für denkbar, dass Perfektionismus der Führungskraft nicht nur für die psychologische Sicherheit Folgen hat, sondern auch weitere emotionale Reaktionen wie Scham oder Wut hervorrufen kann, die wiederum mit Kreativität zusammenhängen könnten. Auch schließen die Studienautor*innen positive Effekte von Perfektionismus nicht aus, da es sich bei Perfektionismus um ein Merkmal mit vielen Facetten handelt. Um dieser Komplexität gerecht zu werden, sollte sich zukünftige Forschung das Zusammenspiel von Perfektionismus und Kreativität in unterschiedlichen Konstellationen und Arbeitssituationen anschauen. Eine weitere Einschränkung ist, dass die Wut der Führungskraft nur auf verbaler, nicht auf nonverbaler Ebene erfasst wurde.
Empfehlungen für die Praxis
Trotz dieser Limitationen können einige Tipps für die Praxis abgeleitet werden, um eine Einschränkung der Kreativität durch perfektionistische Ansprüche und wütende Reaktionen auf unzureichende Leistungen zu verhindern.
- Führungskräfte sollten lernen, ihre hohen Leistungsstandards empathisch und respektvoll zu vermitteln (Ocampo et al., 2022). Für einen angemessenen Ausdruck von Emotionen bei der Kommunikation von Leistungserwartungen oder negativem Feedback können Managementleitfäden hilfreich sein.
- Wenn perfektionistische Führungskräfte die Erfüllung ihrer hohen Erwartungen durch Kontrollverhalten sicherzustellen versuchen, schränkt dies ebenfalls den Raum für Kreativität ein. Führungskräfte sollten daher reflektieren, wann sie zu kritisch sind und welche Situationen außerhalb ihres Einflusses liegen (Egan et al., 2014).
- Führungskräfte sollten verstehen, dass Kreativität nicht auf Knopfdruck verlangt werden kann, sondern auch Phasen des Erkundens und Ausprobierens braucht (van Dyck et al., 2005), weshalb Fehlertoleranz wichtig ist.
- Maßnahmen zur Förderung psychologischer Sicherheit können ebenfalls einem negativen Effekt von Perfektionismus auf die Kreativität vorbeugen. Dazu zählen z. B. Wertschätzung für erbrachte Leistungen, ein lösungsorientierter Umgang mit Fehlern, Offenheit für Rückmeldungen und unterschiedliche Meinungen sowie eine vertrauensvolle Unternehmenskultur (Devaraj et al., 2021, Murray et al., 2022).
Fazit
Kreativität ist ein wichtiger Baustein für wirtschaftlichen Erfolg. Da sie besonders in psychologisch sicheren Arbeitsumgebungen gedeiht, sollten Führungskräfte mit übersteigerten Erwartungen und perfektionistischen Ansprüchen vorsichtig sein und nicht impulsiv mit Wut auf unperfekte Leistungen reagieren.
Dieser Beitrag wurde verfasst von Isabelle Elena Bock.







