Morgenstund hat (kein) Gold im Mund: Wann arbeiten Sie am besten?

Jette Völker

Ein Mann stützt das Gesicht in die Hand und schaltet den Wecker aus. Er liegt noch im Bett.

Foto: and.one - Adobe Stock

Sprichwörter und Mythen wie „Morgenstund hat Gold im Mund“ suggerieren, dass man möglichst früh morgens mit der Arbeit beginnen sollte. Gleichzeitig zeigt chronobiologische Forschung, dass sich Menschen deutlich in der Taktung ihrer inneren biologischen Uhr unterscheiden. Was bedeutet das für den Arbeitsalltag?

Der Arbeitstag startet für viele Personen ähnlich: Im Durchschnitt beginnen Arbeitnehmende in Deutschland gegen acht Uhr morgens zu arbeiten. Während einige Menschen zu dieser Uhrzeit bereits energiegeladen und leistungsfähig sind, quälen sich andere aus dem Bett und müssen sich zwingen, mit der Arbeit zu beginnen. Diese individuellen Unterschiede in der inneren Uhr sind die Grundlage chronobiologischer Forschung.

Was ist der Chronotyp?

Menschen unterscheiden sich in der Taktung ihrer inneren biologischen Uhr, auch als „Chronotyp“ bezeichnet. Dieser Chronotyp ist teilweise genetisch bedingt und beschreibt nicht nur die individuellen Schlaf-Wach-Vorlieben, sondern beispielsweise auch das Timing von anderen Körperfunktionen wie das Ansteigen und Abfallen der Körpertemperatur während des Tages. Die beiden Extremformen sind dabei Früh- oder Spättypen, umgangssprachlich auch als „Lerchen“ oder „Eulen“ bekannt. Eine Person mit einem früheren Chronotyp steht also natürlicherweise früh auf und geht auch früh zu Bett, bei einer Person mit einem späteren Chronotyp verschiebt sich dieser Rhythmus um einige Stunden (Roenneberg et al., 2003). Teilweise liegen die täglichen Rhythmen von extremen Chronotypen bis zu 12 Stunden auseinander, wobei sich die meisten Personen dazwischen in einem mittleren Bereich befinden (Adan et al., 2012).

Probleme treten auf, wenn der individuelle Chronotyp nicht zu den Gegebenheiten des Lebens, beispielsweise zu den Arbeitszeiten, passt. In diesem Fall wird der Schlafrhythmus von zwei widersprüchlichen „Uhren“ kontrolliert. Zum einen von der inneren biologischen Uhr, für die der Chronotyp verantwortlich ist, und zum anderen von der äußeren sozialen Uhr, die beispielsweise durch Arbeitszeiten gesteuert wird. Je verschiedener diese beiden Uhren „ticken“, desto schwieriger ist es, einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus beizubehalten. Spätere Chronotypen erleben oft einen sozialen Jetlag, ähnlich wie bei Reisen, weil ihre innere biologische Uhr sich in einer anderen Zeitzone befindet als die äußere soziale Uhr (Wittmann et al., 2006). Dieser soziale Jetlag kann ein Risiko sowohl für die körperliche als auch für die psychische Gesundheit darstellen (Bouman et al., 2023; Gao et al., 2025).

Welche Rolle spielt der individuelle Chronotyp für den Arbeitsalltag?

Auch wenn Chronotypen ein wachsendes Thema in der arbeitspsychologischen Forschung sind, beruhen viele Befunde eher auf Grundlagenforschung außerhalb des Arbeitskontexts. Über viele Studien hinweg zeigen sich dabei sogenannte Synchronitätseffekte: Wenn die Tageszeit zum eigenen Chronotyp passt (z. B. am Morgen für frühere Chronotypen), sind Menschen motivierter, energiegeladener und leistungsfähiger (Adan et al., 2012).

Zudem gibt es einige spezifischere Erkenntnisse, die die Relevanz von Chronotypen für den Arbeitsalltag unterstreichen:

  1. Abhängig von ihrem Chronotyp berichten Arbeitnehmende zu unterschiedlichen Tageszeiten ein höheres Wohlbefinden. Es zeigten sich Synchronitätseffekte spezifisch für positive Stimmung und Energie während des Arbeitstages (Kühnel et al., 2022; Wiegelmann et al., 2023).
  2. Auch die individuelle Arbeitsleistung kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Tages am höchsten sein. Beispielsweise können frühere Chronotypen am Morgen kreativer sein, während spätere Chronotypen erst am Nachmittag kreativere Lösungen finden (Kühnel et al., 2022). Gleichzeitig ist es für spätere Chronotypen erst später am Tag wahrscheinlicher, dass sie neue Fähigkeiten erlernen und sich weiterentwickeln (Schilbach et al., 2025).
  3. Nicht nur individuelle Aspekte, sondern auch Zusammenarbeit kann durch Synchronitätseffekte geprägt sein. So sind beispielsweise Führungskräfte besser dazu in der Lage, charismatisch zu führen, wenn ihr Chronotyp zur Tageszeit passt (Guarana et al., 2021).

Trotz dieser Relevanz kursieren im Arbeitskontext viele Vorurteile oder Mythen rund um verschiedene Chronotypen. Eine Studie konnte beispielsweise zeigen, dass Führungskräfte ihre Mitarbeitenden als weniger gewissenhaft und leistungsfähig einschätzen, wenn diese morgens später mit der Arbeit beginnen – unabhängig davon, wie gewissenhaft und leistungsfähig die Mitarbeitenden tatsächlich waren (Yam et al., 2014). Auch in unserer eigenen Forschung konnten wir zeigen, dass Arbeitnehmende viele falsche Annahmen haben, die möglichst frühe Arbeitszeiten und frühere Chronotypen implizit bevorzugen (Völker & Wiegelmann, 2025). Diese unterschwelligen Annahmen sind ein relevantes Problem, da Chronotypen nicht grundlegend veränderbar sind und somit die individuellen Vorteile verschiedener Chronotypen im Arbeitskontext eventuell nicht genutzt werden.

Was können Arbeitnehmende selbst tun?

Der erste wichtige Schritt ist, sich über das Thema der Chronotypen zu informieren, um Vorurteile gegenüber späteren Chronotypen abzubauen und die eigene innere Uhr selbst optimal zu nutzen. Wer genauere Informationen zum eigenen Chronotyp erhalten möchte, kann auf verschiedene Testverfahren zurückgreifen. Das Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund bietet beispielsweise einen kurzen Selbsttest an, der erste Hinweise liefern kann: www.ifado.de/de/chronotyp

Den eigenen Chronotyp können wir zwar nicht grundlegend ändern, allerdings gibt es Wege, wie wir uns selbst ein Stück weit helfen können. Eine dieser Möglichkeiten ist es, sich gezielt Licht auszusetzen, wobei besonders natürliches Tageslicht im Freien hilfreich ist (Wright et al., 2013). Das Prinzip ist einfach: Setzen wir uns Licht aus, wird die Produktion schlaffördernder Hormone gehemmt. Meiden wir helles Licht, fördern wir die Produktion schlaffördernder Hormone. Spätere Chronotypen, die aufgrund ihrer Arbeitszeiten gerne früher schlafen würden, könnten sich also vormittags hellem Tageslicht aussetzen. In den Nachmittag- und Abendstunden sollten sie helles Licht eher meiden, beispielsweise durch das Vermeiden von blauem Licht, das technische Geräte wie Smartphones ausstrahlen.

Was können Unternehmen und Organisationen tun?

Aufgrund der Vielzahl an Vorteilen, wenn der Tagesrhythmus zum eigenen Chronotyp passt, sollten auch Unternehmen und Organisationen Maßnahmen ergreifen. Dabei gibt es verschiedene Ansatzpunkte.

Ein wichtiger Aspekt ist auch hier Aufklärung, um implizite Vorurteile gegenüber späteren Chronotypen abzubauen. Dafür könnten beispielsweise Informationsveranstaltungen in das betriebliche Gesundheitsmanagement eingegliedert werden. Gleichzeitig könnte in Teams für ein Klima gesorgt werden, in dem offen über Schlaf gesprochen wird und verschiedene Tagesrhythmen akzeptiert werden. Führungskräfte spielen hier eine wichtige Rolle als Multiplikator*innen, indem sie beispielsweise mit ihren Mitarbeitenden über einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus und ihren Chronotyp sprechen (Gunia et al., 2021).

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Arbeitszeiten selbst. In Berufen, in denen es möglich ist, sollten Arbeitszeiten flexibel gestaltet werden. So könnten Arbeitnehmende beispielsweise flexibel entscheiden, später mit der Arbeit zu beginnen, wenn sie selbst ein späterer Chronotyp sind. In Berufen, in denen in Schichtsystemen gearbeitet wird, könnte die Schichtzuteilung auf Basis des individuellen Chronotyps vorgenommen werden. Hier hat sich bereits gezeigt, dass frühere Chronotypen besser mit Frühschichten sowie spätere Chronotypen besser mit Spätschichten umgehen können (Juda et al., 2013).

Fazit

Morgenstund hat nicht unbedingt für jeden Gold im Mund: Je nach Chronotyp sind Arbeitnehmende zu unterschiedlichen Tageszeiten besonders energiegeladen und leistungsfähig. Diese Synchronitätseffekte für sich zu nutzen, kann ein großer Vorteil für das Wohlbefinden und die Leistung sein. Jedoch müssen auch die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, sodass Vorurteile gegenüber späteren Chronotypen abgebaut werden und das Thema explizit in Unternehmen und Organisationen berücksichtigt wird.

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