Zwischen Präsenz und Wirkung: Wie Sichtbarkeit bei der Arbeit Karrieren fördert

Nora und Tim Hampel

Ein Mann gibt einer Frau im Büro ein anerkennendes High Five

Foto: WesJVRpeopleimages.com - Adobe Stock

Wer Karriere machen möchte, muss sichtbar werden. So zumindest lauten häufige Karriereratschläge. Jedoch konnten bislang kaum Studien zeigen, ob und wie Sichtbarkeit und Karriere zusammenhängen. Eine aktuelle Studie hat verschiedene Formen der Sichtbarkeit am Arbeitsplatz untersucht und zeigt auf, wie Sichtbarkeit die Karriere voranbringen und wann sie ihr sogar schaden kann.

Auf der Suche nach Ratschlägen für eine erfolgreiche Karriere erhält man meist dieselbe Antwort: Werden Sie sichtbar! Nur wer sich zeige, bleibe in Erinnerung und erhalte Chancen, die anderen verwehrt bleiben. Ob in Fachzeitschriften, Coachings oder persönlichen Gesprächen, beruflicher Erfolg und die eigene Sichtbarkeit bei der Arbeit werden häufig in einem Atemzug genannt. Das ist zunächst einleuchtend; denkt man einen Moment länger darüber nach, kommen jedoch Fragen auf: Was ist Sichtbarkeit eigentlich – Präsenz am Arbeitsplatz, viele Wortmeldungen, ein Dauerkontakt zur Führungskraft? Und ist mehr gleich besser?

Fragen, von denen man meint, dass sie sicherlich schon umfassend beantwortet wurden. Wirft man einen Blick in die wissenschaftliche Forschung, stellt man jedoch fest: Die Verbindung zwischen Sichtbarkeit und beruflichem Erfolg ist bislang ein wenig erforschtes Feld. Studien zu diesem Thema fokussierten sich in erster Linie auf den Umfang der wöchentlichen Arbeitszeit als Maßstab für die Sichtbarkeit bei der Arbeit. So zeigt sich beispielsweise, dass Teilzeitarbeit langfristig zu geringeren Gehaltsteigerungen (Russo & Hassink, 2008), einer niedrigeren Beförderungswahrscheinlichkeit (Whittock et al., 2002) und einer Zuteilung weniger verantwortungsvoller Aufgaben bei der Arbeit führt (Corwin et al., 2001). Wie man jedoch während der Arbeitszeit sichtbar werden kann und wie dies der eigenen Karriere hilft, dazu sind die Erkenntnisse meist anekdotischer Natur. Um dieser Forschungslücke zu begegnen, wurden in einer aktuellen Mixed-Methods-Studie zwei zentrale Fragen beantwortet: Welche Formen der Sichtbarkeit gibt es überhaupt? Und wie zahlen diese auf den Karriereerfolg ein? Dazu wurden in mehreren Interviews mit Führungskräften zentrale Sichtbarkeitsfaktoren aufgedeckt, deren Verbindung zum Karriereerfolg anschließend in einer quantitativen Studie untersucht wurde.

Wie werde ich sichtbar?

Die wichtigste Erkenntnis vorab: Entscheidend ist weniger, wie häufig man in Erscheinung tritt, sondern wie man in Erinnerung bleibt. Kahneman stellte bereits fest: Wie wir etwas erleben und wie wir uns später daran erinnern, sind zwei verschiedene Dinge (Kahneman & Riis, 2005). Mehr Sichtbarkeit muss daher nicht zwangsläufig zu einer besseren Bewertung führen. Es geht wie so häufig um die Qualität. Ein qualitativ guter Beitrag kann bei Entscheidungsträger*innen positiver in Erinnerung bleiben als ein mittelmäßiges Dauerrauschen. Doch welche Wege gibt es, um sichtbar werden?

Im Rahmen einer neuen Studie wurden in zwei Unternehmen der Automobilindustrie 18 Führungskräfte (fünf davon weiblich) mit mindestens drei Jahren Führungserfahrung teilstrukturiert interviewt. Dabei sollten die interviewten zunächst ihre eigene Karriere reflektieren und die Wege nachzeichnen, über die sie ihre Sichtbarkeit steigern konnten. Anschließend wurden sie gebeten, eine beobachtende Perspektive einzunehmen, um Sichtbarkeitsfaktoren anderer Personen innerhalb des Unternehmens aufzudecken. Aus der qualitativen Inhaltsanalyse der Interviews konnten fünf Faktoren identifiziert werden:

  1. Proaktivität: Selbstinitiierte Handlungen, mit denen Beschäftigte Ideen einbringen, Verantwortung übernehmen, Themen platzieren oder aktiv Informationen und Feeback suchen.
  2. Diffusion: Gelegenheiten suchen und wahrnehmen, um die Ergebnisse der eigenen Arbeit auch teamübergreifend vorzustellen und im Unternehmen zu teilen.
  3. Hilfsbereitschaft: Prosoziales Verhalten durch die aktive Unterstützung von Kolleg*innen, indem Informationen, Wissen und Ressourcen geteilt werden.
  4. Horizontales Networking: In Kontakt mit Kolleg*innen außerhalb des eigenen Teams und Fachbereichs treten.
  5. Vertikales Networking: Gelegenheiten suchen und wahrnehmen, um in Kontakt und Austausch mit Führungskräften zu treten.

Welchen Einfluss haben die Sichtbarkeitsfaktoren auf den Karriereerfolg?

Um den Einfluss der Sichtbarkeitsfaktoren auf den Karriereerfolg zu untersuchen, wurde eine quantitative Studie mit 240 Teilnehmenden (58 % davon weiblich) durchgeführt. Die Stichprobe wurde über das Alumni-Netzwerk einer großen Deutschen Hochschule akquiriert. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmenden betrug 28,54 Jahre (SD = 6,23) und die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit lag bei 6,67 Jahren (SD = 2,26). 28 % der Teilnehmenden waren im Dienstleistungssektor tätig (z. B. Beratung, Finanzwesen, Gesundheitswesen oder Forschung), während 72 % im produzierenden Gewerbe beschäftigt waren (z. B. Automobilindustrie, Technologie, Zulieferbetriebe).

Die zuvor qualitativ identifizierten Sichtbarkeitsfaktoren wurden, soweit möglich, auf Basis etablierter und validierte Skalen operationalisiert, zum Beispiel:

  • Proaktivität wurde auf Basis der Proactive Personality Scale von Crant (1995) erhoben.
  • Horizontales Networking wurde auf Basis der Skala von Wolff und Spurk (2020) erfasst.
  • Für die Diffusion der eigenen Arbeitsergebnisse wurde eine neue Skala entwickelt, die sich eng an einem verwandten Konstrukt, der Disseminiative Capacity, orientierte.
  • Für den beruflichen Erfolg als abhängige Variable wurde die Career Success Scale von Gattiker und Larwood (1986) verwendet, welche den Karrierefortschritt, finanziellen Erfolg und beruflichen Status misst.

Die Ergebnisse: Proaktivität, Diffusion und vertikales Networking sagten den beruflichen Erfolg signifikant voraus. Anders formuliert: Wer sich mit eigenen und neuen Ideen aktiv einbringt, die Ergebnisse seiner Arbeit mit andere teilt und einen positiven Kontakt zu Führungskräften pflegt, bei dem steigt die Karrierewahrscheinlichkeit.

Welche Relevanz haben horizontales Networking und Hilfsbereitschaft? Vor allem Networking wird innerhalb der Ratgeberliteratur regelmäßig als probates Mittel erwähnt, um sichtbar zu werden. In der Studie wurde bewusst zwischen Networking auf Arbeitsebene (horizontal) und Networking mit Führungskräften (vertikal) unterschieden. Horizontales Networking zeigte zwar einen positiven, aber keinen signifikanten Zusammenhang mit beruflichem Erfolg. Das könnte damit zusammenhängen, dass ein großes (horizontales) Netzwerk zwar Zugang zu wichtigen Informationen verschafft, die Entscheidungen über berufliche Chancen und ein Weiterkommen jedoch auf vertikaler (Führungs-) Ebene liegen.

Sichtbarkeit und sozialer Erfolg

Neben dem beruflichen Erfolg wurde auch der soziale Erfolg untersucht, der z. B. die Qualität des Verhältnisses zu Kolleg*innen beschreibt. Hier zeigt sich, dass einzig die Hilfsbereitschaft als Sichtbarkeitsfaktor einen positiven Einfluss auf die Qualität der sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz besitzt. Keiner der anderen Faktoren, auch nicht horizontales Networking, zeigte darauf einen Einfluss. Die Größe eines Netzwerkes sagt ja bekanntlich auch nichts über die Qualität der Beziehungen aus. Letztlich wurde auch die reine Präsenz am Arbeitsplatz erhoben. Diese korrelierte zwar positiv mit beruflichem und sozialem Erfolg, zeigte jedoch keinen signifikanten Einfluss. Das deutet darauf hin, dass Präsenz am Arbeitsplatz zwar die Grundlage ist, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, passive Anwesenheit jedoch nicht ausreicht, um die Karriere voranzubringen. 

Kann Sichtbarkeit auch schaden?

Ja, und zwar dann, wenn diese nur einseitig stattfindet. Wer sich wenig hilfsbereit und prosozial zeigt, läuft Gefahr, zwar thematisch und für Vorgesetzte sichtbar zu sein, aber auf Dauer weniger tiefe soziale Beziehungen am Arbeitsplatz zu entwickeln. Die langfristen Effekte konnten in diesem Zusammenhang zwar nicht erhoben werden, die Auswirkungen positiver sozialer Kontakte auf das Wohlbefinden am Arbeitsplatz sind jedoch bereits gut erforscht (Helliwell & Huang, 2010). Zusätzlich spielen die Arbeitsqualität sowie das Eindrucksmanagement (impression management) eine wichtige Rolle. Die erforschten Sichtbarkeitsfaktoren gehen von einer positiven und lösungsorientierten Arbeitsweise aus. Sichtbarkeit ist eine Bühne, die Aufmerksamkeit erzeugt, um in Erinnerung zu bleiben. Eine gute inhaltliche Vorbereitung ist daher die Grundvoraussetzung. Wer sich schlecht vorbereitet oder wenig reflektiert zeigt, läuft Gefahr, bei Vorgesetzten und Kolleg*innen so in Erinnerung zu bleiben (Crawford et al., 2019).

Fazit

Die empirischen Ergebnisse zeigen: Sichtbarkeit am Arbeitsplatz hat einen signifikanten Einfluss auf die Karriere. Aber nur dann, wenn die eigenen Handlungen über passive Präsenz am Arbeitsplatz hinausgehen. Die inhaltliche Qualität der eigenen Arbeit und der eigenen Beiträge ist dabei die Grundvoraussetzung, um durch die eigene Sichtbarkeit positiv in Erinnerung zu bleiben.

Die vorgestellte Studie befindet sich aktuell unter dem Titel: „Visibility in the workplace: A mixed-method study of visibility behavior strategies, job performance and interpersonal success“ im Reviewprozess eines Fachjournals. Fragen und Vorabinformationen zur Veröffentlichung können jederzeit bei den Autor*innen erfragt werden.

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