Bewegung im Arbeitsalltag: Gesundheit und Leistungsfähigkeit stärken

Alexander Nath

Foto: Zamrznuti - Adobe Stock

Bewegungsmangel im Job ist längst kein Randproblem mehr, sondern ein zentraler Risikofaktor für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Doch welche Maßnahmen wirken wirklich gegen diesen Bewegungsmangel und seine gesundheitlichen Folgen, und wie lassen sie sich nachhaltig in den Arbeitsalltag integrieren? Aktuelle Forschung liefert klare Antworten.

Bewegungsmangel als unterschätztes Risiko

Der moderne Arbeitsalltag ist insbesondere in Büro- und anderen überwiegend sitzenden Tätigkeiten geprägt von geringer körperlicher Aktivität. Beschäftigte in diesen Arbeitskontexten verbringen häufig bis zu drei Viertel ihres Arbeitstages im Sitzen (Prince et al., 2020). Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen: Bewegungsmangel steht nicht nur im Zusammenhang mit körperlichen Beschwerden (Mahdavi et al., 2021) und kardiovaskulären Erkrankungen (Owen et al., 2010), sondern auch mit psychischen Belastungen (Hamer et al., 2014).

Für Organisationen hat dies spürbare Konsequenzen: Bewegungsmangel geht mit erhöhtem Absentismus und Präsentismus (Beehr, 2019) sowie Verlust von Produktivität (Pieper et al., 2019) und Arbeitsfähigkeit (Justesen et al., 2017) einher und stellt damit einen erheblichen Kostenfaktor dar (BAuA, 2024). Dabei reicht Freizeitbewegung allein oft nicht aus, um diese negativen Effekte zu kompensieren (Parry & Straker, 2013), sodass zusätzliche Ansatzpunkte erforderlich sind.

Der Arbeitsplatz wird daher als zentraler Hebel der (gesamtgesellschaftlichen) Gesundheitsförderung betrachtet. Er bietet die Möglichkeit, eine große Bevölkerungsgruppe direkt zu erreichen, insbesondere jene, die aufgrund ihrer Tätigkeit ein erhöhtes Risiko für Bewegungsmangel aufweist (WHO, 2018).

Bewegungsinterventionen im Unternehmen: Was steckt dahinter?

Zur gezielten Förderung von Bewegung im Arbeitskontext werden im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements sogenannte Workplace Physical Activity Interventions (WPAIs) eingesetzt. Dabei handelt es sich um strukturierte Programme, die körperliche Aktivität in den Arbeitsalltag integrieren (Nath et al., 2025a). Typische Maßnahmen umfassen beispielsweise:

  • kurze Bewegungseinheiten (z. B. Office-Yoga, Spazierengehen, Walk & Talk)
  • bewegungsförderliche Arbeitsplätze (z. B. Steh-Sitz-Tische, Laufbänder)
  • gruppenbasierte Bewegungsangebote (z. B. aktive Pausen und Meetings)

Im Kern verfolgen diese Interventionen zwei Ziele: die Reduktion von Sitzzeiten und die Steigerung körperlicher Aktivität.

Wirksamkeit von WPAIs: Was sagt die aktuelle Forschung?

Eine aktuelle Meta-Analyse mit 80 randomisiert-kontrollierten Studien (Nath et al., 2025b) zeigt ein klares Bild: WPAIs sind wirksam. Sie können

  • körperliche Beschwerden reduzieren (kleiner bis mittlerer Effekt),
  • psychische Beschwerden reduzieren (mittlerer Effekt) und
  • arbeitsbezogene Größen wie Produktivität und Fehlzeiten (kleiner bis mittlerer Effekt) verbessern.

Es finden sich keine Hinweise auf unerwünschte Nebenwirkungen. Als besonders effektiv erweisen sich holistische Programme, welche körperliche Aktivität mit mentalen (z. B. Achtsamkeit oder Meditation) und sozialen Komponenten (z. B. in Gruppen) verbinden. Im Sinne des biopsychosozialen Modells der Gesundheit (Engel, 1977) verstärken diese Komponenten die Wirkung der Intervention.

Ein zentraler Erfolgsfaktor von WPAIs ist zudem die Adhärenz der Teilnehmenden. Für körperliche Aktivität ist der Zusammenhang zwischen „Dosis“ und Wirkung gut belegt (Warburton & Bredin, 2017) und zeigt sich auch in der Meta-Analyse. Entscheidend ist daher nicht nur, dass Maßnahmen angeboten werden, sondern dass diese langfristig genutzt werden. Andernfalls drohen sogenannte Fade-out-Effekte (Konradt et al., 2022).

Neuere Befunde weisen außerdem darauf hin, dass insbesondere frühe Erfolge (z. B. verbessertes Wohlbefinden durch die Teilnahme) entscheidend sind. Positive Anfangserfahrungen können ein Flow-Erleben fördern, das wiederum die langfristige Nutzung und den Interventionserfolg begünstigt (Nath et al., 2025a).

Die Rolle von Organisationskultur und Führung

Die erfolgreiche Umsetzung von Bewegungsinterventionen hängt jedoch nicht allein von einzelnen Maßnahmen ab, sondern maßgeblich von der Einbettung in ein umfassendes Betriebliches Gesundheitsmanagement (Das et al., 2016). Organisationskultur und Führungskräfte spielen hierbei eine Schlüsselrolle: Sie setzen implizite und explizite Normen dafür, ob Bewegung im Arbeitsalltag akzeptiert oder sogar erwünscht ist und gefördert wird.

Eine bewegungsförderliche Organisationskultur zeichnet sich dadurch aus, dass körperliche Aktivität nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil gesunder und leistungsfähiger Arbeit verstanden und aktiv vorgelebt wird. Unterstützend wirkt eine entsprechende Gestaltung der Arbeitsumgebung, etwa durch bewegungsförderliche Strukturen und Rahmenbedingungen (Zhu et al., 2020).

Was heißt das konkret für die Praxis?

Die zentrale Erkenntnis aus der aktuellen Forschung ist: Bewegungsmangel stellt ein erhebliches Risiko für Beschäftigte und Organisationen dar und kann durch gezielte Maßnahmen wirksam adressiert werden, sofern diese zielgruppengerecht gestaltet und in den Arbeitsalltag integriert sind. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass Interventionen umgesetzt werden, sondern vor allem, wie sie gestaltet und in bestehende Arbeitsroutinen eingebettet sind.

Die gute Nachricht ist also: Es braucht keine aufwendigen Gesundheitsprogramme, um erste Effekte zu erzielen. Vielmehr kommt es darauf an, Bewegung so zu gestalten, dass sie selbstverständlich Teil der täglichen Arbeit wird. Vor diesem Hintergrund lassen sich aus der Forschung konkrete Ansatzpunkte für die Praxis ableiten:

1. Niedrigschwellige Maßnahmen machen bereits einen Unterschied

  • zehnminütige Bewegungspausen, z. B. mittels Videoanleitungen, zeigen bereits Wirkung

2. Soziale Dynamiken gezielt nutzen, um Teilnahmemotivation und Adhärenz zu steigern

  • Bewegung gemeinsam organisieren, z. B. in aktiven Meetings oder Spaziergängen im Team
  • Führungskräfte als Vorbilder einbinden
  • Team-Challenges einführen, z. B. Schritte-Challenge

3. Ganzheitliche Ansätze verfolgen

  • Bewegung mit Achtsamkeitsübungen kombinieren, z. B. in Form von Office-Yoga
  • Möglichkeiten zur mentalen Erholung schaffen, z. B. durch bewusste Pausen oder kurze Atemübungen

4. Bewegung in den Arbeitsalltag integrieren statt addieren: Die beste Intervention ist die, die keine zusätzliche Zeit kostet

  • „Walk & Talk“-Methoden und aktive Meetings nutzen, um während der Arbeit in Bewegung zu sein
  • Laufwege bewusst leicht verlängern, z. B. durch Wege zum Drucker, die Wahl eines entfernteren Parkplatzes, das Nehmen der Treppe statt des Aufzugs
  • Bewegungsförderliche Arbeitsumgebungen schaffen, z. B. durch Sitz-Steh-Tische oder Walking Pads unter dem Schreibtisch

5. (Frühe) Erfolge ermöglichen und sichtbar machen

  • Einstieg so einfach wie möglich gestalten, z. B. durch Aktivitäts-Buddies und transparente Reflexion von anfänglichen Hürden
  • Kleine, erreichbare Zwischenziele formulieren
  • Anreize schaffen, z. B. durch kontinuierliches Feedback, Gamification-Ansätze oder Belohnungen für aktive Teilnahme

Fazit

Bewegungs- und Sportinterventionen am Arbeitsplatz sind wirksam, um sowohl die Gesundheit als auch die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitenden zu fördern. Entscheidend ist jedoch nicht allein, ob Maßnahmen angeboten werden, sondern wie sie gestaltet und implementiert sind. Die Forschung zeigt, dass insbesondere ganzheitliche und sozial eingebettete Interventionen wirken. Darüber hinaus spielen die Nutzung der Maßnahmen und frühe positive Erfahrungen mit der Intervention eine Schlüsselrolle für den langfristigen Erfolg.

Die wirksamste Intervention ist nicht die aufwendigste, sondern diejenige, die regelmäßig genutzt wird und im Arbeitsalltag tatsächlich stattfindet. Unternehmen, die Bewegung nicht als Zusatzaufgabe, sondern als festen Bestandteil der Arbeit verstehen, schaffen damit die Grundlage für nachhaltige Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit.

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