Pflegekräfte gelten als Rückgrat des Gesundheitssystems, doch viele überlegen zu kündigen. Forschende fanden nun heraus: Dankbarkeit der Patient*innen und erlebter Sinn in der Arbeit können vor Erschöpfung schützen und Kündigungen vorbeugen.
Fachkräfte fehlen in vielen Branchen, besonders in Krankenhäusern ist die Lage kritisch. Aufgrund der alternden Gesellschaft ist davon auszugehen, dass Personalmangel das Gesundheitssystem auch in Zukunft bedrohen wird. So schätzt das Statistische Bundesamt, dass bis zum Jahr 2049 der Bedarf an Pflegekräften in Deutschland um ein Drittel auf 2,15 Millionen steigen wird und somit 280.000 bis 690.000 Pflegekräfte fehlen werden.
Besonders problematisch: Angesichts geringer Bezahlung, fehlender Wertschätzung und unattraktiver Arbeitsbedingungen ist die Kündigungsabsicht bei Pflegekräften hoch (pA Medien GmbH, 2025). Ein häufiger Grund ist emotionale Erschöpfung, also ein Zustand des Ausgelaugtseins durch Überbeanspruchung emotionaler Ressourcen durch die Arbeit (Ding & Wu, 2023; Galanti et al., 2024). Die hohen Kündigungsraten verursachen nicht nur hohe Kosten für die Personalsuche, -auswahl und -einarbeitung, sondern gefährden ebenfalls die Sicherheit und Überlebenschancen der Patient*innen in Krankenhäusern.
Was hält Pflegepersonal in ihrem Job?
Die italienischen Forscher*innen Ferdinando Toscano, Teresa Galantini und Michaela Cortini haben sich gefragt, was über eine angemessene Bezahlung hinaus für die Personalbindung in der Pflege wichtig ist. In einer neuen Studie haben sie folgende zwei Faktoren unter die Lupe genommen:
- Prosoziale Orientierung beschreibt das Ausmaß, in dem Pflegekräfte ihre Arbeit als bedeutsam und vorteilhaft für das Wohlergehen anderer wahrnehmen. Eine starke prosoziale Orientierung kann Pflegekräften helfen, Sinn in ihrer Tätigkeit zu finden und ihre Resilienz gegenüber emotionalen Belastungen zu stärken.
- Dankbarkeit von Patient*innen signalisiert Pflegekräften, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird. Im Sinne der Social Exchange Theory (vgl. Cropanzano & Mitchell, 2005) kann so das Gleichgewicht im sozialen Austausch wiederhergestellt werden.
In ihrer Studie überprüften Toscano et al. (2025) folgende Annahmen:
- Menschen mit höherer prosozialer Orientierung beabsichtigen seltener, zu kündigen.
- Dieser Zusammenhang entsteht durch eine Verringerung der emotionalen Erschöpfung durch die prosoziale Orientierung.
- Die wahrgenommene Dankbarkeit der Patient*innen verstärkt den schützenden Effekt der prosozialen Orientierung auf die emotionale Erschöpfung.
Aufbau der Studie
An der Online-Erhebung nahmen 162 Pflegekräfte aus öffentlichen italienischen Krankenhäusern teil. Sie waren durchschnittlich 43,7 Jahre alt und 78 % waren weiblich. Die Teilnehmenden füllten online vier Fragebögen aus, mit denen ihre Kündigungsabsicht, emotionale Erschöpfung, prosoziale Orientierung und die erlebte Patient*innendankbarkeit erfasst wurden.
Dankbarkeit als nicht-materielle Gegenleistung
Die statistische Analyse bestätigte die vermuteten Zusammenhänge:
- Je höher die prosoziale Orientierung der Pfleger*innen war, desto niedriger waren ihre Kündigungsabsicht und emotionalen Erschöpfung und desto mehr Dankbarkeit nahmen sie bei Patient*innen wahr.
- Der positive Zusammenhang von prosozialer Orientierung und einer geringeren Kündigungsabsicht entstand zum Teil dadurch, dass die prosoziale Orientierung die emotionale Erschöpfung verringerte.
- Auch die wahrgenommene Dankbarkeit beeinflusste den Zusammenhang von prosozialer Orientierung und Kündigungsabsicht maßgeblich: So war der indirekte Effekt der prosozialen Orientierung auf die Kündigungsabsicht am stärksten, wenn die Dankbarkeit der Patient*innen als hoch erlebt wurde; nahmen Pflegekräfte aber nur eine geringe Dankbarkeit wahr, hatte die prosoziale Orientierung keinen Effekt mehr auf die Kündigungsabsicht.
Was folgt daraus für die Praxis?
Pflegekräfte tragen eine hohe Verantwortung und helfen Patient*innen auf vielen Ebenen, auch mittels emotionalen Beistands. Die Studie zeigt, dass prosoziale Orientierung im Zusammenspiel mit sichtbarer Dankbarkeit der Patient*innen wichtig für die Anerkennung und das Wohlbefinden der Pfleger*innen ist. Aus diesem Ergebnis leiten Toscano et al. (2025) konkrete Strategien für Krankenhäuser ab:
- Förderung der prosozialen Orientierung: z. B. durch Workshops zu Empathie oder einfühlsamer Kommunikation.
- Erhöhung der Dankbarkeit: Krankenhäuser sollten Kanäle schaffen, über die Patient*innen ihre Wertschätzung ausdrücken können (z. B. Feedback-Programme, digitale „Dankbarkeitstafeln“ oder Anerkennungsevents), und selbst auf Anerkennung und Wertschätzung achtgeben.
- Sensibilisierungstraining: Programme wie Achtsamkeitsübungen oder strukturierte Reflexionen (z. B. Tagebuchübungen nach der Schicht) können Pflegekräften helfen, positive Momente und Dankbarkeit besser wahrzunehmen und zu verinnerlichen.
- Professionalität wahren: Es ist wichtig, Pflege nicht als rein altruistische Aufopferung darzustellen, sondern die professionelle Kompetenz zu würdigen, um eine Instrumentalisierung der Pflegekräfte als „selbstlose Helfer*innen“ zu vermeiden. Dazu gehört auch, dass Pflegekräfte in ihrer professionellen Weiterbildung unterstützt werden und berufliche Aufstiegschancen aufgezeigt bekommen sollten.
Kritische Würdigung
Positiv an der Studie hervorzuheben sind die hinreichende Stichprobengröße, die theoretische Fundierung der Hypothesen und die wissenschaftliche Untersuchung eines gesellschaftlich hoch relevanten Themas. Die Autor*innen weisen jedoch selbst auf einige Limitationen hin: Zu diesen gehört v. a. die Tatsache, dass das Querschnittsdesign nur Aussagen über Zusammenhänge und nicht über kausale Effekte zulässt. Zudem wurde nur die Dankbarkeit der Patient*innen als Kontextvariable untersucht; andere Faktoren wie das Betriebsklima wurden nicht einbezogen. Außerdem bestand die Stichprobe ausschließlich aus italienischen Teilnehmenden. Es bleiben somit einige Fragen für die Forschung offen, um generalisierbarere Aussagen tätigen und differenziertere Praxisempfehlungen aussprechen zu können.
Was ist darüber hinaus wichtig?
Auch wenn die Studie verdeutlicht, dass nicht-monetäre Faktoren wie die Dankbarkeit der Patient*innen für das Wohlbefinden von Pflegenden ebenfalls wichtig sind, darf nicht vergessen werden, dass Pflegekräfte nicht nur wegen fehlender Dankbarkeit oder Sinnstiftung kündigen, sondern auch wegen struktureller und äußerer Bedingungen (Zeitdruck, Überstunden, Schichtdienst, mentale Belastung, unzureichende Bezahlung). Passend dazu äußerten Pflegekräfte und Auszubildende in der Pflege im Rahmen einer Studie des Bundesministeriums für Gesundheit (2023) v. a. folgende Wünsche zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen: Angemessene Bezahlung, mehr Personal, mehr Unterstützung bei der Kinderbetreuung, verlässliche Dienstpläne, mehr digitale Unterstützung sowie ein respektvolles Arbeitsklima.
Diese Aspekte sind nicht zuletzt auch für die Umsetzung der Vorschläge von Toscano et al. (2025) zur Sensibilisierung für Dankbarkeit und Sinnstiftung, z. B. mithilfe von Reflexionsübungen nach Schichtende, wichtig, weil für diese erstmal der Raum und bestenfalls auch ein entsprechend achtsames Betriebsklima vorhanden sein müssen. Dementsprechend weist die Studie mit Recht darauf hin, dass Dankbarkeitspraktiken keinen Ersatz für strukturelle Verbesserungen darstellen.
Fazit
Die Studie von Toscano et al. (2025) führt vor Augen, dass für das Wohlbefinden von Pfleger*innen auch die Dankbarkeit der Patient*innen und die empfundene Sinnhaftigkeit der Tätigkeit von großer Bedeutung sind. Diese Faktoren zu stärken, kann das Risiko für emotionale Erschöpfung und Kündigungen senken, was jedoch nicht daran hindern sollte, andere Aspekte wie das Gehalt oder das Arbeitsklima ebenfalls zu verbessern.
Dieser Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.
Vorgestellte Studie:
Toscano, F., Galanti, T., & Cortini, M. (2025). Reducing Nurses’ Emotional Exhaustion and Turnover Intentions: The Role of Prosocial Orientation and Perceived Patient Gratitude in a Moderated Mediation Model. Journal of Nursing Management, 2025(1), 4445460.
Weitere Literatur
Bundesministerium für Gesundheit. (2023). Studie zur Zufriedenheit im Job: Pflegekräfte wollen eine angemessene Bezahlung, mehr Kolleginnen und Kollegen und digitale Entlastung. www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/tag-der-pflegenden.html.
Cropanzano, R., & Mitchell, M. S. (2005). Social exchange theory: An interdisciplinary review. Journal of management, 31(6), 874-900.
Destatis. (2024). Bis 2049 werden voraussichtlich mindestens 280 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/01/PD24_033_23_12.html.
Ding, J., & Wu, Y. (2023). The mediating effect of job satisfaction and emotional exhaustion on the relationship between psychological empowerment and turnover intention among Chinese nurses during the COVID-19 pandemic: a cross-sectional study. BMC nursing, 22(1), 221.
Galanti, T., Cortini, M., Giudice, G. F., Zappalà, S., & Toscano, F. (2024). Safeguarding nurses‘ mental health: The critical role of psychosocial safety climate in mitigating relational stressors and exhaustion. AIMS Public Health, 11(3), 905.
pA Medien GmbH. (2025). Ein Drittel der Pflegekräfte denkt an Kündigung. Medi-Karriere. www.medi-karriere.de/magazin/ein-drittel-der-pflegekraefte-denkt-an-kuendigung/.







