Studie zeigt: Pünktlichkeit ist wichtig – trotz kultureller Unterschiede

Eine Frau sitzt im Büro und tippt vorwurfsvoll auf ihre Uhr.

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Wenn Meetings nicht pünktlich beginnen, weil sich Teammitglieder verspäten, kann das frustrierend sein und sogar die Effektivität der Besprechung reduzieren. Eine neue Studie zeigt, dass es auch vom kulturellen Kontext abhängt, wie Verspätungen bewertet werden und sich auf Mitarbeitende auswirken.

Wie genervt sind Sie, wenn Sie pünktlich beim Arbeitsmeeting erscheinen, Kolleg*innen sich jedoch verspäten, sodass sich der Meetingbeginn verzögert? Ein internationales Forschungsteam vermutet, dass Menschen Unpünktlichkeit je nach Kultur unterschiedlich wahrnehmen und bewerten. Die Forschenden – Joseph A. Allen (USA), Nale Lehmann-Willenbrock (Deutschland), Nicole Landowski (USA), Steven G. Rogelberg (USA), Lorenzo Lucianetti (Italien), Hector P. Madrid (Chile) und Jiajin Tong (China) – haben zu diesem Thema im letzten Jahr eine Studie mit Teilnehmenden aus sechs Ländern durchgeführt.

Unpünktlichkeit frustriert

Nach der Theorie der Ressourcenerhaltung (Hobfoll, 1989) sind Menschen bestrebt, ihre Ressourcen zu schützen, um ihre Ziele zu erreichen. Gelingt uns das nicht, reagieren wir mit negativen Emotionen.

Studien aus dem US-amerikanischen Raum zeigen, dass Unpünktlichkeit in Meetings bei pünktlichen Menschen Frustration hervorruft (Allen et al., 2018; Mroz & Allen, 2017; Rogelberg et al., 2014) und Zuspätkommer*innen als unhöflich und respektlos erlebt werden (Mroz & Allen, 2020; Rogelberg et al., 2014). Auch beobachteten Lehmann-Willenbrock und Allen (2020) in einem Experiment weniger lösungsorientierte Kommunikation, weniger sozioemotionale Unterstützung und weniger Ideenentwicklung in Gruppen, die wegen einer fehlenden Person ihr Meeting zehn Minuten verspätet beginnen mussten. Studien ergeben außerdem, dass Meetings als weniger effektiv empfunden werden und tatsächlich weniger Nutzen bringen, je mehr sich Teilnehmende verspäten (z. B. Allen et al., 2018). Auch die Rolle der zu spät kommenden Person kann einen Einfluss haben: Vermutlich ist eine Verspätung der Meetingleitung gravierender als eine gleichgestellter Kolleg*innen, weil die empfundene Effektivität eines Meetings maßgeblich von der Führungsperson abhängt (Kello, 2015).

Bewertung von Unpünktlichkeit in verschiedenen Kulturen

Das Verständnis von und der Umgang mit Zeit variieren mitunter mit dem kulturellen Kontext (Brislin & Kim, 2003; Levine et al., 1980). Laut Hofstede und Hofstede (2005) können Kulturen u. a. entsprechend ihrer Machtdistanz und individualistischen Ausrichtung unterschieden werden:

  • Machtdistanz wird definiert als das Ausmaß, zu dem weniger Mächtige die ungleiche Machtverteilung in einer Gesellschaft oder Institution akzeptieren (Hofstede & Hofstede, 2005).
  • Individualismus Kollektivismus beschreibt das gesellschaftliche Verständnis der Rollen von Individuum und Gemeinschaft (Hofstede & Bond, 1984).

Allen et al. (2025) – die Autor*innen der hier vorgestellten Studie – vermuten, dass in Ländern mit geringerer Machtdistanz und höherer Gleichheitserwartung (z. B. Deutschland, Niederlande, USA) Zuspätkommen weniger toleriert wird als in Ländern mit höherer Machtdistanz (China, Chile, Italien). Zudem nehmen sie an, dass Menschen aus individualistischen Kulturen mit mehr Frustration und Intoleranz auf Zuspätkommer*innen reagieren, da in individualistischen Kulturen die eigenen Interessen vor denen der Gruppe priorisiert werden. Weil Verspätungen jedoch auch eine Normverletzung darstellen, formulieren die Forscher*innen ebenfalls die Hypothese, dass Zuspätkommende in kollektivistischen Ländern mit hoher Machtdistanz am meisten verurteilt werden.

Wie wurden diese Überlegungen überprüft?

Aufbau und Ergebnisse der Studie

An der Online-Studie von Allen et al. (2025) nahmen 1432 Teilnehmende aus Chile, China, Deutschland, Italien, den Niederlanden und den USA teil. Sie lasen sechs Szenarios, in denen entweder ein*e Kolleg*in oder der/die Meetingleiter*in sich um fünf, zehn oder fünfzehn Minuten verspätet, während die Teilnehmenden selbst pünktlich sind. Nach dem Lesen jedes Szenarios beurteilten die Teilnehmenden, wie frustriert, gereizt und verärgert sie sich fühlen würden.

Wie angenommen reagierten Teilnehmende auf Verspätungen der Meetingleitung frustrierter als auf Verspätungen von Kolleg*innen. Dieser Effekt war bei Befragten aus Chile, den Niederlanden und den USA (d. h. Kulturen mit hoher Machtdistanz) am größten. Teilnehmende aus China empfanden hingegen die Verspätung von Kolleg*innen als schwerwiegender.  Des Weiteren fiel die Frustration größer aus, je länger auf die sich verspätende Person gewartet werden musste. Dies war bei Teilnehmenden aus individualistischeren Ländern (Niederlande, USA) mehr der Fall als in den kollektivistischeren Ländern China und Chile. Befragte aus Deutschland und Italien empfanden jedoch eine 15-minütige Verspätung lediglich als moderat frustrierend.

Zudem schätzten die Teilnehmenden ein, wie an ihrem realen Arbeitsplatz auf zu spät kommende Kolleg*innen reagiert werden würde, indem sie die Wahrscheinlichkeit folgender Aussagen bewerteten:

  • Die Meetingleitung wird Zuspätkommer*innen öffentlich tadeln. – Diese Reaktion wurde in China für am wahrscheinlichsten gehalten.
  • Die Meetingleitung wird Zuspätkommer*innen unter vier Augen für ihre Verspätung kritisieren. – Das hielten v. a. Teilnehmende aus China, Chile und Italien für wahrscheinlich.
  • Kolleg*innen werden äußern, dass sie solche Verspätungen inakzeptabel finden. – Dieser Aussage stimmten Teilnehmende in Italien am meisten zu.
  • Die Teilnehmenden des Meetings werden die Verspätung klaglos hinnehmen. – Das war für Teilnehmende aus China, Deutschland und den USA wahrscheinlicher als für Personen aus Chile, Italien oder den Niederlanden.

Die starke Frustration in den USA und den Niederlanden deutet darauf hin, dass dort die Behinderung persönlicher Arbeitsziele durch Gruppenaktivitäten als besonders schwerwiegend wahrgenommen wird. In kollektivistischen Kontexten wird die Einhaltung von Normen vermutlich eher durch soziale Kontrolle und hierarchische Zurechtweisung gesichert als durch negative emotionale Reaktionen. Die unterschiedlichen Effekte lassen sich jedoch nicht alle durch Machtdistanz und Kollektivismus/Individualismus erklären, weshalb weitere Forschung notwendig ist.

Was bedeuten die Ergebnisse für die Praxis?

Trotz teils inkonsistenter Ergebnisse ergeben sich insbesondere für die Führung kulturell diverser Teams aus den Studienergebnissen folgende Empfehlungen:

  1. Führungskräfte müssen sich ihrer Rolle als Zeitwächter*innen bewusst sein. Da ihre Verspätung besonders in westlichen Kulturen Frustration auslöst, sollten sie Meetings möglichst pünktlich beginnen und beenden.
  2. Vorgesetzte sollten dafür sensibilisiert sein, dass Arbeitnehmende aus Kulturen mit geringer Machtdistanz (z. B. USA, Niederlande) vermutlich empfindlicher auf Verspätungen reagieren, was zu negativen sozialen Dynamiken führen kann.
  3. Führungskräfte können durch eigenes pünktliches Erscheinen eine positive Norm etablieren. Auch sollte klar kommuniziert werden, dass pünktliches Erscheinen erwartet wird bzw. wie im Falle einer Verspätung die Nachteile für die pünktlichen Teilnehmenden minimiert werden können (indem z. B. das Meeting trotzdem zur angedachten Zeit beginnt/endet).
  4. Meetings sollten nur angesetzt werden, wenn sie notwendig sind und pünktlich begonnen werden können, um die wertvolle Zeit der Mitarbeitenden zu respektieren.

Schwächen der Studie

Trotz dieser Erkenntnisse weist die Studie einige Einschränkungen auf:

  • Durch das experimentelle Setting mit Verwendung von Szenarios können die Ergebnisse nicht eins zu eins auf die Realität übertragen werden, da nicht zuletzt soziale Erwünschtheit die Antworten verzerrt haben könnte.
  • Die Stichproben wurden nicht systematisch repräsentativ für die gesamte jeweilige Nationalität ausgewählt. Auch wurde nicht unterschieden, ob Teilnehmende Einheimische oder Expats waren.
  • Die Studie differenzierte nicht nach Gründen für Verspätungen. Dabei ist es möglich, dass Reaktionen davon abhängen, ob jemand wegen technischer Probleme oder z. B. aus Unachtsamkeit zu spät kommt.

Fazit

Die Studie zeigt, dass Unpünktlichkeit in Meetings zwar generell frustrierend sein kann, ihre Bewertung jedoch stark vom kulturellen Hintergrund abhängt. Zudem unterscheiden sich Menschen darin, wie stark solche Situationen emotional bewertet werden und wie wahrscheinlich offene Kritik an Zuspätkommenden geübt wird. Für die Praxis bedeutet das: Gerade in international zusammengesetzten Teams sollten Führungskräfte auf klare Zeitnormen, eigenes pünktliches Verhalten und eine transparente Kommunikation von Erwartungen achten, um Frustration zu vermeiden und eine respektvolle Meetingkultur zu fördern.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.

Vorgestellte Studie:

Allen, J. A., Lehmann-Willenbrock, N., Landowski, N., Rogelberg, S. G., Lucianetti, L., Madrid, H. P., & Tong, J. (2025). Late Again? A Cross-Cultural Comparison of Meeting Lateness Frustration by Punctual Attendees. Cross-Cultural Research59(1), 43-67.

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