Wie können Frauen auch während der Wechseljahre gut und gesund arbeiten und was können Unternehmen dafür tun? Ein Forschungsprojekt von the-change.org und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ist dieser Frage nachgegangen. Wir haben mit den Projektverantwortlichen und zwei Studienteilnehmerinnen über die wichtigsten Erkenntnisse gesprochen.
Über das Projekt „Wechseljahre im Arbeitsleben“
Das Projekt von the-change.org und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg untersucht seit 2025, wie Frauen die Wechseljahre in unterschiedlichen Arbeits- und Organisationskontexten erleben und welche Bedingungen ihre Handlungsfähigkeit fördern oder einschränken. Folgende Fragen standen dabei im Fokus:
- Wie wirken unterschiedliche Arbeitsbedingungen und Organisationskulturen auf den Umgang mit Wechseljahresbeschwerden?
- Unter welchen Voraussetzungen können Frauen ihre Bedürfnisse benennen und betriebliche Unterstützung in Anspruch nehmen?
- Welche Bedeutung haben die Wechseljahre für Arbeitsidentität, berufliche Orientierung und weitere Erwerbsbiografie?
- Wie prägen kulturelle Deutungsmuster, Geschlechter- und Altersnormen sowie soziale Erwartungen an Frauen das Sprechen, Verbergen und Handeln im Arbeitskontext?
Die Wechseljahre werden folglich nicht als isoliertes medizinisches Ereignis, sondern als körperlich, biografisch, sozial und organisational eingebettete Lebensphase betrachtet.
Methodik: Im Rahmen der qualitativen Studie wurden 65 leitfadengestützte, teils narrative Interviews geführt, mit 46 Beschäftigten und 19 betrieblichen Stakeholdern. metafinanz ist eines der Unternehmen, die an der Studie teilgenommen haben. Derzeit werden die Daten der Grounded Theory folgend ausgewertet, einem Verfahren aus der qualitativen Sozialforschung, mit dem man aus den Daten heraus Theorien entwickelt und Mechanismen aufzeigt.
IM GESPRÄCH MIT:
Sonja Hachenberger:
Soziologin, Gründerin von the-change.org und Initiatorin des Forschungsprojekts „Wechseljahre im Arbeitsleben“. Begleitet Unternehmen bei der Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen in der Lebensmitte.
Heike Ohlbrecht:
Professorin für Allgemeine Soziologie und Mikrosoziologie, forscht seit vielen Jahren zu Arbeit und Gesundheit und beruflicher Rehabilitation. Begleitet das Projekt „Wechseljahre im Arbeitsleben“ als wissenschaftliche Beraterin.
Riem Sarsam:
Kommunikationsexpertin bei metafinanz, 59 Jahre alt, Teilnehmerin am Projekt, Betriebsratsmitglied.
Vera de Jong:
Eventmanagerin bei metafinanz, 38 Jahre alt, hatte früh ihre Wechseljahre, Teilnehmerin am Projekt.
Wie kam es zu dem Forschungsprojekt?
Sonja Hachenberger:
Ausgangspunkt war die Frage, was Frauen brauchen, um auch in den Wechseljahren – mitten in ihrem Berufsleben – gut arbeiten zu können. Aus unserer meno@work-Umfrage war uns bekannt, dass darüber nur sehr wenige Unternehmen nachdenken.
Heike Ohlbrecht:
Da es bislang nur wenig Forschung zu der Frage gibt, welche Arbeitsbedingungen und Organisationskulturen für Beschäftigte in den Wechseljahren hilfreich sind, sind wir explorativ vorgegangen. Wir haben unterschiedliche Organisationen und Arbeitskontexte einbezogen – eine Schule, eine Universität, einen Produktionsbetrieb und ein Beratungsunternehmen – und dort mit Beschäftigten, Führungskräften sowie Ärzt*innen aus der Arbeitsmedizin gesprochen. Unser Interviewleitfaden enthielt sowohl konkrete Fragen als auch offene, erzählgenerierende Impulse. Dadurch konnten die Frauen ihre Erfahrungen in eigenen Worten und mit eigenen Schwerpunktsetzungen schildern.
Wie bereitwillig sprechen Frauen über die Wechseljahre?
Sonja Hachenberger:
Viele Frauen hatten an unserem Projekt Interesse. Sie brauchen nur einen Raum, in dem die Wechseljahre Thema sein dürfen, um sich zu öffnen. Dann ist es zu konkreten Schritten und Maßnahmen auch kein weiter Weg mehr, so meine Erfahrung aus Vorträgen, Workshops, Beratungen und Forschungsprojekten.
Vera de Jong:
Dem stimme ich voll und ganz zu. Von selbst wäre ich nie auf die Idee gekommen, jemandem im Unternehmen von meinen Wechseljahren zu erzählen. Aber als ich den Aufruf zur Teilnahme am Projekt in unserem Intranet gefunden hatte, wollte ich mich einbringen.
Riem Sarsam:
Am Ende musste sogar gelost werden, wer am Projekt teilnehmen durfte. Ich freue mich, dass wir das Thema sichtbarer gemacht haben, und hoffe auf weitere Forschungsprojekte dazu.
Heike Ohlbrecht:
In einem geschützten Raum sprechen viele Frauen durchaus offen und differenziert über ihre Erfahrungen. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Wechseljahre auch im betrieblichen Alltag gut besprechbar sind. Auffällig ist vielmehr eine große organisationale Sprachlosigkeit: Selbst dort, wo ein ausgebautes Gesundheitsmanagement vorhanden ist, werden die Wechseljahre bislang kaum als arbeitsbezogenes Thema aufgegriffen.
Häufig richtet sich der Blick vor allem auf die medizinische Ebene, also auf Beschwerden, Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten. Ebenso wichtig sind jedoch das subjektive Erleben – wie eine Frau diese Lebensphase erfährt und mit Veränderungen umgeht – sowie die soziale und organisationale Dimension: Welche Vorstellungen von Weiblichkeit, Alter, Leistungsfähigkeit und angemessener Lebensführung gibt es in der Gesellschaft und im Unternehmen? Und unter welchen Bedingungen kann eine Frau einen vorübergehenden Unterstützungsbedarf äußern, ohne dauerhaft als weniger leistungsfähig zu gelten? Diese unterschiedlichen Perspektiven wollten wir in den Interviews herausarbeiten.
In unseren ersten Analysen zeigt sich, dass in den von uns untersuchten Organisationen häufig noch das Leitbild des jederzeit gesunden, fitten und leistungsfähigen Leistungsträgers wirksam ist. Ich verwende hier bewusst die männliche Form, denn dieses Leitbild ist historisch männlich geprägt: Es orientiert sich an einer Arbeitskraft, die möglichst kontinuierlich verfügbar ist und deren körperliche Veränderungen im Arbeitsalltag nicht sichtbar werden.
Zugleich möchten viele Frauen die Wechseljahre nicht ausschließlich als Defizit- oder Krisenerfahrung verstanden wissen. Diese Lebensphase kann auch mit Neuorientierung, größerer Klarheit und Aufbruch verbunden sein. Deshalb sollten wir reale Beschwerden und Unterstützungsbedarfe ernst nehmen, ohne die Wechseljahre insgesamt zu pathologisieren oder Frauen auf eine vermeintlich verminderte Leistungsfähigkeit zu reduzieren.

Habt ihr selbst die Wechseljahre eher als Phase der Defizite oder der Chancen empfunden?
Riem Sarsam:
Das ist schwierig zu beantworten, weil man die Wechseljahre nicht isoliert betrachten kann. Mein Kind war damals in dem Alter, dass es ausgezogen ist, ich habe den Job gewechselt, bin umgezogen. Es war also eine Umbruchsphase, aber das lag nicht allein an den Wechseljahren.
Vera de Jong:
Bei mir fand in der Tat durch die Wechseljahre der Umbruch statt. Die Diagnose „Menopause“ war für mich ein absolutes Aha-Erlebnis, nachdem lange angezweifelt worden war, dass meine Beschwerden hormonell bedingt sein könnten. Als das endlich feststand, galt ich als „zu jung“ für die Wechseljahre, und man tat alles, damit es doch noch mit dem Zyklus klappt. Das war sehr anstrengend und hat mich meinen Job und meine psychische Gesundheit gekostet. Nach sechs Wochen Tagesklinik und mit dem Beginn der Hormonersatztherapie, ging es mir innerhalb von zehn Tagen plötzlich dauerhaft gut. Ich war wirklich froh um meine neue Handlungsfähigkeit.
Sonja Hachenberger:
Die Wechseljahre waren für mich auch eine Zeit der Neuorientierung, in der ich viel über mich gelernt und the-change.org gegründet habe. Auch mir hätte mehr Wissen gutgetan. Lange wusste ich nicht, dass meine Schlafstörungen hormonell bedingt waren.
Heike Ohlbrecht:
Man kann Dinge erst erkennen, wenn man das Wissen hat. In unseren Daten sehen wir, dass sich viele Frauen ihre Symptome nicht erklären können und sie erst viel später auf die Wechseljahre zurückführen. Auch Druck spielt eine Rolle: Frauen, die beispielsweise im Wissenschaftsbereich Karriere machen, sind in der Regel um die vierzig, wenn sie einen Ruf erhalten. Man tut dann alles, um keine Schwächen oder Defizite zu zeigen.
Sonja Hachenberger:
Wir wissen aus unserer Forschung, dass sich viele Frauen mit Wechseljahresbeschwerden vorübergehend weniger leistungsfähig fühlen und sich oft Führungsrollen nicht zutrauen. Sie sind viel zu beschäftigt damit, irgendwie weiter zu funktionieren, trotz Schlafstörungen, Gereiztheit, depressiver Verstimmtheit oder auch Brain Fog.
Womit wir beim Thema Präsentismus sind. Was begünstigt Präsentismus in den Wechseljahren?
Sonja Hachenberger:
Bei metafinanz sind Homeoffice und Vertrauensarbeitszeit üblich. Diese hohe Flexibilität macht es einfach, die Arbeit an den eigenen Rhythmus anzupassen, sie hat aber auch ihre Tücken. Im Homeoffice schleppt man sich eher trotz Beschwerden an den Laptop, weil das schon irgendwie geht.
Vera de Jong:
Die Vertrauensarbeitszeit ist tatsächlich ein zweischneidiges Schwert: Ich muss nichts erklären. Das gibt mir Freiheit und Flexibilität, aber schließt auch den Raum, über meine Situation zu sprechen.
Riem Sarsam:
Wir streben eine selbstorganisierte Organisation an. Jede Person und jedes Team muss gewisse Umsatzerwartungen erfüllen. Wenn ich meinen Umsatzerwartungen nicht entspreche, dann hat das für mich, aber womöglich auch für mein Team Folgen, wenn es dadurch die Erwartungen nicht erfüllt. Auf Dauer führt das zu hohem Druck und begünstigt sicherlich auch in dem ein oder anderen Fall mehr Präsentismus.
Sonja Hachenberger:
Ich denke, dass Frauen lange durchziehen, bis es gar nicht mehr geht. Manche fallen dann für längere Zeit aus. Was auch die Tendenz zu Präsentismus zu beeinflussen scheint, sind Erziehung und der eigene Anspruch, dem man auch in den Wechseljahren gerecht werden möchte. Solange die Wechseljahre in Unternehmen nicht besprechbar sind, fehlt die Legitimation, die Arbeit gemäß dieser Lebensphase anzupassen. Bei einem kranken Kind, einem Bandscheibenvorfall oder einer Depression kann man das heutzutage sagen und erntet Verständnis. Bei den Wechseljahren sind wir noch nicht so weit.
Sollten die Leistungserwartungen in den Wechseljahren gesenkt werden?
Riem Sarsam:
Das wäre unfair, denn Mitarbeitende mit kleinen Kindern, Zyklusbeschwerden oder pflegebedürftigen Eltern haben auch ihre Belastungsfaktoren. Ich denke, letztendlich läuft es immer auf individuelle Lösungen hinaus.
Sonja Hachenberger:
Wir sollten über verschiedene Lebensphasen sprechen und die Bedingungen, die es jeweils braucht, um gut arbeiten zu können. Dann entkräften wir das Vorurteil, die Frauen wollten immer eine Sonderbehandlung.
Wir stellen immer wieder fest, dass vorhandene Angebote nicht immer genutzt werden, weil sie nicht bekannt sind, weil die Zeit fehlt oder es nicht legitimiert erscheint, sich Unterstützung zu holen. Es braucht daher klare Ansprechpersonen im Unternehmen, die sensibilisiert sind und die Möglichkeiten kennen. Das kann die Führungskraft nicht allein abdecken, zumal viele – insbesondere Männer – unsicher sind, wie sie Frauen auf das Thema Wechseljahre überhaupt ansprechen können. Sie wollen nicht diskriminierend oder sexistisch sein, wenn sie fragen, ob eine Frau in den Wechseljahren ist. Stattdessen könnten sie fragen: „Was brauchst du aktuell, um gut arbeiten zu können?“ Das geht in jeder Lebensphase und ist nie verkehrt.
Heike Ohlbrecht:
In der Tat sehen wir in den Daten, dass situative Anpassungsmöglichkeiten in allen Lebensphasen am meisten helfen.

Wie kann das in Jobs aussehen, in denen man nicht räumlich oder zeitlich flexibel arbeiten kann?
Sonja Hachenberger:
Für die Frauen, mit denen wir gesprochen haben, hat es schon einen Unterschied gemacht, ob z. B. die Schulleitung Verständnis hatte. Auch im starren System Schule gibt es Möglichkeiten. Eine Frau hat sich beispielsweise manchmal im Klassenzimmer zurückgezogen, wenn sie kurz Ruhe brauchte. Das sollte genauso akzeptiert werden wie eine Raucherpause.
Wie lassen sich die Forschungserkenntnisse in die betriebliche Praxis übertragen?
Sonja Hachenberger:
Die Erkenntnisse aus der Forschung fließen direkt in unsere Arbeit mit Unternehmen ein. Wir sensibilisieren, bringen Beschäftigte und Führungskräfte ins Gespräch und schauen gemeinsam, wo Arbeitsbedingungen verändert werden können. Das reicht vom Vortrag über die Qualifizierung interner Ansprechpersonen, die Vertrauen schaffen, Orientierung geben und Angebote vernetzen, bis zur längerfristigen Prozessbegleitung. Entscheidend ist, dass Maßnahmen nicht nur gut gemeint sind, sondern im Arbeitsalltag funktionieren.
Wie geht es mit dem Projekt weiter?
Heike Ohlbrecht:
Uns liegen 65 Interviews vor. Zunächst haben wir 20 Interviews aus zwei unterschiedlichen Arbeitskontexten vertieft ausgewertet. Nun wollen wir die gesamte Datenbasis analysieren und dabei auch unterschiedliche betriebliche Positionen, die Perspektiven der Stakeholder und die biografischen Konstellationen der Frauen berücksichtigen. Uns interessiert besonders, welche organisationalen Bedingungen Belastungen verstärken oder abschwächen und welche Maßnahmen in unterschiedlichen Arbeitskontexten helfen.
Perspektivisch möchte ich qualitativ und quantitativ weiterforschen, insbesondere zur betrieblichen Gesundheitsförderung in kleinen und mittleren Unternehmen. Dafür braucht es allerdings eine entsprechende Finanzierung.







