Coaching bei beruflichen Veränderungen: Wie Sie die Paarbeziehung mitdenken

Gesche Nietfeld

Foto: Pixel-Shot - Adobe Stock

Ein beruflicher Veränderungswunsch kann im Coaching als individuelles Anliegen beginnen und zugleich den Handlungsspielraum des Partners oder der Partnerin sowie die gemeinsame Lebensgestaltung berühren. Verfolgen beide eigene berufliche Entwicklungsziele, kann darüber hinaus eine zweite Karriere betroffen sein. Wie können Coaches solche Prozesse begleiten?

Entscheidung klären oder Umsetzung gestalten?

Im ersten Beitrag der Autorin zum Zusammenspiel von Beruf und Partnerschaft bei Doppelverdiener- und Doppelkarrierepaaren dienten Anna und Daniel, ein berufstätiges Paar mit zwei Kindern, als Fallbeispiel für die Frage, welche Rolle die Paarbeziehung bei beruflichen Entscheidungen und Entwicklungen spielt. Daniel erwägt eine berufliche Weiterbildung, die zusätzliche Zeit beanspruchen und damit Auswirkungen auf Annas berufliche Möglichkeiten und den gemeinsamen Familienalltag haben könnte.

Ob Daniel noch über die Weiterbildung nachdenkt oder sich bereits dafür entschieden hat, macht für den weiteren Coachingprozess einen Unterschied. Im ersten Fall steht zunächst seine berufliche Orientierung im Vordergrund. Ist die Entscheidung bereits gefallen, rücken deren Umsetzung und mögliche Folgen für die gemeinsame Lebensgestaltung stärker in den Mittelpunkt. Daniels Anliegen zu konkretisieren und daraus den Beratungsauftrag zu klären, bildet daher einen wichtigen Ausgangspunkt.

Ist die Entscheidung noch offen, können Befunde aus der individuellen Karriereberatung Orientierung für das Coaching bieten. Eine aktuelle Metaanalyse hebt fünf Elemente hervor (Milot-Lapointe & Arifoulline, 2025):

  1. Den Entscheidungsprozess strukturieren: Optionen, relevante Informationen und nächste Schritte werden geordnet. Bei Daniel etwa, welche Weiterbildungsformate infrage kommen und welche Informationen noch fehlen.
  2. Hinderliche Gedanken und Überzeugungen bearbeiten: Einschätzungen prüfen, die eine Entscheidung erschweren, z. B. Daniels Annahme, er müsse sich zwischen beruflicher Entwicklung und ausreichend Zeit für seine Familie entscheiden.
  3. Berufliche Optionen schriftlich analysieren: Alternativen anhand der für Daniel relevanten Kriterien gegenüberstellen.
  4. Individualisiertes Feedback geben: die Passung einer Option zu Daniels Präferenzen aus fachlicher Perspektive des Coachs bzw. der Coachin reflektieren.
  5. Mögliche Hindernisse frühzeitig bearbeiten: Schwierigkeiten bei der Umsetzung antizipieren, etwa Strategien für den Umgang mit ihnen entwickeln.

Die Folgen für die Partnerperson mitdenken

Konkretisiert sich Daniels beruflicher Wunsch, stellt sich die Frage, welche Folgen seine Umsetzung für Anna und das gemeinsame Leben hätte. Für den Coachingprozess bietet sich an, alltägliche Routinen der beiden sichtbar zu machen: Wie sind Arbeitszeit, Kinderbetreuung und weitere Aufgaben heute verteilt? Welche beruflichen Spielräume haben beide? Wie würde sich das gemeinsame Zeitmanagement konkret durch Daniels Weiterbildung verändern? Welche bisher selbstverständlichen Annahmen werden berührt? Forschung zu Doppelverdienerpaaren zeigt nämlich, dass Entscheidungen über Beruf und Familie häufig von eingespielten Routinen geprägt sind, die bestehende Arrangements aufrechterhalten können (Radcliffe et al., 2023). Auch Unterschiede in der zeitlichen Flexibilität können relevant dafür sein, wer innerhalb eines Paares stärkere berufliche Anpassungen vornimmt (Shockley et al., 2026). Im Einzelcoaching mit Daniel kann sich hier zugleich eine Grenze abzeichnen: Daniel kann mögliche Auswirkungen seiner Weiterbildung auf Annas berufliche Entwicklung und das gemeinsame Leben mitdenken. Wie Anna ihre eigene Situation und Prioritäten bewertet, lässt sich jedoch nicht stellvertretend mit ihm klären.

Gemeinsame Arrangements gestalten

Daniels Weiterbildung ist begrenzt für ein Jahr. Für ein Coaching im Paarsetting ist es somit sinnvoll, mit dem Paar festzulegen, für welchen Zeitraum das neue Arrangement gelten soll und wann es erneut gemeinsam betrachtet werden kann. Die Abstimmung beider Karrieren muss dabei nicht auf eine dauerhaft gleiche Gewichtung hinauslaufen, auch eine zeitweise stärkere Gewichtung einer Karriere kann Teil einer Doppelkarrierekonstellation sein (Mutter & Thorn, 2026). Paare sind heute in immer kürzeren Abständen damit konfrontiert, gefundene Arrangements regelmäßig zu überdenken und so gemeinsam den stetig neuartigen Anforderungen einer komplexen Arbeitswelt zu begegnen.

Bei Doppelkarrierepaaren können außerdem Werte, Grenzen und Befürchtungen in den Blick genommen werden. Petriglieri (2019) zeigt, dass der Austausch darüber in beruflichen Übergangsphasen bedeutsam sein kann. Für das Coaching von Daniel und Anna lassen sich daraus beispielsweise folgende Fragen ableiten:

  • Was bedeutet dieser berufliche Schritt für uns?
  • Was bereitet uns Sorge?
  • Welche Grenzen möchten wir dabei berücksichtigen?
  • Und welche Auswirkungen wären für uns schwer zu tragen?

Darüber hinaus gibt es Card-basierte Ansätze, die beide beruflichen Perspektiven ausdrücklich einbeziehen und auch aktuell im Coaching von Doppelkarrierepaaren aufgegriffen werden (Horan, 2026; Parker & Arthur, 2004;). Dabei wählen beide Partner*innen zunächst unabhängig voneinander Karten aus, die für ihre jeweilige berufliche Situation bedeutsam sind, und bringen diese in eine Rangfolge. Die individuellen Ergebnisse werden anschließend in einem gemeinsamen Paarprofil zusammengeführt und reflektiert (Parker & Arthur, 2004).

Unterstützung konkretisieren

Es ist sinnvoll, zwischen emotionaler und praktischer Unterstützung durch die Partnerin oder den Partner zu unterscheiden. Beide Unterstützungsarten stehen in positivem Zusammenhang mit der Verfolgung persönlicher Ziele (Vowels & Carnelley, 2022). Für das Coaching kann es deshalb hilfreich sein, Daniels Unterstützungswunsch zu konkretisieren: Welche Unterstützung wünscht er sich konkret zu welchem Zeitpunkt von Anna: Ermutigung, Interesse oder praktische Entlastung? Aus einem allgemeinen Wunsch kann so eine konkrete Bitte werden. Ob und in welchem Umfang Anna dies leisten möchte, bleibt ihre Entscheidung.

Belastungen gemeinsam bewältigen

Wird die berufliche Veränderung zum gemeinsamen Thema, kann im Coaching auch der Umgang des Paares mit den entstehenden Belastungen aufgegriffen werden. Orientierung bietet die Forschung zum dyadischen Coping. Im Kern beschreibt dyadisches Coping, wie Partner*innen einander Belastungen mitteilen und diese entweder unterstützend füreinander oder als gemeinsames Problem bewältigen. Dabei kann betrachtet werden, wie beide Partner*innen ihren Stress mitteilen, Belastungen der Partnerperson wahrnehmen und darauf reagieren. Auch lässt sich klären, welche Belastungen gemeinsam bewältigt werden können. Dass dyadisches Coping gezielt gefördert werden kann, zeigen empirisch untersuchte Paartrainings (Bodenmann et al., 2006). Konstruktive Formen des dyadischen Copings stehen zudem mit höherer Beziehungszufriedenheit in Zusammenhang (Falconier et al., 2015).

Fazit

Berufliche Veränderungen können den Coachingauftrag erweitern, sobald ihre Folgen die Partnerschaft oder die berufliche Entwicklung der Partnerperson berühren. Entscheidend ist dann, welche Fragen mit der einzelnen Person bearbeitet werden können und wann die Perspektive des Partners oder der Partnerin erforderlich wird. Im Einzelcoaching lassen sich Auswirkungen auf das gemeinsame Leben mitdenken, Unterstützungswünsche konkretisieren und mögliche Belastungen reflektieren. Geht es jedoch um die gemeinsame Gestaltung der Folgen einer beruflichen Veränderung, braucht es die Perspektive beider.

Literaturliste zum Download

Weitere Artikel zum Thema