Meine Karriere, unsere Entscheidung? – Wie ein beruflicher Neustart Paare beeinflusst

Gesche Nietfeld

Foto: Miljan Živković - Adobe Stock

Ein beruflicher Neustart betrifft oft mehr als die eigene Karriere. Arbeitszeit, Familienorganisation und die beruflichen Möglichkeiten des Partners oder der Partnerin können sich ebenfalls verändern. Wie können Paare mit einer Veränderung umgehen, die von einer Person ausgeht, aber beide betrifft?

„Ich möchte beruflich noch einmal etwas anderes machen“

Daniel, 42, arbeitet zu 75 Prozent als Projektmanager. Seine Frau Anna, 44, arbeitet Vollzeit als leitende Oberärztin. Sie haben zwei Kinder. Daniel übernimmt einen größeren Teil der Familienorganisation.

Seit längerem ist Daniel beruflich unzufrieden. Für eine Weiterbildung müsste er seine Arbeitszeit auf 60 Prozent reduzieren, Seminarwochenenden kämen hinzu. Als er Anna von seinen Plänen erzählt, fragt sie nach Kinderbetreuung und Finanzen. Daniel ist enttäuscht: „Ich hätte mir gewünscht, dass du dich erst einmal für mich freust.“ Später erinnert er sie daran, dass bei ihrer Führungsposition kaum die Frage aufkam, wie sich diese mit dem Familienleben vereinbaren lässt.

Wann wird die berufliche Veränderung zum gemeinsamen Thema?

Daniel hat sich bereits länger mit seinem Veränderungswunsch beschäftigt, für Anna sind seine Pläne dagegen neu. Beide stehen an unterschiedlichen Punkten des Veränderungsprozesses. Eine hilfreiche Frage kann deshalb sein: Wie lange beschäftige ich mich schon mit dem Veränderungswunsch und wie neu ist das Thema für meine*n Partner*in? Karriereübergänge beginnen nämlich nicht erst mit der eigentlichen beruflichen Veränderung, sondern umfassen bereits die Phase, in der sich eine Person auf diese vorbereitet (Akkermans et al., 2024).

„Wer betreut die Kinder, wenn ich Wochenenddienst im Krankenhaus habe?“, Anna blickt nachdenklich aus dem Fenster. Daniel und Anna diskutieren seit Tagen organisatorische Fragen im Zusammenhang mit Daniels Veränderungswunsch, dabei berühren berufliche Übergänge auch persönliche und partnerschaftliche Themen. Bei Doppelkarrierepaaren verfolgen beide Partner*innen aktiv eine eigene berufliche Entwicklung. Sie sind von Doppelverdienerpaaren zu unterscheiden, bei denen beide Partner*innen erwerbstätig sind, ohne dass damit Aussagen über ihre jeweiligen Karriereambitionen verbunden sind. Forschung zu Doppelkarrierepaaren zeigt, dass in beruflichen Übergangsphasen ein Austausch über Werte, Grenzen und Befürchtungen die Chancen erhöht, gestärkt aus diesen Phasen hervorzugehen und sowohl in der gemeinsamen Beziehung als auch in der Karriere Erfüllung zu erleben (Petriglieri, 2019).

Die Entscheidung ist individuell – ihre Folgen sind es häufig nicht

Wie eng berufliche und private Bedingungen bei Doppelverdienerpaaren miteinander verflochten sein können, zeigen Studien: Berufliche Anforderungen einer Person können die Spielräume der anderen beeinflussen. Umgekehrt prägt die Aufteilung von Familien- und Hausarbeit die Möglichkeiten für Erwerbsarbeit und berufliche Entwicklung (Shockley et al., 2025).

Somit entsteht ein Spannungsfeld: Der Wunsch nach beruflicher Veränderung gehört zunächst der einzelnen Person. Seine Folgen können jedoch Zeit, Sicherheit und Handlungsspielräume des oder der Partner*in berühren. Aus der individuellen Frage „Ist diese berufliche Veränderung für mich richtig?“ entsteht deshalb eine zweite: „Was verändert diese Entscheidung für uns beide?“

Daniels Weiterbildung betrifft seine berufliche Entwicklung, würde jedoch gemeinsame Ressourcen und die bisherige Arbeitsteilung verändern. Die Weiterbildung wird Zeit beanspruchen, die Daniel bislang für Familienorganisation aufgewendet hat. Das Paar ist somit mit einer beruflichen Ausgangssituation konfrontiert, die neue Lösungsstrategien und Absprachen notwendig macht.

Partnerschaft kann berufliche Entwicklung ermöglichen

Für Doppelkarrierepaare kommt eine weitere Perspektive hinzu: Die Paarbeziehung selbst kann die Entwicklung der beruflichen Identität beeinflussen. Zentral ist dabei die „secure base“: Partner*innen können Verlässlichkeit vermitteln und zugleich Raum geben, beruflich neue Möglichkeiten zu erkunden – etwa indem sie sich gegenseitig darin bestärken, einen Jobwechsel oder eine neue berufliche Rolle auszuprobieren. Bei einer einseitigen sicheren Basis entwickelte vor allem die unterstützte Person ihre berufliche Identität weiter. Bei einer wechselseitigen sicheren Basis zeigte sich dagegen Entwicklung bei beiden Partner*innen (Petriglieri & Obodaru, 2019).

Damit kann für Doppelkarrierepaare die Partnerschaft eine Ressource für die berufliche Entwicklung beider sein. Fairness muss dabei nicht bedeuten, dass beide zu jedem Zeitpunkt dieselben Möglichkeiten haben. Vielmehr kann es darum gehen, den beruflichen Entwicklungswünschen beider über die Zeit Raum zu geben, auch wenn dieser zeitweise unterschiedlich verteilt ist (Petriglieri, 2019). Für Daniel und Anna kann dies bedeuten, die berufliche Entwicklung beider auf längere Sicht zu ermöglichen, auch wenn ihre Karrieren zeitweise unterschiedlich gewichtet werden.

Was heißt eigentlich „Du unterstützt mich“?

Daniel wünscht sich zunächst eine positive Reaktion auf seine Idee. Anna richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Konsequenzen. Was bedeutet Unterstützung bei persönlichen Zielen? Eine Metaanalyse zeigt, dass sowohl Verständnis und Ermutigung als auch praktische Unterstützung durch den bzw. die Partner*in positiv mit der Verfolgung persönlicher Ziele zusammenhängen (Vowels & Carnelley, 2022).

Im Beispiel von Daniel und Anna wird damit ein Unterschied sichtbar: Daniel wünscht sich Interesse und Ermutigung. Anna beschäftigt sich bereits mit den praktischen Konsequenzen. Die Frage „Wie bekommen wir die Weiterbildung organisiert?“ ist nicht dieselbe wie „Wie reagierst du auf meinen Wunsch, mich beruflich zu verändern?“

So können Konflikte entstehen, obwohl beide Partner*innen an einer Lösung interessiert sind: Wer Ermutigung sucht, kann Nachfragen als Zweifel erleben. Wer die möglichen Folgen für sich und das gemeinsame Leben mitbedenkt, kann den Eindruck gewinnen, dass die eigenen Bedenken zu wenig Raum bekommen.

Neben Unterstützungsprozessen rückt der gemeinsame Umgang mit Belastungen in den Blick. Die Forschung zum dyadischen Coping betrachtet, wie Partner*innen einander Stressempfinden mitteilen und wie sie mit Belastungen umgehen, die eine*n oder beide betreffen. Konstruktive Formen dieser gemeinsamen Stressbewältigung stehen mit höherer Beziehungszufriedenheit in Zusammenhang (Falconier et al., 2015).

Fazit

Berufliche Neuorientierung beginnt bei der einzelnen Person, findet aber nicht unabhängig von der Partnerschaft statt. Sie kann gemeinsame Ressourcen, berufliche Spielräume und Belastungen verändern, zugleich können Partner*innen einander in ihrer beruflichen Entwicklung unterstützen und mit Belastungen gemeinsam umgehen.

Neben der Frage „Wie möchte ich mich beruflich weiterentwickeln?“ lohnt sich deshalb eine zweite:

„Was bedeutet meine berufliche Entwicklung für dich, für mich und für uns?“

Hinweis: Teil 2 dieser Serie erscheint nächste Woche und richtet den Blick auf die Coachingpraxis: Wie können berufliche Veränderungen begleitet werden, wenn auch die Partnerschaft davon berührt wird?

Literatur

Akkermans, J., da Motta Veiga, S. P., Hirschi, A. & Marciniak, J. (2024). Career transitions across the lifespan: A review and research agenda. Journal of Vocational Behavior, 148, 103957.

Falconier, M. K., Jackson, J. B., Hilpert, P. & Bodenmann, G. (2015). Dyadic coping and relationship satisfaction: A meta-analysis. Clinical Psychology Review, 42, 28-46.

Petriglieri, J. (2019). Couples That Work: How Dual-Career Couples Can Thrive in Love and Work. Harvard Business Review Press.

Petriglieri, J. L. & Obodaru, O. (2019). Secure-base relationships as drivers of professional identity development in dual-career couples. Administrative Science Quarterly, 64(3), 694-736.

Shockley, K. M., Shen, W. & Dodd, H. (2025). Dual-earner couples. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 12, 369-394.

Vowels, L. M. & Carnelley, K. B. (2022). Partner support and goal outcomes: A multilevel meta-analysis and a methodological critique. European Journal of Social Psychology, 52(4), 679-694.

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