Ein Neuanfang: Wenn sich Co-Führende neu finden müssen

Zwei Personen, eine Führungsposition – eine Konstellation, die herausfordernd sein kann. Doch was bedeutet es, wenn eine Führungsperson das Unternehmen verlässt und jemand anderes neu in das Führungsduo einsteigt? Anke Boettcher (AB) und Hiba Zaheer (HZ) von Albatros Versicherungsdienste GmbH haben diese Situation vor einem halben Jahr erlebt und erläutern im Interview, welchen großen Mehrwert geteilte Führung bietet und wie sie trotz des kürzlichen Wechsels zu einem eingespielten Team wurden.

Wie kam es zur Einführung eines Shared Leaderships bei Albatros?

AB: Anders als bei unserem Mutterkonzern Lufthansa gab es bei Albatros keine Shared Leadership Tandems. Als 2021 unsere derzeitige Stelle vakant wurde, kam Hiba Zaheers Vorgängerin Jenna Anderson und mir im Gespräch mit unserem Vorgesetzten, Samir Koudhai, die Idee, für die Stelle ein Führungsduo zu bilden. Jenna bzw. Hiba und ich verantworten seitdem als duale Führungsspitze den Bereich Health and Travel.

Welchen Mehrwert bietet ein Shared Leadership?

AB: Geteilte Führung bedeutet die Vereinigung von Kompetenzen und Wesenszügen, durch die man auf einer Position im Endeffekt mehr bekommt als nur durch eine Person. Außerdem können sich Co-Führende bei administrativen Tätigkeiten gegenseitig entlasten.

Vor sieben Monaten verließ Jenna Anderson das Unternehmen und Sie, Frau Zaheer, wurden Teil des Führungsduos. Wie haben Sie den Wechsel empfunden?

HZ: Die größte Änderung war, dass  ich mit Anke, meiner bisherigen Vorgesetzten, auf Augenhöhe war, was unsere Beziehung natürlich auch verändert hat. Auch im Team musste sich mein Switch von der Kollegin zur Vorgesetzten zunächst etablieren. Die Zusammenarbeit mit Anke funktioniert sehr gut, wir wachsen tagtäglich weiter zusammen. Zwar sind wir an unterschiedlichen Standorten, ich in Köln und Anke in Frankfurt, aber multilokales Arbeiten war auch schon vor unserem Shared Leadership an der Tagesordnung. Somit haben wir uns alle recht schnell eingefunden.

Wie teilen Sie sich die Aufgaben auf?

HZ: Anke arbeitet in Teilzeit mit 50 Prozent, ich in Vollzeit. Inhaltlich haben wir uns ein Stück weit an unseren vorherigen Aufgabengebieten orientiert: Anke verantwortet den internationalen Pooling- und Captive-Bereich, ich vertrete den Bereich Krankenversicherung und Business Travel Insurance. Als duale Führungsspitze tragen wir aber die Gesamtverantwortung gemeinsam, weswegen wir uns gegenseitig immer up to date halten.

Wie sprechen Sie sich ab?

AB: Wir diskutieren regelmäßig die Themen und Fragestellungen, die gerade in unserem Bereich anstehen. Dafür haben wir zwei wöchentliche Jours fixes, einen zu zweit und einen mit unserem Chef. Darüber hinaus telefonieren und chatten wir miteinander und nehmen uns bei E-Mails in CC.

HZ: Um als duale Führungsspitze mit einer Stimme zu sprechen, ist diese Abstimmung essenziell. Der Planner bei Microsoft Teams hilft uns, die Übersicht über Aufgaben und Termine zu behalten. Präsenzmeetings sind ebenfalls wichtig, trotz der gut funktionierenden Zusammenarbeit remote. Nach der Pandemie tut es schlichtweg gut, Wegstrecken gemeinsam zu gehen und einen tieferen Austausch zu haben.

Wie gehen Sie mit Uneinigkeiten und Konflikten um?

AB: Durch häufige und offene Gespräche. Am Ende müssen wir uns auf eine Meinung committen. Es ist enorm wichtig, diese gemeinsam getroffene Entscheidung dann auch gemeinsam zu tragen.

HZ: Wir haben zudem nicht die Erfahrung gemacht, dass wir zu schwächeren Positionen kämen, weil wir uns miteinander abstimmen müssen. Vielmehr können wir zu zweit eine Meinung mit doppelter Durchschlagkraft transportieren.

Porträtfotos von Anke Böttcher und Hiba Zaheer

Obwohl sie erst seit einem halben Jahr ein Topshare bilden, sind Anke Boettcher und Hiba Zaheer bereits ein eingespieltes Team (Foto: Albatros)

Welche Rolle spielen die Mitarbeitenden für Ihr Shared Leadership?

HZ: Ohne das Team geht es nicht. Es ist ein Entgegenkommen der Mitarbeitenden, sich auf ein Führungstandem einzulassen. Deshalb informieren wir Bewerber:innen schon im Vorstellungsgespräch, dass sie sich auf zwei Vorgesetzte einstellen müssen.

AB: Unser Shared Leadership soll für unsere Mitarbeitenden kein Nachteil sein. Deshalb haben wir Strukturen geschaffen, durch die sich unser Team immer an eine von uns wenden kann.

Welche Eigenschaften brauchen Führende für erfolgreiche geteilte Führung?

AB: Kommunikations-, Konflikt- und Kompromissfähigkeit, da man trotz eventueller Meinungsverschiedenheiten miteinander auskommen können muss. Wichtig ist ansonsten Problemlösungskompetenz, um Führungsaufgaben zu meistern. Respekt und Wertschätzung füreinander empfinde ich als ebenso unerlässlich: Wir sind ein Doppelpack und wir gönnen einander aufrichtig , wenn die andere im Rampenlicht steht. Denn deren Erfolg ist auch der eigene Erfolg.

Haben Führungskräfte im Shared Leadership geringere Aufstiegschancen?

AB: Das hängt von den persönlichen Zielen ab. Die momentane Situation passt für Hiba und mich sehr gut zu unseren Bedürfnissen. Sie ermöglicht mir die Ausübung einer anspruchs- und verantwortungsvollen Position in Teilzeit. Um zukünftige Schritte kümmern wir uns, wenn es so weit ist. Schließlich kann man nicht alle Entwicklungen, die es bei uns oder im Unternehmen geben wird, heute schon absehen.

HZ: Dem kann ich nur zustimmen. Für mich ist die geteilte Führung ebenfalls eine Chance. Durch sie kann ich sowohl in meinem berufsbegleitenden Studium als auch beruflich weiterkommen.

Welche Vorteile hätte es, wenn Sie die Position allein besetzten?

HZ: Der erhöhte Abstimmungsbedarf fiele weg, aber für uns wäre der Unterschied nicht groß, weil wir unseren Weg für zeitsparende Kommunikation gefunden haben. Als Nachteil der alleinigen Führung kann gesehen werden, dass man aufgrund des alleinigen Einbezugs des eigenen Horizonts in der Lösungsfindung eingeschränkt ist. Der Austausch mit dem Sparringspartner dagegen ermöglicht es einem, andere Perspektiven einzunehmen und somit den eigenen Horizont zu erweitern. Meines Erachtens kann man dadurch fundiertere Entscheidungen treffen.

Wird geteilte Führung in Zukunft zur Norm werden?

AB: Ich halte es für denkbar, dass Topsharing zukünftig zur Toolbox gehören wird, auch wenn bestimmt nicht die ganze Arbeitswelt in diese Richtung gehen wird. Nicht zuletzt gewinnt Topsharing hinsichtlich der Themen Fachkräftemangel und Gleichberechtigung an Relevanz: Viele Frauen, aber auch Männer möchten in Teilzeit arbeiten, was oft noch für Führungskräfte ausgeschlossen wird. Doch trotz meiner Position kann ich nach Feierabend Handy und Laptop ausschalten, da ich durch Hiba gut vertreten werde. Das Modell ermöglicht sowohl Verlässlichkeit und zeitliche Verfügbarkeit als auch eine ausgewogenere Work-Life-Balance. Somit ist es aus meiner Sicht absolut wünschenswert, dass viele Unternehmen Topsharing wagen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Wir sprachen mit:

Anke Boettcher hat internationales Informationsmanagement studiert und arbeitet seit vier Jahren bei der Albatros Versicherungsdienste GmbH. Hiba Zaheer – seit über vier Jahren bei Albatros angestellt – hat eine Ausbildung zur Kauffrau für Versicherungen und Finanzen bei der Muttergesellschaft Delvag Versicherungs-AG abgeschlossen; derzeit studiert sie berufsbegleitend General Management (B.A.). Seit April 2022 führen sie gemeinsam den Bereich Health & Travel bei Albatros, Anke Boettcher ist bereits seit Januar 2021 auf dieser Position.

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