Fördert das soziale Miteinander im Coworking Space die Kreativität?

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Coworking Spaces gelten als Orte für Austausch, Community und kreative Impulse. Doch welche Rolle spielt das soziale Miteinander für kreatives Arbeiten wirklich? Eine aktuelle Studie zeigt: Soziale Unterstützung durch Coworker*innen kann relevant für kreative Leistung sein, allerdings auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Ausmaß für verschiedene Formen der Kreativität.

Coworking Spaces haben sich als attraktive Alternative zum klassischen Büro etabliert. Besonders für Selbstständige, Freiberufler*innen und Remote-Arbeitende (im Folgenden: Coworker*innen) bieten sie eine professionelle Arbeitsumgebung außerhalb des Homeoffice. Der Unterschied zu traditionellen Arbeitssettings: Menschen arbeiten zwar am selben Ort, verfolgen aber in der Regel eigene Projekte, gehören unterschiedlichen Unternehmen an und sind in ihren Arbeitszielen und -aufgaben somit unabhängig voneinander (Bouncken & Reuschl, 2018; Spinuzzi, 2012).

Gerade diese Kombination aus Unabhängigkeit und Gemeinschaft macht Coworking Spaces spannend. Viele Menschen suchen Coworking Spaces auch wegen der sozialen Komponente auf, also der Möglichkeit zum Austausch mit anderen, dem Gefühl von „Community“ und der Chancen zur Vernetzung (Brown, 2017; Garrett et al., 2017). Aus der Kreativitätsforschung ist bekannt, dass soziale Beziehungen kreative Prozesse in Teams unterstützen können, etwa indem sie den Austausch von Wissen, neue Perspektiven oder Feedback ermöglichen (Perry-Smith & Mannucci, 2017).

Nicht jede Kreativität ist gleich

In unserer Studie sind wir der Frage nachgegangen, ob Coworker*innen, die mehr soziale Unterstützung durch andere Coworker*innen erfahren, kreativer bei der Arbeit sind als Coworker*innen, die weniger soziale Unterstützung im Coworking Space erfahren.

Soziale Unterstützung ist nicht nur für den Umgang mit potenziellen Arbeitsanforderungen relevant, sondern hängt auch mit der Leistungsfähigkeit und dem Wohlbefinden von Beschäftigten zusammen (Patterer et al., 2023). Im Coworking-Kontext stellt sich die Frage, ob soziale Unterstützung auch für kreatives Arbeiten eine Rolle spielt. Im Einklang mit Gilson und Madjar (2011) und Madjar et al. (2011) unterscheiden wir zwischen zwei Formen der arbeitsbezogenen Kreativität:

  1. Radikale Kreativität: Besonders neuartige, originelle Ideen, die bestehende Vorgehensweisen deutlich infrage stellen und somit völlig neue Wege eröffnen.
  2. Inkrementelle Kreativität: Kleinere Verbesserungen, Anpassungen oder Optimierungen bestehender Prozesse und Ideen.

Diese Unterscheidung ist auch in der Praxis relevant. Innovationen entstehen nicht nur durch disruptive kreative Ideen, sondern auch durch kontinuierliche inkrementelle Weiterentwicklungen.

Ergebnisse unserer Studie

Für unsere Studie befragten wir 127 Personen aus Coworking Spaces in Österreich, Deutschland und der Schweiz zu ihrer wahrgenommenen sozialen Unterstützung durch andere Coworker*innen sowie zu ihrer Kreativität bei der Arbeit. Dabei erfassten wir unter anderem, inwieweit sich die Befragten auf ihre Coworker*innen verlassen konnten, diese ihnen bei arbeitsbezogenen oder persönlichen Problemen zuhörten und sie dabei unterstützten, ihren Arbeitsalltag zu erleichtern.

Unsere Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Personen, die mehr soziale Unterstützung durch andere Coworker*innen wahrnahmen, berichteten höhere radikale Kreativität (Patterer et al., 2026). Soziale Unterstützung könnte möglicherweise dabei helfen, etwaige Unsicherheiten durch Feedback, Ermutigung oder konkrete Hilfe zu verringern. Für inkrementelle Kreativität zeigte sich dieser Zusammenhang zunächst nicht, weil radikale Ideen womöglich mehr Unsicherheit hervorrufen als kleinere Verbesserungen.

Zusätzlichen Analysen nach könnte dieser Zusammenhang jedoch von der Intensität der Coworking-Nutzung abhängen. Bei Personen, die nur relativ wenige Tage pro Woche im Coworking Space arbeiteten (d. h. konkret 2.05 Tage pro Woche), war soziale Unterstützung nicht positiv mit inkrementeller Kreativität verbunden. Bei Coworker*innen, die sehr viel Zeit dort verbrachten, berichteten dagegen diejenigen, die mehr soziale Unterstützung erfuhren, höhere inkrementelle Kreativität als diejenigen, die weniger soziale Unterstützung erfuhren (Patterer et al., 2026).

Auch ein weiterer explorativer Befund war aufschlussreich: Soziale Unterstützung durch Coworker*innen war insbesondere für die inkrementelle Kreativität derjenigen bedeutsam, die wenig Unterstützung aus ihrem weiteren sozialen Umfeld wahrnahmen (etwa durch Freund*innen oder Bekannte außerhalb des Coworking Spaces) (Patterer et al., 2026).

Das deutet darauf hin, dass die Relevanz sozialer Unterstützung im Coworking-Kontext nicht für jede Form der Kreativität gleich ist und auch davon abhängt, wie intensiv Menschen den Coworking Space nutzen und welche alternativen Unterstützungsquellen ihnen zur Verfügung stehen.

Warum ist soziale Unterstützung besonders für neuartige Ideen relevant?

Neue Ideen entstehen selten im luftleeren Raum. Forschung zur Kreativität zeigt, dass soziale Beziehungen entlang des kreativen Prozesses eine wichtige Rolle spielen können, etwa durch Feedback, Perspektivwechsel oder Ermutigung (Perry-Smith & Mannucci, 2017). Gerade radikale Ideen sind häufig mit Unsicherheit verbunden. Sie weichen von bestehenden Vorgehensweisen ab, wirken möglicherweise zunächst unausgereift oder stoßen nicht sofort auf Zustimmung.

In Coworking Spaces könnte soziale Unterstützung deshalb besonders relevant sein, weil Kontakte dort nicht durch formale Teamstrukturen vorgegeben sind, sondern freiwillig entstehen. Unterstützung durch andere Coworker*innen ist damit keine Selbstverständlichkeit, sondern Teil der sozialen Dynamik des Umfelds (Garrett et al., 2017). Unsere Ergebnisse passen zu der Annahme, dass solche sozialen Ressourcen insbesondere mit mutigeren und neuartigeren kreativen Denkprozessen zusammenhängen könnten.

Empfehlungen für die Praxis  

Unsere Ergebnisse legen nahe: Die Arbeit in einem Coworking Space ist nicht automatisch ein Kreativitäts-Booster. Damit Coworking sein Potenzial entfalten kann, sollten Unternehmen und Coworking-Anbieter*innen Möglichkeiten für soziale Unterstützung schaffen.

1. Coworking Community nicht als Nebensache betrachten

Da soziale Unterstützung mit kreativen Prozessen zusammenhängt, sollten Unternehmen und Coworking-Anbieter*innen gezielt Möglichkeiten schaffen, damit soziale Unterstützung überhaupt entstehen kann.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Fachliche Austauschformate, z. B. Lunch & Learn oder Peer-Learning-Gruppen
  • Community-Veranstaltungen, z. B. After-Work-Events oder Workshops
  • informelle Begegnungsmöglichkeiten, z. B. Gemeinschaftsküchen, Lounges oder gemeinsame Mittagstische
  • Gelegenheiten zur Vernetzung, z. B. Networking-Events oder Mentoring-Programme

2. Nutzungsmuster berücksichtigen

Nicht alle nutzen Coworking Spaces gleich intensiv. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass soziale Unterstützung besonders wichtig für regelmäßig im Coworking Space präsente Coworker*innen ist. Wer nur gelegentlich im Coworking Space arbeitet, profitiert in Bezug auf radikale Kreativität von sozialer Unterstützung, ist aber in Bezug auf die inkrementelle Kreativität weniger abhängig von sozialer Unterstützung.

3. Nicht jede Kreativität gleich behandeln

Unternehmen wollen oft „Kreativität im Allgemeinen“ fördern. Praktisch lohnt sich jedoch die Differenzierung: Geht es primär um kleine Verbesserungen bestehender Abläufe, um grundlegend neue Ideen, oder um beides? Je nach gewünschter kreativer Leistung können Rahmenbedingungen wie die Coworking Community unterschiedlich relevant sein.

Was Coworking-Nutzende beachten können

Auch Nutzer*innen von Coworking Spaces können Coworking bewusst gestalten.

1. Kontakte aktiv aufbauen

Wer Coworking ausschließlich wegen der Infrastruktur nutzt, schöpft möglicherweise nicht das gesamte Potenzial aus. Gerade wiederkehrende Kontakte können soziale Unterstützung erleichtern.

2. Coworking strategisch für Austausch nutzen

Menschen mit begrenzten Unterstützungsquellen außerhalb des Coworking Spaces könnten besonders von Coworking profitieren. Für sie kann ein Coworking Space nicht nur ein Arbeitsplatz sein, sondern auch eine zusätzliche Ressource für soziale Unterstützung, Feedback und neue Perspektiven.

3. Den passenden Coworking Space wählen

Nicht jeder Coworking Space setzt die gleichen Schwerpunkte. Manche legen großen Wert auf Community und Austausch, andere stärker auf konzentriertes Arbeiten. Wer gezielt soziale Unterstützung, Austausch und kreative Impulse sucht, sollte daher bewusst einen Coworking Space mit aktiver Community wählen.

Fazit

Soziale Unterstützung durch andere Coworker*innen kann unter bestimmten Bedingungen für die Kreativität relevant sein. Für die Praxis bedeutet das: Nicht nur der Arbeitsplatz selbst, sondern auch die Gestaltung der sozialen Beziehungen in diesem Umfeld verdienen Aufmerksamkeit.

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