Die dritte Welle der Meditationsforschung: Learnings für Führung & Selbstführung

Shamsey Oloko, Svea von Hehn

Foto: Liubomir - Adobe Stock

Achtsamkeit und Meditationen sind nicht nur praktische Tools zur Stressreduktion, sondern können Führungskräfte auch dabei unterstützen, ihre Führungs- und Selbstführungskompetenz zu erweitern. Welche neuen Fragen und Themenfelder wirft die sogenannte dritte Welle der Meditationsforschung auf und was hat das mit Psychologie zu tun?

Achtsamkeit und Meditation haben ihren festen Platz in der Arbeitswelt gefunden. Unternehmen setzen sie zur Förderung von Resilienz, emotionaler Intelligenz oder psychischer Gesundheit ein (von Hehn & Rauls, 2023). Auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gewinnt Meditation an Bedeutung. So argumentiert der McKinsey-Seniorpartner Manish Chopra, dass sie Führungskräften helfen könne, innere Klarheit, Selbstführung und ein weises Urteilsvermögen zu entwickeln. Diese Fähigkeiten gewinnen im Umgang mit KI zunehmend an Bedeutung (Chopra, 2025).

Mittlerweile beschreitet auch die aktuelle Meditationsforschung neue Bereiche und richtet ihren Blick zunehmend auf eine grundlegende Frage: Welche bislang wenig erforschten Potenziale birgt Meditation? In diesem Zusammenhang sprechen Sparby und Sacchet (2025) von einer „Third Wave of Meditation and Mindfulness Research“. Gemeint ist damit keine neue Meditationsform, sondern eine neue Forschungsagenda. Während Unternehmen Meditation bislang v. a. unter dem Gesichtspunkt der Stressreduktion betrachteten, interessiert sich die Forschung zunehmend dafür, wie sich durch fortgeschrittene Meditation Bewusstsein, Selbsterleben und langfristige Entwicklungsprozesse verändern. Gerade für Führungskräfte könnte dieser Perspektivwechsel überaus interessant sein.

Die dritte Welle der Meditationsforschung

Die Entwicklung der säkularen Meditationsforschung lässt sich vereinfacht in drei Wellen beschreiben (Sparby & Sacchet, 2025):

  • Die erste Welle (ca. 1995-2005) untersuchte, ob Meditation wirkt. Kann sie Stress reduzieren? Fördert sie psychische Gesundheit und Wohlbefinden? Zahlreiche Studien lieferten Hinweise auf positive Wirkungen, insbesondere hinsichtlich Stress, Angst und Depression.
  • Die zweite Welle (ca. 2005-2020) fragte, warum Meditation wirkt. Im Mittelpunkt standen die zugrunde liegenden neurobiologischen, kognitiven und emotionalen Mechanismen. Zugleich wurde die Forschung methodisch anspruchsvoller, etwa durch den Einsatz zunehmend komplexer und umfangreicher klinischer Studien.
  • Die sich ab 2021 entwickelnde dritte Welle erweitert den Gegenstand der Forschung. Sie untersucht fortgeschrittene meditative Zustände, Entwicklungsstufen und Endpunkte der Praxis sowie weitere Phänomene, die mit einer langfristigen und intensiven Meditationspraxis verbunden sind. Daraus ergibt sich die Frage: Was lässt sich durch langfristige meditative Praxis über die Stressreduktion hinaus fördern?

Unter dem Sammelbegriff Advanced Meditation untersuchen Forschende fortgeschrittene Meditationsformen und deren Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Wahrnehmung und das Erleben des Selbst. Damit greift die Forschung Fragestellungen auf, die in den buddhistischen und anderen kontemplativen Traditionen seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle spielen, und erweitert sie um die wissenschaftliche Untersuchung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände und meditativer Entwicklungsverläufe. Für die Führungskräfteentwicklung ergibt sich daraus eine interessante Perspektive: Meditation muss nicht mehr ausschließlich als Instrument der Stressbewältigung betrachtet werden. Vielmehr lässt sie sich als systematisches Training des Geistes verstehen (Oloko, 2026). Der Fokus verschiebt sich damit von der kurzfristigen Regulation von Belastung hin zur langfristigen Entwicklung von Selbstführung.

Wenn nicht nur Gedanken, sondern auch das Selbst beobachtet wird

Klassische Achtsamkeitsprogramme v. a. in Unternehmen verfolgen ein bekanntes Prinzip: Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen werden bewusst wahrgenommen, ohne sofort auf sie zu reagieren. Wer Gedanken als Gedanken erkennt, muss ihnen nicht automisch folgen, was beispielsweise in ärgerlichen Situationen dazu führt, dass man einen Moment der Wahlfreiheit gewinnt. Zwischen Reiz und Reaktion entsteht Handlungsspielraum und damit eine zentrale Voraussetzung für gelingende Selbstführung.

Viele fortgeschrittene Meditationsformen gehen jedoch einen Schritt weiter. Sie richten die Aufmerksamkeit nicht nur auf Gedanken oder Gefühle, sondern untersuchen auch das Erleben eines als stabil empfundenen Selbst. Dabei wird erforscht, inwiefern dieses Selbst weniger ein unveränderlicher Kern als vielmehr ein fortlaufender psychischer Prozess ist, der sich aus Erinnerungen, Bewertungen, Körperempfindungen und Gedanken zusammensetzt. Ein Teil der dritten Welle untersucht damit nicht nur Bewusstseinsinhalte, sondern auch die Art und Weise, wie das Selbsterleben entsteht.

Für die Führungspraxis berührt das nicht nur die Frage, was Menschen denken, sondern auch, wer sie glauben zu sein.

Warum das für Führung relevant sein könnte

Auf den ersten Blick wirkt diese Fragestellung eher philosophisch als wirtschaftspsychologisch. Tatsächlich berührt sie jedoch zentrale Herausforderungen moderner Führung. Gerade in Führungsrollen hängt die Qualität von Entscheidungen häufig davon ab, wie stark Menschen ihr Selbstbild mit ihrer Rolle oder ihren Überzeugungen verknüpfen. Führungskräfte treffen Entscheidungen unter Unsicherheit. Sie erhalten widersprüchliches Feedback, müssen Irrtümer eingestehen und mit unterschiedlichen Perspektiven umgehen. Dabei geraten häufig weniger die Fakten als das eigene Selbstbild unter Druck.

Ein Beispiel: Ein Geschäftsführer erhält die Rückmeldung, sein Führungsstil wirke kontrollierend. Reflexartig weist er diese Kritik empört und verletzt zurück. Klassische Achtsamkeit kann ihm helfen, den aufkommenden Ärger wahrzunehmen, ohne unmittelbar aus ihm heraus zu handeln. Eine vertiefte meditative Praxis stellt darüber hinaus jedoch die Frage: Was ist das Selbst, das sich durch diese Rückmeldung bedroht fühlt? Je weniger der Geschäftsführer mit seiner Position, seinen Entscheidungen oder seinen Überzeugungen verschmilzt, desto leichter kann es ihm fallen, Kritik anzunehmen und Perspektivenvielfalt anzuerkennen.

Sollte sich zeigen, dass bestimmte fortgeschrittene Meditationsformen das Selbsterleben flexibler werden lassen, ohne dass Menschen ihre Handlungsfähigkeit verlieren, könnten sich daraus interessante Ansätze für Lernfähigkeit, Offenheit und den Umgang mit Unsicherheit ergeben. Eine solche Entwicklung ließe sich als eine Form der „Durchlässigkeit“ verstehen, also als die Fähigkeit, eigene Gedanken, Glaubenssätze und Überzeugungen nicht mit der Wirklichkeit selbst gleichzusetzen (von Hehn, 2026).

Was daraus für die Führungskräfteentwicklung folgt

Die dritte Welle liefert noch kein fertiges Entwicklungsprogramm für Führungskräfte. Sie eröffnet vielmehr ein Forschungsfeld, in dem wirtschaftspsychologische Fragestellungen künftig systematischer untersucht werden können und welche das breite Spektrum, das Meditationspraxis jenseits von Stressreduktion zu bieten hat, verdeutlicht.

Für Führungskräfte bleibt daher zunächst die Entwicklung einer stabilen Achtsamkeitspraxis entscheidend. Sie bildet die Grundlage dafür, Aufmerksamkeit zu schulen, automatische Reaktionsmuster zu erkennen und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. Gerade im Zeitalter von KI gewinnt diese Form der Selbstführung an Bedeutung, weil Führungskräfte zunehmend gefordert sind, Informationen kritisch zu bewerten und verantwortungsbewusst zu entscheiden. Diese Achtsamkeitspraxis – unabhängig davon, ob mit oder ohne fortgeschrittene Meditation – kann dann zur langfristigen Entwicklung von Selbstführung beitragen (Oloko, 2026).

Fazit

Die dritte Welle der Meditationsforschung ist keine radikale Neuerfindung. Sie macht lediglich deutlich: Meditation dient nicht nur zur Stressreduktion, sondern kann auch unser Verständnis und Erleben von Bewusstsein und Selbst vertiefen. In ihrer weiteren Entwicklung könnte dazu – sofern sich entsprechende Annahmen empirisch bestätigen – auch eine größere „Durchlässigkeit“ gehören. Durchlässig zu sein, bedeutet, die eigene Haltung als vorläufig zu behandeln, also offen zu sein für neue Informationen, für andere Perspektiven, für das Unerwartete. Wer durchlässig ist, muss Widerspruch nicht abwehren, weil er die eigene Identität nicht von der Richtigkeit seiner Überzeugungen abhängig macht.

Die dritte Welle liefert damit weniger ein neues Führungsmodell als vielmehr einen neuen wissenschaftlichen Bezugsrahmen. Ob und in welchem Umfang sich die damit verbundenen Potenziale für Führungskräfte empirisch bestätigen lassen, bleibt Gegenstand zukünftiger Forschung. Schon heute erweitert sie jedoch den Blick darauf, was Achtsamkeit und Meditation im organisationalen Kontext bedeuten können: nicht nur Stressbewältigung, sondern langfristige Entwicklung von (Selbst-)führung, insbesondere in Zeiten von Unsicherheit.

Literatur

Chopra, M. (2025). Information vs. wisdom: Why meditation is essential for leaders in the age of AI. Verfügbar unter: https://www.mckinsey.com/about-us/new-at-mckinsey-blog/information-vs-wisdom-why-meditation-is-essential-for-leaders-in-the-age-of-ai

Oloko, S. (2026). Die Masterclass für den Geist. Erfolgreiche Selbstführung mit dem Besten aus westlicher und östlicher Philosophie. Wiley.

Sparby, T. & Sacchet, M. (2025). The third wave of meditation and mindfulness research and implications for challenging experiences: Negative effects, transformative psychological growth, and forms of happiness. Mindfulness, Vol. 16, S. 2156 – 2170. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1007/S12671-025-02607-7

von Hehn, Svea (2026). Warum Sie nicht alles glauben sollten, was Sie denken. Harvard Business Manager. Verfügbar unter: https://www.manager-magazin.de/hbm/fuehrung/leadership-weshalb-zweifel-staerke-zeigt-und-starre-meinungen-fuehrung-schwaechen-a-f78f64ee-6ed7-49f7-808e-a8e4691594ee

von Hehn, Svea & Rauls, J. (2023). Achtsamkeit und emotionale Intelligenz in Organisationen. Agiles Arbeiten in Teams und Organisationskultur der Zukunft. Haufe.

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