Studie: Blickkontakt im Online-Bewerbungsgespräch nur bedingt wichtig

Eine Frau unterhält sich per Videotelefonie mit einem Mann am PC.

In die Webcam oder auf den Bildschirm – wohin sollten Bewerber*innen in virtuellen Vorstellungsgesprächen schauen, um einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen? Eine aktuelle Studie zeigt, dass Blickkontakt im digitalen Setting weniger wichtig zu sein scheint als angenommen. Sofern die Kamera richtig platziert wird.

Bewerbungsgespräche gehören zu den häufigsten Personalauswahlinstrumenten; durch die Globalisierung sowie infolge der Pandemie finden sie jedoch zunehmend auch per Videocall statt (Daniel et al., 2022; Gibson et al., 2021).

Bestimmt wissen Sie aus eigener Erfahrung, dass sich ein Gespräch via Zoom, Skype & Co. anders anfühlt als eine echte Begegnung im selben Raum. Auch Bewerber*innen in virtuellen Vorstellungsgesprächen werden anders – häufig negativer – bewertet als in Präsenz (z. B. Basch et al., 2021; Blacksmith et al., 2016; Melchers et al., 2021). Woran liegt das?

Johannes Basch von der Hochschule Neu-Ulm und Klaus Melchers von der Universität Ulm haben in einer aktuellen Studie (Basch & Melchers, 2025) untersucht, ob der im Videocall eingeschränkte Blickkontakt ausschlaggebend für die negativere Einschätzung ist. Dies wurde von mehreren Forschenden bereits vermutet (z. B. Blacksmith et al., 2016; Sears et al., 2013), jedoch noch nicht empirisch getestet.

Blickkontakt im Videogespräch

Ein limitierter Blickkontakt könnte die soziale Präsenz von Bewerbenden reduzieren, sodass diese womöglich weniger beeinflussen können, welchen Eindruck sie bei den Gesprächspartner*innen hinterlassen (Basch & Melchers, 2025). Schließlich ist Blickkontakt in einem digitalen Meeting eine komplizierte Angelegenheit: Damit der bzw. die Gesprächspartner*in das Gefühl hat, man schaue ihr in die Augen, muss man direkt in die Kamera blicken, wodurch man die Person und ihre nonverbalen Signale jedoch weniger wahrnehmen kann. Schaut man hingegen auf den Bildschirm, nimmt man die andere Person zwar besser wahr, diese fühlt sich jedoch weniger direkt angeguckt. Darüber hinaus variiert durch individuell platzierte Kameras, wie sehr und in welche Richtung der Blick am Gegenüber vorbeigeht.

Augenkontakt ist wichtig für ein Gefühl der Verbundenheit (Bondavera et al., 2006), sodass es Bewerber*innen durch den fehlenden direkten Blickkontakt in virtuellen Gesprächen womöglich schwerer haben, Sympathien herzustellen (Melchers et al., 2015). Tatsächlich wurden in einer Studie von Fauville et al. (2022) Screenshots von Gesprächspartner*innen in Videotelefonaten als weniger liebenswürdig, sozial präsent und persönlich anziehend bewertet, wenn die Personen nicht direkt in die Kamera blickten.

Basch und Melchers (2025) vermuten zudem, dass Menschen vom Blickkontakt auch auf die Kompetenz und Wärme einer Person (schließen könnten, da das Meiden von Blickkontakt auf geringes Selbstbewusstsein hindeute und Personen auf andere weniger sympathisch wirken lasse (vgl. auch Imada & Hakel, 1977; Sears et al., 2013). Insgesamt gelangten Basch und Melchers (2025) zu folgenden Hypothesen:

1. Die Performance von Bewerber*innen, die keinen direkten Blickkontakt halten, wird negativer bewertet.

2a. Abweichungen von direktem Blickkontakt lassen Menschen weniger sozial präsent erscheinen.

2b. Die negativere Bewertung von Bewerber*innen ohne direkten Blickkontakt geht auf die als geringer empfundene soziale Präsenz zurück.

3a. Bewerber*innen mit direktem Blickkontakt werden als kompetenter wahrgenommen.

3b. Bewerber*innen mit direktem Blickkontakt werden als emotional wärmer wahrgenommen.

Diese Hypothesen wurden in zwei Online-Experimenten geprüft.

Experiment 1: Vertikale Abweichungen im Blickkontakt

An dem ersten Experiment nahmen 250 Personen teil. Sie sollten sich vorstellen, als Recruiter*in zu arbeiten, und eine Bewerberin anhand eines aufgezeichneten digitalen Vorstellungsgesprächs bewerten. Dieses Bewerbungsvideo war mit zwei unterschiedlichen Kameras aufgenommen worden, die entweder direkten Blickkontakt ermöglichten oder 15° höher angebracht waren und somit eine vertikale Abweichung bedingten. Die Teilnehmenden sahen zufällig eine der beiden Versionen und bewerteten anschließend per Fragebogen die allgemeine Eignung und die soziale Präsenz der Bewerberin.

Die statistische Analyse ergab keine Unterschiede in der Beurteilung der Bewerberin, sodass die Hypothesen 1, 2a und 2b nicht bestätigt werden konnten.

Experiment 2: Horizontale Abweichungen im Blickkontakt

Angesichts des unerwarteten Ausbleibens von Effekten überlegten Basch und Melchers (2025), ob die Richtung der Blickkontaktabweichung eine Rolle spielen könnte. Schließlich seien laut einem Review von Bohannon et al. (2013) insbesondere horizontale Abweichungen in der Blickrichtung irritierend.  Um dieser Vermutung nachzugehen, führten sie ein zweites Experiment durch, das eine horizontale Abweichung im Blickkontakt durch Platzierung einer Kamera neben dem Bildschirm beinhaltete. Zudem wurde per Fragebogen erfragt, wie die 198 Teilnehmenden die Qualität des Blickkontakts empfunden hatten und wie kompetent und emotional warm die Kandidat*innen gewirkt hatten.

Anders als in Experiment 1 beurteilten die Teilnehmenden diesmal zwei Bewerber*innen: Zuerst eine Person, die direkt in die Kamera schaute. Danach entweder eine Person mit direktem Blickkontakt, mit einer vertikalen Abweichung im Blickkontakt um 15° oder mit einer horizontalen Abweichung im Blickkontakt.

Den Ergebnissen nach erlebten die Teilnehmenden den direkten Blickkontakt als am besten und bewerteten die horizontale Blickkontaktabweichung am negativsten; die vertikale Abweichung lag im Mittelfeld.

Ansonsten unterstützten die Ergebnisse die Hypothesen nur teilweise. Während sich die generelle Bewertung der Kandidat*innen zwischen den drei Blickkontaktbedingungen nicht hinreichend unterschied (Hypothese 1), wurde die soziale Präsenz bei einer horizontalen Blickkontaktabweichung am schlechtesten und bei direktem Blickkontakt am besten bewertet (Hypothese 2a). Eine Mediationsanalyse zeigte, dass die generelle Beurteilung davon abhing, als wie sozial präsent eine Person erlebt wurde (Hypothese 2b). Wie warm oder kompetent Bewerber*innen wirkten, hing nicht signifikant vom Blickkontakt ab (Hypothesen 3a und 3b).

Was bedeuten diese Ergebnisse?

In beiden Experimenten wurde ersichtlich, dass vertikale Abweichungen im Blickkontakt keine oder geringe Auswirkungen auf die Beurteilung einer Person haben. Bei einer horizontalen Abweichung wirken Bewerber*innen allerdings sozial weniger präsent und werden infolgedessen auch negativer beurteilt als Personen, die direkten Blickkontakt halten oder deren Kamera etwas nach oben verschoben ist. Die Effekte waren jedoch auch hier klein.

Basch und Melchers (2025) schließen aus den Ergebnissen, dass für Menschen eine vertikale Verschiebung im Blickkontakt geläufig zu sein scheint, da Webcams meist oberhalb des Bildschirms eingebaut werden. Zudem sind Menschen laut Bohannon et al. (2013) sensibler für horizontale als für vertikale Blickkontaktabweichungen.

Auch wenn die Effekte klein oder nicht vorhanden waren, gibt die Studie Anlass für die Annahme, dass eine neben dem Bildschirm angebrachte Webcam wegen der eingeschränkten sozialen Präsenz die Erfolgschancen von Bewerber*innen in digitalen Vorstellungsgesprächen schmälern könnte. Diese Annahme muss jedoch in weiteren Studien getestet werden, die bestenfalls die Limitationen der vorliegenden Studie überwinden.

Limitationen der Studie

Da die Teilnehmenden aufgezeichnete Videos sahen, war anders als in echten Bewerbungsgesprächen keine soziale Interaktion möglich, sodass die Übertragbarkeit auf reale Bewerbungssituationen eingeschränkt ist. Es ist zu vermuten, dass bei tatsächlicher Interaktion der Blickkontakt anders wahrgenommen und beurteilt wird (vgl. IJsselsteijn et al., 2003) und Blickkontakt dann eine stärkere Rolle spielt.

Zudem ist unklar, ob die gewählte horizontale Abweichung der Kamerapositionierung realen Bedingungen entspricht, da hier mehr Spielraum besteht als bei der standardisiert zentriert über dem Bildschirm eingebauten Webcam bei Laptops.

Nicht zuletzt ist die wenig repräsentative Stichprobe zu beachten, die vornehmlich aus jungen Studierenden bestand und daher vermutlich vertrauter mit digitalen Kommunikationsformen war als ältere Personen, weshalb die Effekte in einer älteren Stichprobe möglicherweise größer ausgefallen wären.

Fazit

Auch wenn Blickkontakt in Videogesprächen offenbar nicht so wichtig ist wie bislang angenommen, deutet die Studie darauf hin, dass zu große Blickkontaktabweichungen, v. a. in horizontaler Richtung, möglichst vermieden werden sollten. Eine über dem Bildschirm angebrachte Kamera scheint ein guter Kompromiss zu sein, weil man zugleich das Gegenüber sehen kann und dieses sich fast direkt angeschaut fühlt.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.

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