Jahresbeginn: Zu den ToDos nicht die TaDaaas vergessen

Wie kann positive Führung in diesen unsicheren, ungewöhnlichen Zeiten die Mitarbeitenden für einen guten Start in ein neues Jahr motivieren? Coach und Autor Christian Thiele bietet Ihnen dazu 7 Anregungen.

1. Ziele mit Zug

Klar, das Eichhörnchen versteckt auch Nüsse für den Winter, der Bär sucht sich seine Höhle für den Winterschlaf vorab aus. Aber das geschieht aus Instinkten heraus. Ziele zu verfolgen, die Gegenwart auf die Zukunft ausrichten und entsprechende Prioritäten zu setzen (beim Budget, bei der Personalplanung…): das ist etwas zutiefst Menschliches.

Doch nicht alle Ziele sind gleich: Auf unser Wohlbefinden zahlen Ziele ein, die

  • einen Beitrag leisten,
  • Nähe und Beziehung fördern sowie
  • Sinn machen und mit unseren Werten in Passung sind (Emmons, R. A., 2003).

Mehr Likes auf Instagram, ein besserer Aktienkurs – das sind erstmal keine Ziele, die unser Wohlbefinden stärken. Ziele, die

  • auf Wohlstand abzielen,
  • soziale Anerkennung anstreben,
  • Macht und Einfluss vermehren wollen und
  • auf Unabhängigkeit aus sind,

stehen sogar in Verbindung mit erhöhter Neigung zu Depressionen, Narzissmus, Angststörungen etc. (Ryan et al., 1996).

2. POSITIVe Ziele – statt SMART

Dass Vorsätze, Ziele und sonstige Bestrebungen möglichst SMART zu sein hätten, haben sie sicher schon mal gehört (spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminierbar). Aber hinter dieser Formel steht allzu oft ein Formel-Eins-Flaggen-Denken, das Ziele als etwas betrachtet, das einfach nur abzuhaken wäre. Daniela Blickhan schlägt eine bedenkenswerte Formel für das Aufstellen von Zielen vor, die P.O.S.I.T.I.V.-Liste (Blickhan, 2021).

Attraktive Ziele sind demnach

  • positiv gefasst, also prägnant und als Annäherungsziel formuliert,
  • o(e)kologisch im Kontext, passend zur Umgebung und im Bewusstsein der Auswirkungen auf diese,
  • sinnlich erlebbar (in der Vorstellung),
  • individuell, liegen also im Einflussbereich der betroffenen Person,
  • test-, terminier- und überprüfbar,
  • interessant und bedeutsam,
  • visionär im Sinne größerer, grundsätzlicher, vielleicht nie so ganz erreichbarer Ziele – auf die aber das jeweilige Ziel einzahlen kann.

3. OK mit OKRs

Haben Sie schon mal von OKR gehört – oder diese gar bereits eingeführt? Als Weiterentwicklung des Management by Objectives von Peter Drucker bei Intel eingeführt, unterscheiden diese zwischen den eher weichen, qualitativen Aspirationen („objectives“) und den konkret messbaren Hebeln, Richtungsanzeigern, die Fortschritt in die erwünschte Richtung mess- und erlebbar machen („key results“).

Die OKR-Methodik ermöglicht Fokus und fördert durch die regelmäßigen Reviews und Anpassungen das Erleben von Selbstwirksamkeit. Außerdem werden sie in der Regel im Dialog mit Team und Führungskraft festgelegt und aktualisiert, können damit also auch den Zusammenhalt fördern. Sehr praxisorientiert können Sie sich in die Methode einlesen bei Christina Lange (2022).

Ein Burger mit Pommes frites.

Den „zur Hölle“-Effekt kennen viele, die schon einmal Diät gehalten haben, doch er spielt auch im Berufsleben eine Rolle (Foto: Jeswin Thomas – unsplash.com)

4. Rückschritte einberechnen

Den „zur Hölle“-Effekt: Wer Diät machen will und am dritten oder vierten Tag nach erfolgreicher Kalorienreduktion „gesündigt“ hat, ist schnell in der Gefahr, das gesamte Vorhaben gesünderer Ernährung aufzugeben. Auch wissenschaftlich untersucht ist das Phänomen (Cochran, W., Tesser, A., 1996). Die von Ihnen, Ihrem Team oder Ihren Mitarbeitenden gesetzten Ziele sollten also realistisch sein, um den „zur Hölle“-Mechanismus möglichst zu vermeiden.

5. Erfolg WOOPen

Zu den wichtigen Motivationsforscher:innen unserer Zeit gehört die in Hamburg und New York forschende und lehrende Professorin Gabriele Oettingen. Die von ihr in minutiöser Forschungsarbeit entwickelte WOOP-Formel kann helfen, die möglichen Fallen auf dem Weg zum Fortschritt gleich vorwegzunehmen (Oettingen, 2017):

  • Was wäre ein echter Wunsch, ein lohnendes Ziel für Sie („wish“)?
  • Was genau wäre anders, besser, leichter, wenn Sie diesem Ziel signifikant nähergekommen oder es erreicht hätten („outcome“)?
  • Welche Hürde („obstacle“), welches Hindernis könnte den Weg hin zum angestrebten Besseren, Schöneren, Neueren zu versperren drohen?
  • Und mit welcher Wenn-dann-Strategie („plan“) können Sie das Hindernis überwinden und den Weg hin zum Ziel fortführen?

Selbst eine kostenfreie App ist für das WOOPen inzwischen erhältlich (in den diversen App-Stores oder unter https://woopmylife.org/de/practice).

6. Mehr Mittel für die Mitte

Anfänge sind besonders, auch jedes Ende hat seinen Zauber – aber die Mitte? „Lange Mittelteile sind gefährlich“, schreibt die Motivationsforscherin Ayelet Fishbach (2022), „Sie sollten immer ein Warnschild tragen: Fragile Motiviation. Mit Vorsicht zu behandeln.“

Tracken Sie, wenn Sie sich etwas vorgenommen haben, also den Fortschritt in selbstbetrügerischer Absicht! Setzen Sie den nächsten nötigen Handlungsschritt bewusst in Relation zu dem, was gerade motivierender ist: Der bereits geleistete Fortschritt; oder, ab der Mitte, der kleine verbleibende Endspurt, der noch zum Ziel nötig ist.

7. Zu den ToDos die TaDaaas

Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan basiert auf vier Jahrzehnten wissenschaftlicher Empirie. Sie ist einerseits nicht immer ganz leicht in ihren Verästelungen nachzuvollziehen, aber in den Grundzügen sehr einleuchtend: Selbstwirksamkeit ist – neben Verbindung und Automonie – demnach eines der menschlichen Grundbedürfnisse (Ryan, Deci, 2018).

Das Erleben von Fortschritt, Erfolg, Wirkung kann gemindert werden, wenn immer nur von ToDos die Rede ist, von den Deltas, die es noch zu erfüllen gilt. Und Sie können es stärken, wenn Sie auch mal die TaDaaas hervorheben, also jene Dinge, in denen Sie, Ihr Team, Ihre Organisation weitergekommen ist, in den letzten Tagen, im letzten Quartal, im letzten Jahr!

Gerade zum Jahresbeginn kann das Feiern der bisherigen Erfolge darum sehr motivierend sein, anstatt nur auf die langen Listen an ToDos zu schauen, die im neuen Jahr bereits vor Ihnen und Ihren Mitarbeitenden liegen.

Viel Glück, Gelingen und Gaudi damit!

Literaturliste zum Download

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