Studie zeigt: Wer Probleme anspricht, gefährdet die Work-Life-Balance

Foto: Freepik - magnific.com

Mitarbeitende, die sich trauen, Risiken, Fehler oder problematische Entwicklungen im Unternehmen anzusprechen, verdienen eigentlich Lob und Dank. Wie eine neue Tagebuchstudie der Universität Potsdam zeigt, riskieren sie jedoch nicht nur Konflikte im Arbeitsumfeld, sondern sind obendrein häufiger von emotionaler Erschöpfung und Konflikten zwischen Beruf und Privatleben betroffen.

 

„Ich bin der Meinung, dass wir im Kundenservice erst eine KI einsetzen sollten, nachdem wir diese ausführlich getestet haben.“

„Mir ist aufgefallen, dass unsere Dokumentation stellenweise lückenhaft ist, was uns bei einer Betriebsprüfung auf die Füße fallen könnte.“

„Ich finde, für diese Aufgabe sollten wir keinen Praktikanten, sondern eine geschulte Fachkraft einstellen.“

Diesen Aussagen ist gemeinsam, dass sie Kritik bezüglich bestehender oder geplanter Entwicklungen im Unternehmen zum Ausdruck bringen. Die Forschung bezeichnet solche proaktiven Wortmeldungen des Personals als „Employee voice“ (Parker & Collins, 2010), wobei zwei Voice-Formen unterschieden werden (Liang et al., 2012):

  1. Promotive Voice: Zukunftsgerichtet und konstruktiv. Es werden neue Ideen, Verbesserungen und Optimierungen vorgeschlagen.
  2. Prohibitive Voice: Präventiv und risikoorientiert. Es wird auf bestehende Probleme, Ineffizienzen oder Gefahren hingewiesen.

Beide Voice-Formen verfolgen das Ziel, der Funktionalität des Unternehmens zu nützen. Dennoch geht Prohibitive Voice mit einem beachtenswerten sozialen Risiko einher: Wer Probleme bei der Arbeit anspricht, riskiert, Arbeitsbeziehungen zu belasten, den eigenen Ruf zu verschlechtern oder in der Karriere zurückgeworfen zu werden (Detert & Edmondson, 2011; Milliken et al., 2003; Wei et al., 2015). Dementsprechend liegt die Vermutung nahe, dass Prohibitive Voice potenziell auch mit Anspannung, Angst oder anderen Formen persönlicher Belastung einhergehen kann. Eine neue Studie von Ruta Pingel und Doris Fay von der Universität Potsdam (2026) hat sich diesem Thema gewidmet.

Tagebuchstudie: Prohibitive Voice und Work-Life-Konflikt

Die Forscherinnen haben in ihrer Studie die Vermutung untersucht, ob das Äußern von Bedenken bei der Arbeit zu Work-Life-Konflikten führt. Work-Life-Konflikte meinen durch den Job verursachte Schwierigkeiten, sich mit nicht-arbeitsbezogenen Dingen zu befassen (Keeney et al., 2013). Ihre Vermutung gründen sie auf zwei psychologische Theorien:

  1. Annäherungs-Vermeidungs-Theorie (Elliot, 2008; Elliot & Covington, 2001): Da Prohibitive Voice ein sozial riskantes Verhalten darstellt, könnte es das Vermeidungssystem von Menschen aktivieren und dementsprechend Reaktionen wie Wachsamkeit, Besorgtheit und Fokussierung auf negative Informationen hervorrufen.
  2. Spill-over-Hypothese (Bakker & Demerouti, 2013; Edwards & Rothbard, 2000; Evans & Bartolomé, 1984): Die genannten belastenden Reaktionen könnten bis über den Feierabend hinaus anhalten und zu Ängstlichkeit und Ich-Erschöpfung (= Zustand der Erschöpfung und fehlenden Ressourcen zur Selbstregulation) führen, was Work-Life-Konflikte begünstigt.

Die angenommenen Zusammenhänge lassen sich der Abbildung 1 entnehmen:

Abbildung 1

5 Gründe, warum das Thema wichtig ist

Sie fragen sich, weshalb es für Unternehmen wichtig ist, potenziell negative Effekte von Prohibitive Voice im Blick zu haben? Hier sind fünf gute Gründe:

  1. Prohibitive Voice hilft dabei, Probleme im Unternehmen zu erkennen und zu beseitigen.
  2. Ein Arbeitsumfeld, in dem Gedanken ohne Angst geäußert werden können, unterstützt Beschäftigte in ihrer Eigeninitiative und in einem konstruktiven Umgang mit Fehlern.
  3. Angst und Selbstzensur schränken die Kreativität und Innovationsfähigkeit ein.
  4. Work-Life-Konflikte hängen mit einer größeren Kündigungsabsicht, Absentismus und reduziertem Commitment zusammen (vgl. Allen et al., 2000; Amstad et al., 2011).
  5. Work-Life-Konflikte verhindern Erholung, welche jedoch für langfristige Leistungsfähigkeit wichtig ist.

Aufbau der Studie

Pingel und Fay (2026) haben eine Online-Befragung konzipiert, bei der 89 Arbeitnehmende an bis zu fünf aufeinanderfolgenden Arbeitstagen morgens vor Arbeitsbeginn, morgens und nachmittags während der Arbeit sowie nach Feierabend Fragen beantworteten. Die Auswertung stützt sich auf die drei Befragungen ab Arbeitsbeginn. Erfasst wurden:

  1. Vormittags (10 bis 14 Uhr): Prohibitive Voice (3 Fragen)
  2. Nachmittags (15 bis 19 Uhr): Angst (4 Fragen) und Ich-Erschöpfung (3 Fragen)
  3. Abends (20 bis 24 Uhr): Work-Life-Konflikte (3 Fragen)

Die Teilnehmenden waren in Vollzeit beschäftigt, durchschnittlich 35 Jahre alt, mehrheitlich weiblich (56%) und recht hoch gebildet (49% mit akademischem Abschluss, 38% mit Berufsausbildung). Eine Minderheit von knapp 30% hatte eine Führungsposition inne.

Ergebnisse

Die Analyse zeigt, dass Teilnehmende, die morgens mehr Prohibitive Voice berichteten, nachmittags auch mehr Angst verspürten und mehr Ich-Erschöpfung zeigten. Anders als angenommen hing Angst nicht mit Work-Life-Konflikten am Abend zusammen; der Zusammenhang zwischen Ich-Erschöpfung und Work-Life-Konflikten war jedoch signifikant. In gleicher Weise wurde ein indirekter Effekt von Prohibitive Voice auf Work-Life-Konflikte vermittelt durch Ich-Erschöpfung, nicht aber durch Angst, festgestellt.

Tipps für die Praxis

Auch wenn nicht alle vermuteten Effekte in der Studie zu beobachten waren, führt sie doch vor Augen, dass sich das Äußern von Bedenken auf das Wohlbefinden und die Work-Life-Balance von Mitarbeitenden auswirken kann. Aus den eingangs genannten Gründen sollten Unternehmen dafür Sorge tragen, derartige negative Wechselwirkungen zu verhindern. Folgende Tipps lassen sich aus der Studie ableiten:

  • Unternehmen sollten mögliche Sorgen von Beschäftigten, die sich nicht trauen, Kritik auszusprechen, ausräumen, indem sie eine psychologisch sichere Arbeitsumgebung schaffen.
  • Wenn Beschäftigte sich mit Kritik oder Bedenken zu Wort melden, sollten Unternehmen darauf mit Wertschätzung und Dank reagieren.
  • Beschäftigte sollten, nachdem sie Bedenken kommuniziert haben, bewusst etwas tun, das ihnen ein gutes Gefühl gibt, da dies erwiesenermaßen der Ich-Erschöpfung entgegenwirken kann (Tice et al., 2007). Zum Beispiel könnten sie sich ihre Stärken vor Augen führen.

Limitationen der Studie

Bei der Interpretation der Ergebnisse ist es wichtig, die Limitationen und Schwachstellen der Studie zu berücksichtigen. Eine Limitation liegt darin, dass die Daten ausschließlich aus Selbsteinschätzungen stammten; zukünftige Studien sollten zusätzlich Perspektiven zum Beispiel von Vorgesetzten einbeziehen. Des Weiteren waren die Fragebögen recht kurz und der Angst-Fragebogen wies eine geringe interne Konsistenz auf. Ansonsten wurde Prohibitive Voice nur am Vormittag erfasst; wenn Mitarbeitende nach 14 Uhr Bedenken geäußert hatten, wurde dies in der Studie nicht berücksichtigt, könnte aber einen Einfluss gehabt haben.

Fazit

Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag, da sie anders als vorherige Untersuchungen das Augenmerk nicht auf die Effekte von Prohibitive Voice auf die Arbeitserzeugnisse legt, sondern auf innere Herausforderungen und Konflikte der Mitarbeitenden, welche auf das Wohlbefinden und den Schutz der persönlichen Ressourcen bedeutsame Auswirkungen haben können.

Dieser Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.

Vorgestellte Studie: Pingel, R., & Fay, D. (2026). A diary study on the relationship between prohibitive voice and work–life conflict: Examining affective and resource-depletion paths. International Journal of Stress Management. https://dx.doi.org/10.1037/str0000394

Weitere Literatur

Weitere Artikel zum Thema