Reboarding ins Leben: Mehr als das klassische Reboarding

Mit Reboarding wird klassischerweise der Wiedereinstieg ins Unternehmen beschrieben. Die promovierte Wirtschaftspsychologin Nadine Nowakowski fasst den Begriff jedoch weiter und beschreibt, mit welchen psychologischen Maßnahmen trotz Krisen ein Wiedereinstieg ins Leben gelingen kann.

Trotz über zweieinhalb Jahren Corona-Krise sind wir wahrscheinlich erst am Anfang schwieriger Situationen angekommen. Das Ausmaß der finanziellen, wirtschaftlichen und menschlichen Folgen durch die Corona-Krise oder den Ukraine-Krieg ist längst nicht absehbar. Prognosen für den Herbst sind düster. Hinzu kommen bereits individuell bestehende Krisen. Zusehends dehnt sich starke Überforderung und Verunsicherung aus. Ich möchte Ihnen darum Maßnahmen und Techniken zeigen, diese Krisen möglichst unbeschadet zu händeln und einen Wiedereinstieg zurück ins Leben zu ermöglichen.

Die wirtschaftspsychologische Erfahrung lehrt, dass Menschen in Krisenzeiten Verhaltenstransparenz benötigen, um ein Verständnis und einen angemessenen Umgang für die Situation zu entwickeln. Ablenkung oder Verleugnung ist das eine, den Menschen ihr eigenes und fremdes Verhalten verständlich zu machen, sie (wirtschafts-) psychologisch in einer Krise zu begleiten und zu unterstützen, das andere.

Genau deshalb gehe ich beim Reboarding einen Schritt weiter. Anstatt sich mit Reboarding ausschließlich auf den Wiedereinstieg ins Unternehmen zu beschränken, geht es darum, den Menschen Denkhilfen, Tipps und Techniken für einen strategischen Umgang mit indirekten, aber auch individuell direkten (Dauer-) Krisen zu liefern (Nowakowski, 2022). Dabei ist das Ziel, einen Wiedereinstieg in ein positives Leben zu erreichen – ein „Reboarding ins Leben“.

Agieren statt reagieren

Wir können Krisen als Sache nicht steuern, wir können auch nicht absehen, wann und ob diese enden. Ebenso wissen wir nicht, ob nach einer Krise die nächste folgt.

Angesichts eines Reboardings ins Leben müssen wir vom „Reagieren“ ins „Agieren“ übertreten. Denn was wir steuern können, sind die Perspektive und Bedeutung auf die Situation, der Umgang mit Unsicherheit und die Klarheit über den Willen zur Veränderung.

Die Perspektive und Bedeutung von Krisen

Machen Sie sich bewusst, dass das eigentliche Problem nicht die Krise selbst ist. Die Gefühle kommen nicht von der Krise oder den damit zusammenhängenden Rahmenbedingungen. Sie kommen von der Bedeutung, die Sie der Krise zuschreiben.

Das wahre Problem besteht aus zwei Tatsachen:

  1. Dass wir häufig nicht wissen, wie wir mit dem Ergebnis der Beeinflussung, also mit den Gefühlen, umgehen sollen.
  2. Dass uns nicht bewusst ist, dass immer der Blickwinkel auf die Krise und die Bedeutung, die wir dem Thema zuschreiben, entscheidend sind. Er aktiviert und beeinflusst unsere Gedanken, den Gefühlszustand und unser Verhalten.

Die Rolle des Unbewussten

Ein Eisberg ist zu sehen, dessen größter Teil unter der Wasseroberfläche liegt.

Der Eisberg versinnbildlicht, dass ein Großteil unserer Handlungen vom Unbewussten – dem Bereich unter Wasser – gesteuert wird (Foto: Corona Borealis – stock.adobe.com)

Nach der Verarbeitung einer Krisen-Botschaft findet immer eine Handlungsentscheidung statt. Hier sind die Komponenten Emotionen, Motivation, Denken, Lernen und Einstellung die Faktoren, die die Entscheidung beeinflussen. Bei diesem Prozess spielt das Unbewusste eine erhebliche Rolle, denn es steuert unsere Handlungen bis zu ca. 95 Prozent. Ohne dass wir es bewusst wahrnehmen, hat das Unbewusste bereits die Entscheidung für uns getroffen (Stüvel, 2009).

Nicht zu unterschätzen ist außerdem der Einfluss der Medien oder des Umfeldes auf das Unbewusste. Wenn zum Beispiel Ihr Umfeld alles „schwarzsieht“, dann entwickeln Sie ähnliche Vorstellungen, die zum Ergebnis führen, dass Ihre positive Einstellung zum Leben und somit die Lebensqualität sinkt.

Wie das Beispiel oben zeigt, kann sich das Unbewusste anpassen – und das Gute ist, dass Sie diese Fähigkeit für sich nutzen können. Sie können beispielsweise gewünschte positive Gefühlszustände hervorrufen, indem Sie Ihrem Unbewussten Anweisungen geben und diese so lange wiederholen, bis das Unbewusste gelernt hat, automatisch nach diesen Anweisungen zu handeln (Nowakowski, 2021). Achten Sie dabei auf Folgendes:

Geben Sie klare Anweisungen

Sprechen Sie mit dem Unbewussten eine simple Sprache und formulieren Sie die Anweisungen klar und deutlich. Beschreiben Sie genau, welchen konkreten Gefühlszustand Sie bis wann in welchem Bereich erreichen möchten. Notieren Sie diesen Zielzustand. Alles, was wir uns notieren, erscheint uns realer.

Das könnte beispielsweise wie folgt aussehen: „Ich möchte eine Dankbarkeit dafür entwickeln, dass ich Kolleg:innen habe, auf die ich mich stets voll und ganz verlassen kann. Kolleg:innen, die mich bei meiner Arbeit und schwierigen Projekten unterstützen. Ich möchte das den Menschen im Büro mit menschlicher Wärme zeigen“.

Achten Sie auf Ihre bevorzugten Sinne

Das Gehirn macht keinen Unterschied zwischen erdachten und tatsächlichen Erlebnissen. Lassen Sie das Ziel Realität werden und stellen Sie sich das damit verbundene Gefühl mit Ihren Sinnen vor.

Wenn Sie beispielsweise davon betroffen sind, dass Sie durch äußere Umstände nur noch schwer zur Ruhe kommen, könnten Sie Ihre Sinne wie folgt einsetzen: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen ruhig und gelassen an Ihrem Schreibtisch. Sie spüren den bequemen Bürostuhl und fühlen die klimatisierte Luft um sich herum. Sie atmen tief ein und aus und riechen die Luft. Sie blicken zum Fenster und sehen das Sonnenlicht, das dort hereinscheint. Bleiben Sie so lange es Ihnen gut tut in dieser Vorstellung und beobachten Sie, wie Sie ruhiger werden.

Geben Sie nicht auf

Sie verfallen in alte Gefühlsmuster? Das ist nicht schlimm, solange Sie Ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Bis sich eine Routine, eine Gewohnheit einstellt, brauchen wir im Durchschnitt ca. 30 Tage. Das Gute: Nach etwa sechs Wiederholungen stellen sich bereits erste Merkeffekte ein.

Ob Sie sich die Brille der feindlichen Krisenübernahme aufziehen oder sich eine neue Brille anschaffen, ist einzig und allein Ihre Entscheidung. Es ist Ihre Perspektive, die Ihre Gedanken und Ihre Gefühle beeinflusst.

Suchen Sie sich gezielt Menschen in Ihrer Umgebung, die mit Krisen auf eine positive Art und Weise umgehen, die einen positiven Blickwinkel haben. Nehmen Sie sie als Anreiz, als Vorbild für Ihren persönlichen Perspektivwechsel. Sprechen Sie mit diesen Menschen und achten Sie auf deren Denkweisen.

Lassen Sie ab sofort die Situation für sich und nicht gegen Sie arbeiten. Dadurch entwickelt sich ein Blickwinkel, mit dem man jeder Krise etwas Positives abgewinnen kann. Beispielsweise können Sie durch den erfolgreichen Umgang mit einer Krise Ihr persönliches Wachstumspotential entdecken oder es können Aha-Effekte durch neue Denkanstöße entstehen.

 

Literatur

Stüvel, H. (2009). Die heimliche Macht des Unbewussten. https://www.welt.de/wissenschaft/article3411612/Die-heimliche-Macht-des-Unbewussten.html, abgerufen am 02.09.2022.

Nowakowski, Nadine (2021). Gift im Kopf – Wege durch die Pandemie. Dr. Nowakowski Akademie: Senden.

Nowakowski, Nadine (2022). Reboarding ins Leben - (k)eine Krise für immer. Dr. Nowakowski Akademie: Senden.

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