Viele Beschäftigte fragen sich, ob KI ihren Arbeitsplatz gefährdet. Doch wie berechtigt sind diese Sorgen wirklich? Der Beitrag ordnet aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ein.
Warum KI so viele Menschen verunsichert
Mehr als die Hälfte der Unternehmen nutzt künstliche Intelligenz (KI) bereits in ihren Geschäftsprozessen (ifo Institut, 2026) und die Tendenz in vielen Berufen, KI einzusetzen, ist seit 2010 deutlich gestiegen (Engberg et al., 2026). Dadurch ergeben sich viele verschiedene Handlungsfelder in Bezug auf die Arbeit als Ganzes, die Teams und die Organisationen (Hagemann et al., 2026) sowie die berufliche Laufbahnentwicklung (Hofer et al., 2026).
Schlagzeilen zufolge werden aufgrund von KI viele Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren (z. B. Göpfert, 2026; Markt und Mittelstand Redaktion, 2025). Was wissen wir tatsächlich über die bestehenden oder erwarteten Konsequenzen von KI für Beschäftigte? Dieser Beitrag ordnet die gesellschaftliche Diskussion auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse ein.
Es gibt hauptsächlich drei verschiedene Unsicherheiten, die Beschäftigte wahrnehmen:
- Arbeitsplatzunsicherheit: Wenn sich Personen Gedanken und Sorgen darüber machen, in naher Zukunft ihren aktuellen Job im Unternehmen zu verlieren, spricht man von quantitativer Arbeitsplatzunsicherheit. Zudem gibt es die qualitative Arbeitsplatzunsicherheit, die die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und den Verlust erwarteter Chancen adressiert (Shoss, 2017).
- Berufsunsicherheit: Beschäftigte befürchten, dass ihr Beruf als Ganzes durch die Automatisierung verschwinden (globale Berufsunsicherheit) oder sich erheblich verändern könnte (inhaltliche Berufsunsicherheit; Roll et al., 2023). Personen, die globale Berufsunsicherheit wahrnehmen, gehen davon aus, dass ihr Beruf auf dem gesamten Arbeitsmarkt nicht mehr benötigt wird.
- Laufbahnunsicherheit: Zudem machen sich Personen oftmals Sorgen und Gedanken darüber, dass sich zentrale inhaltliche Aspekte ihrer beruflichen Zukunft möglicherweise unerwünscht entwickeln könnten (Spurk et al., 2022). Diese Laufbahnunsicherheit weist einen längeren zeitlichen Horizont auf und umfasst unterschiedliche Aspekte, z. B. Sorgen zu beruflichen Perspektiven und Gedanken darüber, dass man künftig ungewollt den Arbeitsplatz oder den Beruf wechseln muss oder Phasen der Arbeitslosigkeit durchlaufen wird (Hofer, 2026b; Hofer & Spurk, 2026; Spurk et al., 2022).
Personen erleben im Zusammenhang mit KI häufig mehrere Formen der Unsicherheit gleichzeitig. So könnte beispielsweise eine Buchhalterin erfahren, dass ihr Unternehmen künftig verstärkt KI zur Automatisierung von Buchhaltungsaufgaben einsetzt. Dadurch könnte sie befürchten, ihre aktuelle Stelle zu verlieren, sich gleichzeitig Sorgen machen, dass der Beruf der Buchhalterin langfristig an Bedeutung verliert oder weitgehend ersetzt wird, und darüber hinaus nachdenken, ob sie sich zukünftig beruflich neu orientieren, umschulen oder sogar Phasen der Arbeitslosigkeit erleben könnte.
Technologischer Wandel ist kein neues Phänomen
Diese Unsicherheiten begleiten technologische Veränderungen bereits seit vielen Jahrzehnten (Hutmacher & Wendt, 2026). In der Vergangenheit haben die Industrialisierung, die Entwicklung von Computern, die Einführung des Internets sowie die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung die Arbeitswelt verändert. Durch den technologischen Fortschritt haben sich Tätigkeiten gewandelt und neue Tätigkeitsfelder gewinnen an Bedeutung bzw. neue Berufe entstehen.
Was KI tatsächlich verändert
Zika et al. (2025) zeigen, dass der Einsatz von KI das Wirtschaftswachstum steigern und zusätzliche Wertschöpfung ermöglichen könnte. Gleichzeitig führe KI jedoch zu Veränderungen der Beschäftigungsstruktur: Während in einigen Bereichen neue Arbeitsplätze entstehen, können andere Tätigkeiten durch Effizienzsteigerungen wegfallen. Insgesamt sei jedoch keine deutliche Verringerung der Gesamtbeschäftigung zu erwarten, sondern v. a. eine Verschiebung der Nachfrage nach Arbeitskräften zwischen verschiedenen Branchen und Qualifikationsniveaus.
In der Wissenschaft besteht Konsens darüber, dass KI Tätigkeiten und damit die Arbeitsinhalte verändert und ersetzt, statt ganze Berufe überflüssig zu machen (z. B. Engberg et al., 2026). Aufgrund von KI werden teilweise Aufgaben automatisiert, was die Produktivität steigert, sodass sich Berufe verändern, manche Stellen wegfallen, andere jedoch neu entstehen.
Es gibt unterschiedliche Aspekte, die berücksichtigt werden können, um zu beurteilen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Tätigkeit durch KI verändert wird. Dazu zählen beispielsweise der Anteil kognitiv-routinemäßiger und manueller Routineaufgaben, die Aufgabenstruktur, die menschliche Interaktionsintensität und die Datenverfügbarkeit. Routinetätigkeiten wie Dateneingabe, Standardberichte, Dokumentation und Terminplanung lassen sich bereits heute hochgradig automatisieren, wohingegen soziale Interaktion, Führung, Kreativität, Verhandlungsgeschick und Empathie weniger leicht automatisierbar sind.
Engberg et al. (2026) heben hervor, dass Berufe, die v. a. geistige Fähigkeiten, wenig körperliche Arbeit und nur wenige soziale Kontakte erfordern, besonders stark von KI-Technologien betroffen sind. Dazu zählen Tätigkeiten in den Bereichen Datenanalyse, Softwareentwicklung und Übersetzung. Im Gegensatz dazu sind Berufe, bei denen handwerkliches Geschick, körperliche Fähigkeiten oder intensiver persönlicher Kontakt erforderlich sind, bisher deutlich weniger von KI beeinflusst. Beispiele dafür sind Tätigkeiten im Baugewerbe sowie in der Pflege.
Was bedeutet die Implementierung von KI für die Beschäftigten? Die Implementierung neuer Technologien in Unternehmen kann dazu führen, dass Unternehmen Stellen abbauen und Beschäftigte objektiv von einem höheren Risiko betroffen sind, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Damit geht bei vielen Beschäftigten oftmals subjektive Arbeitsplatzunsicherheit einher (Shoss, 2017), und sie beginnen, sich über verschiedene Aspekte ihrer zukünftigen beruflichen Laufbahn Gedanken und Sorgen zu machen, sodass sie ebenfalls Laufbahn- und Berufsunsicherheit wahrnehmen (Hofer, 2026b; Hofer & Spurk, 2026; Spurk et al., 2022). Diese wahrgenommenen Unsicherheiten gehen mit unterschiedlichen unerwünschten Aspekten einher, z. B. einem schlechteren Gesundheitszustand, einer geringeren Arbeitsleistung, weniger erwünschtem und mehr unerwünschtem Verhalten am Arbeitsplatz sowie einer geringeren Zufriedenheit (Hofer, 2026a; Probst et al., 2025; Roll et al., 2023; Roll et al., 2025; Shoss, 2017; Spurk et al., 2022). Um diesen Nachteilen zu entgehen, sollten Unternehmen proaktiv versuchen, ihre Beschäftigten in Zeiten der Unsicherheit zu unterstützen, um die Wahrnehmung von Unsicherheit zu verringern oder dieser vorzubeugen.
Bedeutsam ist im Kontext von KI die Debatte um die globale und inhaltliche Berufsunsicherheit sowie die dazugehörigen Konsequenzen (Hofer, 2026a; Roll et al., 2023; Roll et al., 2025). Roll et al. (2025) konnten zeigen, dass die inhaltliche Berufsunsicherheit in allen untersuchten Ländern (Belgien, China, Deutschland, USA) stärker ausgeprägt war als die globale Berufsunsicherheit. Dies entspricht einer realistischen Einschätzung, da vermutlich nicht primär ganze Berufe verschwinden, sondern sich die Tätigkeiten verändern. Es gibt jedoch signifikante Unterschiede zwischen den Ländern. Beispielsweise wiesen die Beschäftigten in Deutschland die geringsten Werte auf. Die globale Berufsunsicherheit korrelierte mit einem erhöhten Burnout-Risiko, mehr körperlichen Beschwerden und geringerer Arbeitsleistung. In einer aktuellen Studie in Deutschland konnte gezeigt werden, dass Personen mit einem höheren Maß an globaler Berufsunsicherheit auch eine größere quantitative Arbeitsplatzunsicherheit aufweisen (Hofer, 2026). Die globale Berufsunsicherheit stand in einem negativen Zusammenhang mit subjektivem beruflichem Erfolg (d. h. Zufriedenheit mit der beruflichen Laufbahn und wahrgenommenem beruflichem Erfolg) sowie mit der Arbeitsleistung (Hofer, 2026). Zudem zeigte sich ein positiver Zusammenhang mit unerwünschten Verhaltensweisen am Arbeitsplatz, etwa mit Zeitdiebstahl durch die Nutzung des Smartphones für private Zwecke (Hofer, 2026).
Ausblick
Insgesamt lässt sich festhalten, dass KI unsere Tätigkeiten verändert. Wie Arbeitnehmende Risiken und Unsicherheiten proaktiv begegnen können, um ihre Beschäftigungsfähigkeit langfristig zu sichern, erfahren Sie im zweiten Teil dieser Artikelserie, „KI und die Angst um den Job: Was Beschäftigte tun können“, der in der kommenden Woche erscheint.







