Wer sich von der Arbeit erholen möchte, sollte die Natur aufsuchen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass insbesondere das bewusste Genießen natürlicher Umgebungen Entspannung, mentales Abschalten und Wohlbefinden fördern kann.
Erholung von der Arbeit ist von großer Bedeutung für den Erhalt von Leistung und Wohlbefinden im Job (Sonnentag et al., 2017; 2022). Die Natur könnte dabei hilfreich sein, wie sich aus folgenden Theorien schließen lässt:
- Effort-Recovery-Model (ERM; Meijman & Mulder, 1998): Erholung stellt sich dann ein, wenn zuvor erschöpfte Ressourcen in Abwesenheit weiterer Anforderungen wieder aufgefüllt werden.
- Stress Reduction Theory (SRT; Ulrich, 1983; Ulrich et al., 1991): Weil Menschen in der Natur positive Gefühle und weniger Stress empfinden, wird angenommen, dass ein Aufenthalt in der Natur die Erholung und das Wohlbefinden fördert.
- Attention Restoration Theory (ART; R. Kaplan & Kaplan, 1989; S. Kaplan, 1995): Die Natur bietet Menschen die Möglichkeit, den Anforderungen des Alltags zu entkommen, und entspannt durch Weite, sanftes Eintauchen in die Umwelt und Passung der Umgebung mit persönlichen Bedürfnissen.
Die hier vorgestellte Studie von Micha Hilbert, Miriam Finke, Kristina Küpper, Carmen Binnewies, Laura Berkemeyer (alle Universität Münster) und Lucas Maunz (Universität Innsbruck) konzentriert sich auf zwei zentrale Erholungserfahrungen: Entspannung und mentales Abschalten. Entspannung ist ein Zustand, geprägt von geringer physischer Aktivierung und positiven Gefühlen; mentales Abschalten bedeutet, nicht mehr über arbeitsbezogene Probleme, Möglichkeiten und Inhalte nachzudenken (Sonnentag & Fritz, 2007).
Drei Pfade der Erholung in der Natur
Hilbert et al. (2025) – die Autor*innen der hier vorgestellten Studie – formulieren drei Wirkpfade, auf denen Erholung in der Natur stattfinden kann:
- Der Ablenkungspfad: Die Natur gibt das Gefühl, weg zu sein vom Alltag und den Arbeitsanforderungen, und hilft beim mentalen Abschalten, was Erholung herbeiführen kann (Hilbert et al., 2024; Meijman & Mulder, 1998).
- Der Beruhigungspfad: Die psychophysiologische Aktivierung nimmt durch die harmonisierende Wirkung der Natur ab, was zu Gelassenheit und Entspannung beiträgt (Brosschot et al., 2006; Meijman & Mulder, 1998).
- Der Energetisierungspfad: Die Natur stellt weniger Anforderungen als z. B. eine laute, überfüllte Stadt (Hartig et al., 2014). Somit sollte die Natur die Auffüllung von Ressourcen begünstigen und dadurch zu geringerer Erschöpfung und höherer positiver Aktivierung beitragen (Hartig et al., 2014; Hilbert et al., 2024).
Warum wirkt Natur erholsam?
In ihrer ersten Studie haben Hilbert et al. (2025) überprüft, wie die Natürlichkeit der Umgebung die Erholung und das Wohlbefinden prägt. 50 Personen nahmen an der Studie teil, die über ein Wochenende ging. Fünfmal pro Tag (9, 12, 15, 18, 21 Uhr) wurden die Teilnehmenden per App zu folgenden Aspekten befragt:
- ihrer aktuellen Freizeitbeschäftigung,
- ihrem affektiven Wohlbefinden (positive und negative Aktivierung, Gelassenheit, Erschöpfung),
- ihrer Erholung (Entspannung, mentales Abschalten),
- der Attraktivität und Natürlichkeit ihrer Umgebung.
Anschließend nahmen die Teilnehmenden ein Foto von ihrer Umgebung auf. Die auf den Fotos abgebildeten Umgebungen wurden für mehr Objektivität von zwei unabhängigen Forschenden ebenfalls hinsichtlich ihrer Natürlichkeit beurteilt.
Um auszuschließen, dass Effekte durch unterschiedliche Freizeitbeschäftigungen zustande kommen, wurde zwischen erholenden und fordernden Beschäftigungen unterschieden. In die Datenanalyse flossen nur vollständig bearbeitete Befragungen ein, insgesamt waren es 411.
Die Ergebnisse
Laut den Ergebnissen war entscheidend, ob die Umgebung subjektiv als natürlich empfunden wurde. Falls ja, ergaben sich positive Zusammenhänge mit geringerer Erschöpfung, mehr Entspannung und Gelassenheit und einem besseren mentalen Abschalten. Lediglich für die negative Aktivierung ergaben sich keine Zusammenhänge.
Die erste Untersuchung weist folglich darauf hin, dass der bloße Aufenthalt in der Natur nicht ausreicht; die ästhetische Würdigung der Umgebung ist der entscheidende psychologische Prozess, der die Erholungswirkung vermittelt. Somit sollten Menschen aktiv Umgebungen aufsuchen, die sie persönlich als schön empfinden, um mehr Erholung zu finden.
Wie lässt sich die Natur gezielt für mehr Erholung nutzen?
Um zu prüfen, ob sich Naturaufenthalte als Intervention zur gezielten Erholungsförderung eignen, wurde eine zweite Studie durchgeführt, mit einem randomisiert-kontrolliertem Design und 66 erwerbstätigen Teilnehmenden.
Ein Teil der Versuchspersonen nahm an einer Natur-Genuss-Intervention teil, die anderen bildeten eine Wartelisten-Kontrollgruppe. Die Personen der Interventionsgruppe erhielten fünf Tage lang täglich eine Übung, die etwa 15 Minuten dauerte und in einer natürlichen Umgebung (z. B. Wald, Park) durchgeführt werden sollte. Jede Übung folgte einer festen Struktur:
- Vorbereitung: Ablenkungen minimieren (z. B. Handy ausschalten), tief durchatmen.
- Genießen: Die Teilnehmenden sollten ihren Fokus gezielt auf die Wahrnehmung von schönen, faszinierenden oder angenehmen Reizen legen. Die Schwerpunkte wechselten täglich: Farben, Oberflächen, Pflanzen, Tiere oder generell die Landschaft.
- Abschluss: Ein letzter bewusster Blick auf die Umgebung und ein Moment der Dankbarkeit für die Pause.
Vor und nach dem Fünf-Tage-Zeitraum wurden folgende Variablen gemessen:
- Erholung: Entspannung und mentales Abschalten
- Affektives Wohlbefinden: Positive Aktivierung, Gelassenheit, negative Aktivierung und Erschöpfung
Die Ergebnisse
Die Forschenden nahmen an, dass das bewusste Genießen die drei bereits in Studie 1 genannten Pfade (Ablenkung, Beruhigung, Energetisierung) verstärkt. Diese Vermutung ließ sich weitestgehend bestätigen: Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte die Interventionsgruppe nach den fünf Tagen signifikant höhere Werte bei der Entspannung und beim mentalen Abschalten sowie bei der positiven Aktivierung und Gelassenheit. Allerdings konnten keine signifikanten Unterschiede bei der Reduktion von negativer Aktivierung oder Erschöpfung festgestellt werden, obwohl die Trends in die erwartete Richtung wiesen.
Die Teilnehmenden der Intervention bewerteten die Übungen sehr positiv und gaben an, dass die Anleitungen ihnen halfen, bewusst in die Natur einzutauchen und eine erholsame Pause einzulegen. Eine kurze, strukturierte Intervention zum bewussten Genießen der Natur könnte somit ein effektives Mittel zur Förderung der Erholung sein.
Kritik an der Studie
Folgende Limitationen sind bei der Einordnung der Ergebnisse zu berücksichtigen:
- Die Ergebnisse basierten auf Selbstauskünften und unterliegen damit subjektiven Verzerrungen. Dieser Einschränkung könnte in zukünftigen Studien durch ergänzende objektive Maße, z. B. der Cortisolspiegel im Speichel, begegnet werden.
- Die Stichproben waren in beiden Teilstudien zu klein. Die resultierende geringe statistische Power impliziert ein größeres Risiko für den Beta-Fehler, also dass eine falsche Hypothese angenommen wird, bzw. anders ausgedrückt, ein Effekt gefunden wird, wo keiner ist.
- Die Übertragbarkeit auf andere Kulturen ist unklar, weil die Teilnehmenden aus vornehmlich aus Deutschland stammten. Eventuell hat ein Aufenthalt in der Natur in Ländern mit höherer Kriminalitätsrate oder ungünstigen klimatischen Bedingungen geringere oder gar negative Effekte auf die Erholung (Hartig et al., 2014).
Fazit für die Praxis
Die Studie legt nahe, dass ein Aufenthalt in der Natur für Arbeitnehmende sehr erholsam sein und das Wohlbefinden steigern kann, weshalb Freizeitaktivitäten in der Natur zu empfehlen sind. Es muss nicht immer die unberührte Natur sein; auch Naturflächen im Stadtgebiet, z. B. Parks, können die Erholung fördern (Hartig et al., 2014). Wichtig ist, dass die Umgebung als ansprechend und ästhetisch empfunden wird; so können auch andere Umgebungen als die Natur, etwa geschmackvoll eingerichtete Räume, erholsam sein (Hilbert et al., 2023; Karmanov & Hamel, 2008; Meidenbauer et al., 2020). Da die Wahrnehmung der Umgebung ein entscheidender Faktor ist, sollten Beschäftigte ihre Aufmerksamkeit bewusst auf die ästhetische Wahrnehmung der Natur lenken und diese aktiv genießen (Bryant & Veroff, 2017; Carr et al., 2021). Naturgenuss-Interventionen sind der Studie nach ein wertvolles Instrument für das Personalmanagement, das womöglich nicht nur in der Freizeit, sondern auch innerhalb von Arbeitspausen eingesetzt werden könnte.
Der Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.
Vorgestellte Studie
Hilbert, M., Finke, M., Küpper, K., Binnewies, C., Berkemeyer, L., & Maunz, L. A. (2025). Look how beautiful! The role of natural environments for employees’ recovery and affective well-being. Journal of Occupational Health Psychology, 30(1), 47.







