Arbeit und Politik werden häufig als getrennte Lebensbereiche betrachtet. Tatsächlich beeinflussen sie einander jedoch in vielfältiger Weise. Ein internationales Positionspapier diskutiert, warum die Arbeits- und Organisationspsychologie diese Wechselwirkungen stärker in den Blick nehmen sollte und welche offenen Forschungsfragen sich daraus ergeben.
Politik und Arbeit – wie sind diese beiden Felder miteinander verbunden und warum ist diese Frage aus arbeits- und organisationspsychologischer Sicht von Relevanz?
Steigen wir ein mit einigen empirischen Beobachtungen:
- Die eigenen politischen Werte können beeinflussen, welchen Job man annimmt (Kohn & Schooler, 1969).
- Arbeit kann sich auf das politische Denken und Handeln jenseits des Jobs auswirken (Selenko et al., 2025; Swigart et al., 2020).
- Mitarbeitende, die sich politisch nicht mit ihrem Unternehmen identifizieren, beabsichtigen häufiger eine Kündigung (Bermiss & McDonald, 2018).
Bereits 1947 forderte der US-amerikanische Psychologe Arthur Kornhauser die Arbeits- und Organisationspsychologie dazu auf, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen. Diesen Appell aufgreifend hat eine internationale Gruppe Psycholog*innen ein gemeinsames Positionspapier veröffentlicht, in dem sie die Arbeits- und Organisationspsychologie nutzt, um die Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Politik zu beleuchten. An dem Papier beteiligt waren Denise Vesper, Ulrike Fasbender, Joachim Hüffmeier, Katharina Klug, Cornelius König, Franz W. Mönke (Deutschland), Eva Selenko (UK), Claudia Bernhard-Oettel (Schweden), Hans de Witte (Belgien/Südafrika), Ian M. Hughes und Mindy K. Shoss (USA) sowie Anahí Van Hootegem (Neuseeland).
Die Verfasser*innen sehen es als Teil der Tradition der Fachdisziplin, sich mit Spillover-Effekten von Arbeitsbedingungen auf das Leben als Bürger*in zu befassen. Das Erkenntnispotenzial sei groß, denn die Forschung an der Schnittstelle von Arbeit und Politik stehe in der AO-Psychologie anders als in der Soziologie oder Politikwissenschaft noch am Anfang.
Welche Forschung gibt es bereits?
Die Schnittstelle von Politik und Arbeit lässt sich in drei Ebenen gliedern:
1) Einfluss der Politik auf die Arbeit
Arbeitspolitische Entscheidungen und Entwicklungen werden für Menschen unmittelbar in ihrem Alltag spürbar. Beispielsweise hat eine wachsende Deregulierung des Arbeitsmarkts in Europa zum Anstieg befristeter Verträge und einer generellen Verunsicherung durch zunehmend prekäre und volatile Arbeitsbedingungen geführt (Allan et al., 2021; Hünefeld et al., 2020; International Labour Organization, 2016).
Abseits politischer Entscheidungen beeinflussen allerdings auch die individuellen Werte und politischen Ansichten von Menschen, wie sie ihre Arbeit wahrnehmen und erledigen. Zum Beispiel präferieren politisch links orientierte Menschen häufiger Veränderung gegenüber Tradition und Gleichheit gegenüber Hierarchie (Swigart et al., 2020), was auch ihr Verhalten am Arbeitsplatz prägen kann. Auch ist die politische Orientierung ein Merkmal, anhand dessen Kolleg*innen Gruppen bilden oder sich voneinander abgrenzen (Roth et al., 2017; Tajfel & Turner, 1986).
Die politische Positionierung eines Unternehmens kann ebenfalls mitbestimmen, ob Menschen sich dort bewerben, und andersrum können wahrgenommene Unterschiede in der politischen Gesinnung die Chancen von Bewerber*innen im Recruiting-Prozess schmälern (Mönke et al., 2024; Roth et al., 2025; Sinclair et al., 2023). Außerdem sind Mitarbeitende, die sich in den politischen Werten ihres Unternehmens nicht wiederfinden, mitunter weniger zufrieden mit ihrer Arbeit (He et al., 2019) und neigen eher zur Kündigung (Bermiss & McDonald, 2018).
2) Einfluss der Arbeit auf politische Einstellungen und Aktivitäten
Menschen können durch die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, auch in ihrem politischen Denken beeinflusst werden (Selenko et al., 2025). Beispielsweise äußern Menschen, die Jobs mit guter Bezahlung, hoher Autonomie und angenehmen kollegialen Beziehungen haben, mehr Vertrauen in die Politik und bringen sich eher in Politisches ein. Auch Menschen mit schlecht bezahlten oder unsicheren Jobs neigen zu politischer Partizipation, wenngleich sie weniger Vertrauen in die Politik haben (Selenko et al., 2025). Interessanterweise sind nicht nur eigene Arbeitserfahrungen prägend für die Haltung gegenüber der Regierung, sondern auch jene, die man bei anderen beobachtet (Shoss et al., 2023). Ansonsten zeigen Studien, dass Jobunsicherheit und die individuelle Neigung, Unsicherheit vermeiden zu wollen, rechtskonservative Ansichten begünstigen (De Witte & Meuleman, 2007; Stynen & Witte, 2011; Takizawa et al., 2025). Mitspracherechte und erlebte Demokratie im Job hingegen sind mit weniger rechten Einstellungen assoziiert (Kiess & Schmidt, 2025).
3) Politik bei der Arbeit
Auch in der Sphäre der Arbeit findet Politik statt, z. B. wenn Mitarbeitende streiken oder Arbeitnehmervertretungen gründen, um für ihre Interessen einzutreten. Ebenfalls hinzuzählen kann man „Employee Voice“, also dass sich Angestellte zu Missständen, Problemen oder Herausforderungen kritisch äußern (Barry & Wilkinson, 2016). Laut einer Meta-Analyse von Weber et al. (2020) zeigen sich Mitarbeitende, die in ihrem Unternehmen stärker mitbestimmen dürfen, jenseits der Arbeit prosozial und bürgerlich engagierter. Außerdem nehmen Mitarbeitende, die Arbeitnehmervertretungen angehören, wahrscheinlicher an Wahlen teil (Flavin & Radcliff, 2011).
Warum ist Arbeit auch politisch?
In Organisationen treffen Menschen unterschiedlicher politischer Einstellungen aufeinander. Für die Arbeit an sich mag die politische Überzeugung weniger bedeutsam sein; im Recruitingprozess und im sozialen Miteinander unter Kolleg*innen ist sie hingegen umso relevanter (Mönke et al., 2024; Roth et al., 2025). Auch die Arbeitswelt bietet sich somit an, um gesellschaftliche Bruchlinien aufzulösen und Blasen aufzubrechen.
Ein weiteres wichtiges Stichwort: Demokratie am Arbeitsplatz. Dass autonome Mitarbeitende mehr Selbstwirksamkeit erfahren und intrinsisch leistungsmotivierter sind, ergibt sich aus Banduras Selbstbestimmungstheorie und konnten diverse Studien zeigen. Wenn sich Menschen infolgedessen darüber hinaus gesellschaftlich stärker engagieren und dadurch zur Resilienz der bürgerlichen Demokratie beitragen, umso besser. Nicht zuletzt profitieren Unternehmen, wenn sich Mitarbeitende aktiv einbringen, auf Probleme hinweisen und ihre Meinung kundtun (Barry & Wilkinson, 2016). Auch ist es im unternehmerischen Interesse, dass die Beschäftigten sich wohlfühlen und gesund und in der Folge wahrscheinlich produktiver sind, wozu Arbeitnehmervertretungen beitragen können (Vesper et al., 2025; Zwick, 2004).
Die politische Dimension der Psychologie
Die Forscher*innen schlussfolgern, dass die Arbeits- und Organisationspsychologie bedeutsam dazu beitragen kann, die Wechselwirkungen von Arbeit und Politik besser zu verstehen. Nicht zuletzt ihre methodischen Skills geben psychologischen Wissenschaftler*innen zahlreiche Möglichkeiten an die Hand, um die Wahrnehmung, das Verhalten und die Gefühle von Arbeitnehmenden mit den Arbeitsbedingungen und politischen Entwicklungen in Verbindung zu setzen.
Essenziell sei dabei eine kritische Reflexion der eigenen Werteausrichtung und politischen Haltung, angesichts genereller Debatten über die politische Ausrichtung der Psychologie als solcher (Redding, 2001, 2023). So werde der Arbeits- und Organisationspsychologie mitunter eine neoliberale Haltung unterstellt mit einem Fokus auf individuellem Handeln und organisationalem Ertrag, während strukturelle Beschränkungen vernachlässigt würden (Bal & Dóci, 2018). Diese Behauptungen wurden jedoch in der Fachwelt von anderen Forschenden entschieden zurückgewiesen (Rudolph & Zacher, 2018). Die Verfasser*innen des Positionspapier warnen vor solchen Verallgemeinerungen und plädieren für Wertepluralismus, Selbstreflexion und die offen-neugierige Auseinandersetzung mit kontroversen Themen und Standpunkten. Eine solche Einstellung sei nicht zuletzt wichtig, um die Freiheit der Forschung an sich zu erhalten. Offene Fragen gibt es genügend, z. B.:
- Unterscheiden sich Zusammenhänge zwischen Arbeits- und politischen Variablen je nach politischem System?
- Können gemeinsame berufliche Identitäten politische Differenzen aufheben?
- Welche psychologischen Mechanismen erklären die Wechselwirkung zwischen demokratischen Verhältnissen am Arbeitsplatz und politischer Orientierung?
- Was motiviert Menschen, sich politisch bei der Arbeit zu engagieren?
- U.v.m.
Eine umfangreiche Auflistung finden Sie hier in Tabelle 1.
Fazit
Politik und Arbeit beeinflussen sich gegenseitig: Politische Rahmenbedingungen prägen die Arbeitswelt, während Arbeitserfahrungen wiederum politische Einstellungen, Vertrauen in Institutionen und gesellschaftliches Engagement beeinflussen können. Aus arbeits- und organisationspsychologischer Sicht ist dies relevant, weil politische Werte und Arbeitsbedingungen sowohl das Erleben und Verhalten von Beschäftigten als auch den Erfolg von Organisationen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt mitgestalten.
Dieser Beitrag wurde verfasst von Isabelle Bock.
Vorgestelltes Positionspapier
Vesper, D., Selenko, E., Bernhard-Oettel, C., De Witte, H., Fasbender, U., Hüffmeier, J., … & Van Hootegem, A. (2026). Open Questions in the Work–Politics Nexus: What Work and Organizational Psychology Can Offer. Zeitschrift für Arbeits-und Organisationspsychologie A&O.







