Bei der Arbeit im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Privatleben. Dadurch kann die Erholung in der arbeitsfreien Zeit beeinträchtigt werden. Erfahren Sie, wie die Kombination von vier Grenzziehungsstrategien dabei helfen kann, im Homeoffice Grenzen zu ziehen und Erholung zu ermöglichen.
Verschwimmende Grenzen im Homeoffice
Viele Berufstätige schätzen die Flexibilität, die das Arbeiten im Homeoffice bietet. Aber die Arbeit im Homeoffice bringt auch gewisse Herausforderungen mit sich, wie verschwimmende Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben (Pohlner et al., 2026).
Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben umfassen drei verschiedene Dimensionen (Clark, 2000).
- Räumliche Dimension: Wo finden arbeitsbezogene vs. private Aktivitäten statt?
- Zeitliche Dimension: Wann finden arbeitsbezogene vs. private Aktivitäten statt?
- Psychologische Dimension: Welche kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Regeln gelten auf der Arbeit vs. im Privatleben?
Diese Grenzen liegen auf einem Kontinuum von starker Trennung (Segmentation) bis hin zu starker Überschneidung (Integration) (Kreiner, 2006).
Durch das Arbeiten im Homeoffice können Grenzen leicht verschwimmen und starke Überschneidung entstehen (Pohlner et al., 2026). Im Homeoffice wird häufig im privaten Raum gearbeitet (verschwimmende räumliche Grenzen). Außerdem können arbeitsbezogene Aktivitäten zu jeder Uhrzeit stattfinden (verschwimmende zeitliche Grenzen) und auch typische verhaltensbezogene Regeln gelten nicht mehr zwingend. So kann beispielsweise im Schlafanzug gearbeitet werden (verschwimmende psychologische Grenzen).
Verschwimmende Grenzen: Ist das ein Problem?
Generell gibt es keine eindeutige Studienlage darüber, ob klare oder verschwimmende Grenzen besser für das Wohlbefinden von Berufstätigen sind. Entscheidend scheint vielmehr zu sein, ob die tatsächlichen Grenzen der eigenen Präferenz entsprechen (Cobb et al., 2025). Für die Erholung in der arbeitsfreien Zeit zeigt sich allerdings ein deutlich klareres Bild.
Forschung zeigt: Für die Erholung sind klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben förderlich (Kinnunen et al., 2016; Wepfer et al., 2018).
Um sich in der arbeitsfreien Zeit zu erholen, brauchen Berufstätige nämlich die Möglichkeit, Abstand von Arbeitsstressoren zu gewinnen (Meijman & Mulder, 1998). Dadurch können verbrauchte Ressourcen wieder hergestellt werden. Gerade im Homeoffice kann es deshalb sinnvoll sein, aktiv klare Grenzen zu ziehen, um Erholung zu ermöglichen.
Aktiv Grenzen ziehen: Grenzziehungsstrategien im Homeoffice
Die gute Nachricht: Beschäftigte sind den äußeren Bedingungen im Homeoffice nicht passiv ausgesetzt, sondern gestalten ihre Grenzen aktiv mit (Kreiner et al., 2009). Kreiner und Kolleg*innen (2009) haben hierfür das Konzept der Grenzziehungsstrategien etabliert. Gemeint sind konkrete Verhaltensweisen, mit denen Berufstätige Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben ziehen und aufrechterhalten. Im Homeoffice können dabei insbesondere vier Grenzziehungsstrategien helfen: zeitliche, räumliche, kommunikative und technologische Strategien (Haun et al., 2022).

Es kommt auf das Zusammenspiel der Grenzziehungsstrategien an (Pohlner et al., 2026)
Doch welche dieser Strategien sind besonders hilfreich? Und reicht es aus, einzelne Strategien zu nutzen, oder kommt es vielmehr darauf an, mehrere Strategien miteinander zu kombinieren?
Um diese Fragen zu beantworten, untersuchten Pohlner et al. (2026) in ihrer aktuellen Studie, welche Kombinationen der vier Grenzziehungsstrategien Berufstätige im Homeoffice nutzen und wie diese unterschiedlichen Muster mit Erholung zusammenhängen.
Die 413 Studienteilnehmenden arbeiteten im Durchschnitt 39 Stunden pro Woche, wobei sie davon mindestens einen Tag pro Woche im Homeoffice verbrachten. Bezüglich der Nutzung der vier verschiedenen Grenzziehungsstrategien konnten die Berufstätigen in vier unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden:
- Einheitlich starke Grenzzieher*innen (17 %): Diese Berufstätigen setzten alle vier Strategien konsequent und in hohem Umfang ein.
- Selektiv starke Grenzzieher*innen (27 %): Diese Berufstätigen nutzten zeitliche, räumliche und kommunikative Strategien stark, griffen aber vergleichsweise wenig auf technologische Strategien zurück.
- Einheitlich moderate Grenzzieher*innen (37 %): Diese Berufstätigen setzten alle vier Strategien in mittlerem Umfang ein.
- Selektiv moderate Grenzzieher*innen (19 %): Diese Berufstätigen nutzten zeitliche und räumliche Strategien in mittlerem Umfang, während kommunikative und technologische Strategien kaum zum Einsatz kamen.
Die einheitlich starken Grenzzieher*innen berichteten die beste Erholung
Damit deutet die Studie darauf hin, dass für gute Erholung das Zusammenspiel verschiedener Grenzziehungsstrategien wichtig ist. Wer zeitliche, räumliche, kommunikative und technologische Strategien miteinander kombiniert, schafft umfassende Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben und damit bessere Voraussetzungen für die Erholung im Homeoffice.
Ausblick
Interessant ist, dass sich die Gruppen insbesondere in der Anwendung kommunikativer und technologischer Strategien unterscheiden. Eine offene Frage bleibt jedoch, warum manche Personen kommunikative und technologische Strategien weniger nutzen: Nutzen Personen bestimmte die Strategien nicht, weil sie diese nicht benötigen, beispielsweise, weil sie ohnehin nicht außerhalb der Arbeitszeit kontaktiert werden. Oder fällts es ihnen schwer, entsprechende Strategien im Arbeitsalltag umzusetzen?
Außerdem ist zu beachten, dass die Studie keine Aussage über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zulässt. So wäre es beispielsweise ebenfalls denkbar, dass Berufstätigen die Anwendung von Grenzziehungsstrategien besonders schwerfällt, wenn sie schlecht erholt sind. Darüber hinaus können basierend auf der Studie keine Aussagen über die zeitliche Entwicklung der Zusammenhänge getroffen werden. Ist es beispielsweise schon am selben Tag hilfreich für die Erholung, wenn Grenzziehungsstrategien angewendet werden? Oder müssen Grenzziehungsstrategien konsequent über einen längeren Zeitraum eingesetzt werden, um förderlich für die Erholung zu sein? Diesen Fragen sollte die zukünftige Forschung weiter nachgehen.
Fazit und praktische Tipps
Zusammenfassend lässt sich für die Praxis festhalten:
- Grenzen bewusst gestalten: Im Homeoffice können die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen. Um die Erholung in der arbeitsfreien Zeit nicht zu gefährden, kann es deshalb gerade im Homeoffice sinnvoll sein, diese Grenzen aktiv zu gestalten.
- Grenzziehungsstrategien kombinieren: Besonders günstig für die Erholung ist eine Kombination aus zeitlichen, räumlichen, kommunikativen und technologischen Grenzziehungsstrategien.
- Grenzziehung als Teamaufgabe: Gute Grenzziehung ist nicht die alleinige Verantwortung der Beschäftigten. Gerade kommunikative und technologische Grenzen lassen sich auf Teamebene leichter etablieren. Gemeinsame Regeln zur Erreichbarkeit und zum Umgang mit beruflicher Kommunikation außerhalb der Arbeitszeit können dabei unterstützen.







