Unsere Psyche macht nicht vor der Bürotür halt!

Die beiden Wirtschaftspsychologinnen Melanie Faltermeier (MF) und Melanie Meyer-Tischler (MMT) sind Expertinnen für die Aufklärung, Sensibilisierung und Entstigmatisierung psychischer Belastungen im Arbeitskontext – speziell für die Psychische Gefährdungsbeurteilung – und haben gemeinsam das Unternehmen WE ARE MENTAL gegründet. Wirtschaftspsychologie aktuell sprach mit ihnen über psychische Erkrankungen, Work-Life-Balance und wie es Führungskräften gelingen kann, neben der Staff Care auch die Self Care nicht zu vergessen.

1. Sie teilen nicht nur den gleichen Vornamen, Geburtsjahrgang und Heimatort, sondern haben auch unabhängig voneinander Wirtschaftspsychologie studiert. Wann sind Sie beide sich das erste Mal über den Weg gelaufen und wie kamen Sie auf die Idee, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen?

MF: Das erste Mal über den Weg gelaufen sind wir uns bereits an der Realschule. Das ist demnach schon ein paar Jährchen her. (lächelt) Wir hatten damals unterschiedliche Freundeskreise, waren zusammen auf Festen. Kleinstadt eben. Wir würden schon behaupten, dass wir irgendwie Freunde waren, wenn auch nicht offensichtlich aufgrund der unterschiedlichen Freundeskreise.

Nach unserer Mittleren Reife trennten sich unsere Wege, bis wir feststellten, dass wir gemeinsam in München wohnten. Wir hatten immer mal wieder was miteinander zu tun. Waren zusammen unterwegs. Mal mehr, mal weniger. Wie das so mit Anfang/Mitte 20 ist. Wir wussten immer ungefähr, was bei der anderen so los ist, hatten aber nie wirklich den direkten Draht zueinander. Zu unserer Gründung kamen wir hingegen dann ziemlich schnell.

Anfang 2021 fragte mich Melanie Meyer-Tischler, ob ich in ihrer Vorlesung vor den Psychologiestudierenden nicht über meine persönliche Geschichte erzählen möchte. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade noch arbeitssuchend, da ich während der Pandemie meine damalige Erwerbstätigkeit an den Nagel hing. Danach telefonierten wir und wir stellten uns die Frage „Warum haben wir eigentlich noch nie was zusammen gemacht?“. Und – schwups – saß Melanie in meinem Wohnzimmer. Wir philosophierten über unsere Angebote und bauten noch am selben Tag eine Webseite. Übrigens: wir stellten dann auch fest, dass unsere beiden Mütter jeweils Cornelia heißen. So unterschiedlich wir auch sind, die Gemeinsamkeiten sind enorm.

2. Nun führen Sie beide nicht nur ein gemeinsames Unternehmen, sondern sind auch privat befreundet. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie privat oder beruflich einen Konflikt miteinander haben?

MF: Diese Frage hat mich am meisten und nachhaltig beschäftigt, denn obwohl wir die Meisterinnen der Reflexion sind, haben wir uns noch nie wirklich darüber Gedanken gemacht. Wir machen einfach. Es ist vieles so selbstverständlich. Im Prinzip führen wir eine Partnerschaft, eine Beziehung, fast schon eine Ehe. (lächelt) Das geht weit über unsere bisherige Freundschaft hinaus. Wir hören uns am Tag unendliche Male. Wir haben quasi eine Standleitung. Wir wissen schon aus einem Kilometer Entfernung, wenn bei der anderen etwas nicht stimmt. Wir haben uns gesucht und gefunden. Dazu muss ich sagen, sind wir zwei komplett unterschiedliche Persönlichkeiten.

MMT: Ich bin eher die Rationale, die Verkäuferin, die ihre Erfahrung aus jahrelanger Selbstständigkeit, vor allem zum Thema Psychische Gefährdungsbeurteilung und Betriebliche Gesundheitsförderung, miteinbringt und die die Verantwortlichen in Unternehmen abholt.

MF: Ich bin eher die Emotionale, bisschen auch die Rebellin, die ihre Erfahrung aus jahrelangem Angestelltenverhältnis und aus verschiedenen Branchen mit einbringt und die Mitarbeitenden in Unternehmen abholt.

MMT: Wir ergänzen uns hier zwar wirklich perfekt und dennoch birgt dies natürlich Konfliktpotenzial, weil jede durch ihre eigenen Erfahrungen im Arbeitsleben ihre eigene Brille trägt und somit auch unterschiedliche Sichtweisen herrschen. Ein Konflikt bietet für uns auch immer die Chance zur Veränderung bzw. zur Reflektion. Wir würden nicht unbedingt sagen, dass es immer die klassischen Konfliktsituationen sind, sondern eher emotionale Diskussionen. Denn im Grunde wollen wir beide das Gleiche: Erfolgreich das Thema Psychische Gesundheit in Unternehmen etablieren. Und da braucht‘s eben einige Reibungen, um unterschiedlichste Perspektiven zu beleuchten und um schließlich auch zu wachsen. Sowohl persönlich als auch fachlich. Ich glaube, das ist eine unserer Stärken, dass wir unsere Konflikte in konstruktives Lernen umwandeln – wenn sie auch oftmals emotional sind.

Für uns beide ist gemeinsames Unternehmertum in der jetzigen Form neu. Deshalb stand für uns auch fest, dass wir uns immer unabhängige Mentoren und Mentorinnen zur Unterstützung holen. Unser ehemaliger Praktikant stellte uns in einer unserer Podcastfolgen die Gegenfrage, wovor wir Angst hätten. Und die Antwort stand relativ schnell fest: Wir beide haben Angst davor, dass die jeweils andere Person irgendwann plötzlich keine Lust mehr auf WE ARE MENTAL hat und keiner das hat kommen sehen. Diese Angst verbindet uns. Und dennoch arbeiten wir beide jeweils an uns, um Befindlichkeiten zu hinterfragen, um gemeinsam zu wachsen.

Porträtaufnahme von Melanie Tischler-Meyer und Melanie Faltermeier

Melanie Tischler-Meyer und Melanie Faltermeier

3. Frau Faltermeier, Sie wissen aus erster Hand, wie es ist, wenn die eigene Psyche erkrankt. Was haben Sie aus Ihrer Burn-out-Erkrankung im Jahr 2019 gelernt?

MF: Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Ich versuche mich kurz zu halten. Das Leben wird Vorwärts gelebt und Rückwärts verstanden. Leider musste ich erst an den Punkt kommen, um im Nachgang sehr viel zu verstehen. Um auch sehr viel über mich selbst zu lernen. Und ich habe auch festgestellt, in welcher Unternehmenskultur ich arbeiten möchte. Ich lerne ehrlich gesagt sogar noch immer, denn die Entstehung der Erkrankung war bei mir multifaktoriell. Für mich persönlich hat mich die Aufrechterhaltung meiner Sonnenschein-Maske letztlich auch krank gemacht. Es ist unfassbar anstrengend nach außen ein sauberes Bild abzugeben, eben weil das innerhalb der Kultur so erwartet wird, aber nach innen sieht es ganz anders aus.

Ein weiteres Learning: Vor einem Zusammenbruch haben wir doch meist ganz schön viel geleistet. Und plötzlich wird man aufgrund der Stigmatisierung und der Unwissenheit als schwach abgestempelt. Aber ich bin wirklich sehr stolz darauf, dass ich den Weg in die Klinik gewagt und mir Hilfe geholt habe. Fernab jeglicher Scham. Denn ohne diese Hilfe weiß ich nicht, ob ich den Tornado in mir hätte allein bändigen können und ob nicht sogar noch Schlimmeres passiert wäre.

Am Anfang ist es ein langer Prozess, ein Strudel. Der sich dann plötzlich ganz schnell zuspitzen kann. Ich falle noch oft in alte Muster. Was mir beispielsweise erst dieses Jahr so richtig bewusst wurde, ist, welch unfassbar starke Leistung ich während des Genesungsprozesses erbracht habe. Von der tiefen Verzweiflung, den Ohnmachtsgefühlen und der Hilflosigkeit die Kraft aufzuwenden, wieder gesund zu werden. Das macht mich auch ehrfürchtig. Denn was ich da im Stande war zu leisten, ist kein Vergleich zur Leistung in der Erwerbstätigkeit. Und das sollten wir viel mehr sehen und honorieren. Deshalb spreche ich auch offen darüber. Diese langwierige Erfahrung gehört zu mir und meiner Historie. Ich kann das nicht unter den Teppich kehren, denn dieser ganze Schmerz hat mich auch sehr geprägt. Deshalb mache ich auch zusammen mit Melanie das, was wir machen.

Psychische Erkrankungen hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Psychische Erkrankungen kennen kein Alter, kein Geschlecht, keinen Status. Die Frage ist, wie wir als Gesellschaft, als Unternehmen und als Individuum damit umgehen wollen. Und dazu gehört auch, dass wir uns hinterfragen, Denkweisen über Bord werfen, nicht zu schnell bewerten und urteilen, uns informieren, zuhören, versuchen zu verstehen.

4. Wie schaffen Sie beide als Unternehmerinnen, freiberufliche Dozentinnen und ehrenamtlich Engagierte die vielbeschworene Work-Life-Balance?

MF: Ganz ehrlich? Das fragen wir uns manchmal auch. Wie oft wir sagen: “live what you preach” – klappt nur bei uns auch nicht immer. Deshalb auch die Ehrlichkeit: Wir schaffen das nicht immer. Diesen Eindruck zu vermitteln, wäre unseres Erachtens auch falsch. Denn das schürt wiederum nur den Druck der Selbstoptimierung. Betrachten wir das Jahr 2022, ist so unendlich viel passiert, dass viele Menschen in unserem Umfeld auch oft sagen: „Hey, was ihr alles macht und bisher geschafft habt.“ Das ist richtig. Das vermittelt den Eindruck als würden wir 24/7 arbeiten. Dennoch möchten wir beide nicht in diese Sichtweise des „Startups müssen 24/7 arbeiten“ reinfallen.

MMT: Und doch passiert uns das häufig. Vielleicht keine 24/7, schon aber mal zwölf Stunden. Das ist für eine kurze Zeit auch in Ordnung, nur nicht auf Dauer. Und das „auf Dauer“ versuchen wir auch so gut es geht abzufedern – indem wir miteinander sprechen, jede sich Auszeiten nimmt und die Freitage größtenteils ohne Termine geplant werden. Wir sind einfach keine Maschinen. Auch, wenn uns das gerne durch die (Leistungs-)Gesellschaft vermittelt wird.

5. Welche Tipps können Sie aus Ihrer Erfahrung heraus stark eingespannten Führungskräften geben, um für ausreichend Ausgleich und Erholung zu sorgen?

MF: Führungskräfte haben ja eine besondere Rolle. Sozusagen eine Sandwichposition nach oben und unten. Sie müssen Staff Care betreiben – also für ihr Team und das Management sorgen bzw. die Anforderungen und Erwartungen beider Parteien zufriedenstellen, soweit ihnen das mit den gegebenen Mittel möglich ist. Und Self Care betreiben – also für sich selbst gut sorgen. Das erfordert in unseren Augen viel Bewusstheit. Nun klingt „stark eingespannt“ schon nach ganz viel Stress und Druck. Zumindest in meiner Interpretation in diesem Kontext betrachtet. Für jemand anderes kann das die größte Erfüllung sein.

MMT: Allerdings ist das mit den Tipps nun so eine Sache. Denn für eine nachhaltige Verhaltensänderung braucht es mehr als Tipps. In der Gesundheitspsychologie, die wir an einer Hochschule unterrichten, gibt es verschiedene Modelle hierzu. Am Ende kommen wir immer wieder an ähnliche Punkte bzw. Perspektiven und Fragestellungen, die nicht zuletzt sehr individuell beantwortet werden müssen:

  • Warum bin ich überhaupt so stark eingespannt?
  • Gibt es Möglichkeiten das zu verändern? 
  • Wo liegen aktuell die Prioritäten?
  • Kann ich mit meiner Führungskraft/mit dem Management die Themen priorisieren?
  • Wer bin ich ohne meine Arbeit? Welche Ressourcen habe ich?
  • Wie sehen die Arbeitsbedingungen aus?
  • Kann ich meinem Team vorleben, für ausreichend Ausgleich und Erholung zu sorgen?
  • Kenne ich meine Frühwarnsymptome? Wie kann ich sie erkennen?
  • Wie kann ich dazu beitragen, für mich selbst gut zu sorgen?

MMT: Grundsätzlich gilt hier, dass sich Führungskräfte nicht nur im Arbeitskontext reflektieren, sondern auch im Privatleben. Letztlich hat Psyche Einfluss auf unsere Arbeit und Arbeit Einfluss auf unsere Psyche. 

MF: Wir alle haben eine Verantwortung. Uns selbst gegenüber. Und auch wir als Gesellschaft. 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Wir sprachen mit:

Die Wirtschaftspsychologinnen Melanie Faltermeier (B.A.) & Melanie Meyer-Tischler (M.A.) haben gemeinsam das Unternehmen WE ARE MENTAL gegründet und schaffen deutschlandweit nachhaltig gesundheitsförderliche Unternehmen, indem alle Menschen und Strukturen im Unternehmen berücksichtigt werden. Sie sind Expertinnen für die Aufklärung, Sensibilisierung und Entstigmatisierung psychischer Gesundheit im Arbeitskontext – sowie für die Durchführung der gesetzlich verpflichtenden Psychischen Gefährdungsbeurteilung.

Beide schreiben auch für die Wirtschaftspsychologie aktuell (zum Autorinnenprofil).

---

Ihnen hat der Artikel gefallen und Sie möchten keinen weiteren Beitrag verpassen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!