Wie man auch unter Stress klug entscheidet

Viele Ratgeber befürworten es, bei Entscheidungen auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Emotionen sind als Ratgeber für die Entscheidungsfindung jedoch schlechter geeignet als ihr Ruf es vermuten lässt. Für gute Entscheidungen braucht es in den meisten Fällen analytisches Denken. Unser roter Faden hilft Ihnen dabei, auch in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren und klug zu entscheiden.

 

Emotionen sind evolutionär alte Priorisierungssysteme für Standardsituationen und wirken stark auf unser Erleben und Verhalten. Stellen Sie sich vor: Sie präsentieren vor dem Personalvorstand des Unternehmens ein neues Konzept zum Active Sourcing von Schlüsselpersonal. Ihre ursprüngliche Präsentation war ausgewogen gehalten, die Vorteile und Nachteile von Active Sourcing waren ausführlich dargestellt. Ihre direkte Führungskraft, die bei der Präsentation vor dem Personalverstand dabei ist, bestand im Vorfeld energisch darauf, dass Sie ausschließlich die Vorteile von Active Sourcing darstellen. Es war Ihrer direkten Führungskraft sehr wichtig, auf jeden Fall ein Projekt beim Personalvorstand zu Active Sourcing durchzusetzen. Am Ende Ihrer Präsentation zog der Personalvorstand eine Augenbraue hoch und fragte mit leichtem Ärger in der Stimme, warum Sie die Präsentation so einseitig gehalten hätten. Er erwarte von seinem Mitarbeiter eine analytische Durchdringung eines Themas und eine ausgewogene Darstellung. „Genau!“ blaffte Sie Ihre direkte Führungskraft an. Und weiter: „Wie konnten Sie das nur übersehen?“. Sie sind kurz davor in die Luft zu gehen.
 

Unser Tipp ist: Halten Sie inne, lassen Sie die Emotionen abklingen, denken Sie und entscheiden Sie erst dann, was Sie tun werden. Leider schaffen das viele Menschen in solchen Momenten nicht. Emotionen drängen einen zum Handeln, im Falle von Wut zu Angriff. Man will der eigenen Führungskraft so richtig die Meinung sagen und das am besten sofort und unter den Augen des Personalvorstands. Unter starkem Emotionsfluss werden kognitive Prozesse unterbrochen und man will handeln.

Emotionen führen oft zu Fehlentscheidungen

Emotionen ermöglichen schnelle und grobe Einordnungen aber mehr nicht. Deshalb sollte man unter starkem Stress, der mit Wut und auch mit Angst einhergeht, erst einmal die Emotion abklingen lassen, damit man wieder richtig denken kann. Unserer Erfahrung nach wird die Leistungsfähigkeit von Emotionen dem Zeitgeist folgend überschätzt. Manche Ratgeber suggerieren etwas anderes, weil viele Menschen das gerne lesen und weil es bequem ist: Man hört auf den eigenen Bauch, denkt angeblich sogar mit dem eigenen Bauch und überhaupt lebt man total glücklich, wenn man immer und überall auf die eigenen Emotionen hört. Glauben Sie das? Wir nicht.

Emotionen sind Standardprogramme, die für evolutionär früher wichtige Situationen entwickelt wurden (Wut – Kampf, Angst – Flucht), die zu vielen heutigen Herausforderungen nicht mehr so recht passen. Klar, noch immer gibt es Situationen, in denen man fliehen muss, beispielsweise in der Nacht, wenn man hört, wie einem jemand mit schnellem Schritt von der Straßenbahn nach Hause folgt. Das ist aber die Ausnahme und nicht die Regel. Wir müssen in den meisten Situationen nachdenken, um klug zu entscheiden: Wie gehe ich mit einer Kollegin um, die mich schneidet? Könnte sich das zu Mobbing entwickeln? Oder: Wie verhalte ich mich in meiner Beziehung, wenn mich ein Kollege oder eine Kollegin in Besprechungen immer wieder vor den anderen Teammitgliedern abwertet? In solchen Situationen erleben wir starke Emotionen, was uns einer Problemlösung und einer klugen Entscheidung aber nicht näher bringt.

Kletterin hängt an einem Berg.

Personen, die in Extremsituationen entscheiden müssen, liefern gute Anhaltspunkte für Entscheidungen in anderen Bereichen. (Foto: Soloviova Liudmyla – AdobeStock)

Unter starkem Stress braucht man eine Hilfe – einen roten Faden

Wir schlagen ein strukturiertes Vorgehen vor (roter Faden). Unser roter Faden gibt Orientierung, wenn man unter starken Emotionen steht und lässt zugleich ausreichend Spielraum, sich dabei auf die jeweilige Situation einzustellen. Checklisten sind unserer Einschätzung nach zu starr und ganz ohne Hilfe schaffen es viele Menschen nicht, die Emotionen abklingen zu lassen und das Gehirn wieder anzuschalten.

Unser roter Faden basiert auf Interviews mit Menschen, die in Extremsituationen entscheiden mussten, darunter Menschen, die in Krisenregionen arbeiten, Angehörige von Spezialeinheiten, Extrembergsteiger, Führungskräften. Die Interviews dauerten im Durchschnitt einen guten halben Tag. Insgesamt haben wir 40 Entscheidungen in kritischen Situationen erfasst und analysiert, darunter waren kluge Entscheidungen und Fehlentscheidungen. Menschen, denen es gelang, auch unter widrigen Umständen klug zu entscheiden, ließen sich nicht von eigenen Emotionen überwältigen, zwangen sich zu analytischem Denken und kategorisierten Informationen nach deren Qualität.

Denken ist anstrengend, hilft aber.

An der im Folgenden vorgestellten Struktur kann man sich vor und während schwieriger Entscheidungen orientieren. Das ist besonders wichtig unter starkem Stress, weil die kognitive Leistungsfähigkeit umso schlechter ist, je stärker Stress ist. Deshalb braucht man ein Hilfsmittel, um sich nicht von starken Emotionen beirren zu lassen und um keinen wichtigen analytischen Schritt zu vergessen. Selbst unter starkem Zeitdruck sollte man folgende Schritte einhalten:

  • Unterscheidung von Fakten, Wahrnehmungen und Hypothesen;
  • Kernproblem herausarbeiten;
  • am Notwendigen orientieren und nicht am Machbaren oder gar am Wünschenswerten;
  • Alternativhypothesen entwickeln und überprüfen;
  • Gesamtsituation im Blick halten und keine isolierten Ad-hoc-Entscheidungen treffen;
  • Wirksamkeit eigener Entscheidung prüfen.
     

Was verstehen wir unter Fakten, Wahrnehmungen und Hypothesen? Fakten sind Informationen von hoher Qualität, Wahrnehmungen sind Informationen mit unsicherer Qualität und Hypothesen sind begründete Vermutungen (keine Informationen). Idealerweise entscheiden Sie auf Basis von Fakten. Leider geht das in vielen Fällen nicht. Wenn wichtige Informationen fehlen oder wenn Informationen eine geringe Qualität haben, muss man Lücken mit Hypothesen schließen. Das sollte man bewusst tun und immer mit Alternativhypothesen arbeiten. Unter starkem Emotionseinfluss neigen Menschen dazu, sich zu verengen, beispielsweise: Ich habe recht, weil ich wütend bin. In solchen Fällen ziehen viele Menschen Alternativhypothesen gar nicht erst in Betracht.

Fazit

Unter starkem Emotionseinfluss muss man sich zum Denken zwingen. Dabei hilft der von uns entwickelte rote Faden.
 

Zum Weiterlesen [Werbung]:
Seibold, S. & Horn, A. (2021). Emotion und Fehlentscheidung. Heidelberg: Springer Verlag.