Konzipierung neuer Arbeitswelten aus architekturpsychologischer Sicht

Mit dem Wissen der Architekturpsychologie können wir nicht nur Räume gestalten, sondern auch die menschliche Psyche - wie z. B. die Zufriedenheit von Mitarbeitenden - beeinflussen. Nachdem sich Wirtschafts- und Architekturpsychologin Sandra Gauer in ihrem vorherigen Artikel mit der Bürokonzeption auf übergeordneter Ebene befasste, geht es in diesem Beitrag um konkretere Aspekte in der Gestaltung neuer Arbeitswelten.

Coole Welten – gestylte Layouts – Happy Office

Wenn es so einfach wäre, Arbeitswelten durch durchdesignte Layouts in coolen Bürostrukturen zum Effizienzbooster zu machen und auch gleichzeitig zu bewirken, dass alle glücklich sind, dann würden wir wohl den Jackpot geknackt haben. Aber die Realität sieht anders aus:  In den letzten Jahren haben Erkrankungen wie Burnout, Erschöpfungszustände und Depressionen erheblich zugenommen. Die Digitalisierung ist mit enormer Geschwindigkeit vorangeschritten. Der Anspruch auf Flexibilität an Raum und Mensch hat sich vervielfacht, hybrides Arbeiten ist mittlerweile ein fixer Bestandteil. Alles hat sich mit rasanter Geschwindigkeit weiterentwickelt. Das Leistungsniveau ist aber nicht exponentiell gestiegen. Da stellt sich die Frage: Was hat denn nun Einfluss auf unser Leistungs- und Wohlfühlniveau?

Architektur und die Auswirkung auf die Arbeitspsychologie: Ein Einblick

Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass die Zufriedenheit mithilfe der Architektur beeinflusst werden kann (Renata Metaj, 2019). Soweit so gut – aber vor allem das Mitspracherecht in der Gestaltung des Arbeitsplatzes hat eine positive Wirkung, während fixe Vorgaben einen negativen Einfluss auf die Zufriedenheit haben.

Je mehr Flexibilität bei der Wahl zwischen fixem Arbeitsplatz und mobilen Möglichkeiten gewährleistet wird, umso höher ist auch die Zufriedenheit. Auch die Motivation kann dadurch positiv beeinflusst werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass eine Balance zwischen den Bedürfnissen der Mitarbeitenden und Unternehmensmöglichkeiten gefunden wird. Es braucht bei beiden Seiten eine „positive Bilanz“, um gewinnbringend und nachhaltig umgesetzt zu werden.

Architektonische und psychologische Erfolgsfaktoren

Unsere über die Jahre gesteigerte Affinität zu coolem, modernem und innovativem Bürodesign hat uns ein wenig verblendet, was unsere menschlichen Grundbedürfnisse angeht. Wir haben unsere eigenen Motivatoren zugunsten von Designerlebnissen eingetauscht. Es ist ja auch einfacher und sichtbarer. Das Spannende ist, dass gar nicht das klassische Bürodesign den Ausschlag gibt, sondern viel mehr die psychologischen Motivatoren und Hygienefaktoren. Dies habe ich in meiner jahrelangen Erfahrung in Kund:innenprojekten deutlich erfahren, und mittlerweile hat die Wissenschaft diese Erkenntnisse bestätigt (Herzberg, 1991). Folgende Faktoren sind es, die wir im Büro brauchen, um effizient zu arbeiten und uns wohlzufühlen.

Ein offener, heller Büroraum mit Tischen und Schreibtischen, einer gemütlichen Sitzecke und vielen Pflanzen.

Eine helle, freundliche Arbeitsumgebung, gute Zonierungen und Pflanzen tragen zu einer motivierenden, stressreduzierenden Arbeitsatmosphäre bei (Foto: Victor zastol'skiy - stock.adobe.com)

Räume gestalten: Arbeitsplatz- und architektonische Faktoren

Es hat sich eindeutig herauskristallisiert, dass Menschen am liebsten bei einem Fenster mit guter Aussicht sitzen. Menschen haben dieses Bedürfnis intuitiv und folgen damit ihrem inneren Stress-Coping-Mechanismus. Ein weiteres starkes Bedürfnis besteht nach frischer Luft, was beispielsweise in sogenannten Minergie-Gebäuden, in denen keine Fenster mehr geöffnet werden müssen, ein nicht unerhebliches Thema ist. Hier stehen menschliche Bedürfnisse im Gegensatz zu effizienter Gebäudetechnik. Zudem sind helle und freundliche Arbeitsumgebungen wichtig, die sie stimulieren und positiv aufladen. Helle Raumstrukturen sind wie Vitamin D für Bürosettings. Gleichzeitig ist es Menschen wichtig, nicht zu beengt zu sitzen, um eine gewisse Privatsphäre aufbauen zu können. Mit guten Zonierungen ist dies auch ohne Weiteres umsetzbar. Wichtig ist hier die Möglichkeit, auf persönliche und teamspezifische Bedürfnisse einzugehen.

Weiters haben gute Zonierungen den Vorteil, dass sie Flächen optisch und akustisch sehr gut unterteilen, das Ambiente fördern und die Büroflächen attraktiver machen. Ambiente ist ein wesentlicher Faktor auf der Bedürfnisskala der Mitarbeitenden. Es muss kein Design-Wettbewerb gewonnen werden, sondern das Ambiente muss der Kommunikationskultur und der Arbeitsweise des Teams entsprechen. Farbliche Gestaltung, welche ein Bedürfnis der Mitarbeitenden ist, trägt einen wesentlichen Teil zum Wohlfühlen und zur Konzentration bei. Wichtig ist hier, dass farbpsychologische Komponenten berücksichtigt werden.

Kalte Farben haben zum Beispiel einen hohen Blauanteil, wie beispielsweise Violett und einige Grüntöne, und wirken außerdem beruhigend. Kühle Farbtöne werden mit mehr Entspannung assoziiert und sind insgesamt viel beliebter als warme Farbtöne. Blau ist in fast jeder Hinsicht ein Gegenstück zu Rot. Es senkt den Blutdruck, regt die Kreativität an und wirkt beruhigend. Blau ist eine beliebte Farbe für traditionelle Restaurants, weil es die Kunden entspannt und zum Verweilen anregt, so dass sie eher bereit sind, ihre Bestellung zu ergänzen. Im Gegensatz zu Rot lässt Blau die Gegenstände leichter erscheinen und die Zeit schneller vergehen (Rider, 2010).

Auch Pflanzen tragen zur Stressreduktion von Mitarbeitenden und zum Raumklima bei. Das Spannende ist, dass auch Bilder mit Pflanzen oder wie oben erwähnt die Aussicht von einem Bürofenster aktiv zu einem guten inneren Klima beitragen.

Aber Achtung, die psychologische Wirkung von Grün ist je nach Farbton sehr unterschiedlich. Es ist eine fröhliche Farbe und wird in erster Linie mit der Natur, Bäumen und der Vegetation assoziiert, was ihr oft eine entspannende Wirkung verleiht. Dunkelgrün steht für Wohlstand und Status, Erbsengrün jedoch wird mit Übelkeit assoziiert.

Fazit

Es ist spielentscheidend, dass die verschiedenen Persönlichkeiten von Menschen und die Kultur von Unternehmen in das Workplace-Design einfließen und als großes Ganzes betrachtet werden. Meine langjährige Praxiserfahrung sowie wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen deutlich, dass Menschen vor allem Menschen brauchen und das Büro mit dem erarbeiteten Workplace-Design sie primär unterstützt, nicht umgekehrt.

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