Bullshit in Organisationen lässt sich messen

Wer Bullshit verbreitet, entleert Sprache von Sinn, um damit eine Agenda voranzutreiben. Stilbildend war dafür der ehemalige US-Präsident Trump. Aber auch deutsche Unternehmen verstehen sich auf irreführende Kommunikation, etwa mit Management-Jargon oder Sprechblasen, die soziales Engagement vortäuschen. Wie stark belastet solcher Bockmist die Beschäftigten? Eine aktuelle Studie fragte nach.

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump wird von seinen zahlreichen Gegnern oft und gern als Lügner bezeichnet. Obgleich Trump vor, während und nach seiner Amtszeit nachweislich viele Lügen von sich gegeben hat, sind die Autoren dieses Beitrags davon überzeugt, dass das Lügen nicht den Wesenskern seiner Kommunikation ausmacht. Stattdessen postulieren wir, dass Trump der – nach objektiven Maßstäben durchaus erfolgreiche – Prototyp eines „Bullshit-Artist“ ist. Ergo: Viele seiner kommunikativen Akte sind einer eigenen Klasse von Aussagen zuzuordnen, die keine Lügen im originären Sinne sind, sondern gemäß der Definition des US-amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt in die Sphäre des Bullshits gehören, auf Deutsch manchmal auch „Bockmist“ genannt. Doch was unterscheidet den Akt des Bullshittens vom Akt des Lügens?

Hauptsache, man kommt damit durch

Zunächst könnten wir Menschen betrachten, die eine irrige Behauptung von sich geben. Sie sind möglicherweise davon überzeugt, die Wahrheit zu sagen, wissen es aber schlicht nicht besser. Sie haben somit einen Bezug zur Wahrheit, reden aber an ihr vorbei. Gemäß Frankfurt zeichnet sich der Kern von Bullshit-Kommunikation dadurch aus, dass sich der Akteur weder positiv noch negativ zur Wahrheit positioniert, sondern jenseits der Wahrheit agiert – sprich: Sie spielt einfach keine Rolle. Das primäre Ziel des Bullshitters ist es, mit dem Gesagten durchzukommen, in aller Regel in der Absicht, die eigene Agenda voranzutreiben.

In gesellschaftlicher Hinsicht ist Bullshit(ten) artverwandt mit Konzepten, die ebenfalls rund um den politischen Aufstieg von Trump zunehmend intensiv diskutiert wurden. Zugehörige Begrifflichkeiten sind beispielweise „post-truth“, „truthiness“ oder die sogenannten „alternativen Fakten“. Manche Forschende argumentieren jedoch, dass Bullshit beziehungsweise der Akt des Bullshittens nicht nur in der politischen Sphäre eine Rolle spielt, sondern mittlerweile auch den Wesenskern vieler kommunikativer Akte in Unternehmen repräsentiert.

Bullshit in Organisationen

In Organisationen sind beispielsweise Neologismen wie „Greenwashing“ und „Pinkwashing“ zu nennen, d. h. das kommunikative Vortäuschen von Bemühungen beim Umweltschutz oder beim Support von LGBT+-Personen. Ebenso wird nahegelegt, dass kommunikative Akte im Kontext von Unternehmensstrategien, -werten und -Purpose-Statements häufig ins Reich der Bullshit-Kommunikation gehören. Organisationsforscher wie Andre Spicer (2020) gehen davon aus, dass ein Übermaß an Bullshit in Unternehmen – sowohl bei der internen als auch externen Kommunikation - langfristig nachteilige Konsequenzen für die Mitarbeiter:innen bewirkt und letztlich auch dem unternehmerischen Erfolg schadet.

Angesichts der potenziell schädlichen Spätfolgen von Bullshit-Kommunikation hat sich ein Forscherteam um Caitlin Ferreira (2022) von der Universität Kapstadt darangemacht, den Level an Bullshit-Kommunikation innerhalb von Organisationen messbar zu machen. Es entwickelte dafür einen englischen Fragebogen (Organizational Bullshit Perception Scale), der auf Basis theoretischer Vorüberlegungen drei unterschiedliche Arten von Bullshit-Kommunikation in Organisationen erfasst:

  • Entkopplung von der Wahrheit in der Kommunikation allgemein: In der Organisation ist es akzeptiert, Entscheidungen auch in Abwesenheit von schlüssigen Daten und Argumenten zu treffen, sondern es braucht lediglich starke persönliche Überzeugungen.
  • Bullshit-Kommunikation von Menschen mit Hochstatus: Kommen Menschen innerhalb der Organisation mit ihren Ansichten einfach deswegen durch, weil sie hierarchisch höhergestellt sind?
  • Exzessive Nutzung von Jargon: Neigt das Unternehmen dazu, exzessiv auf Abkürzungen, Akronyme und anderen Management-Sprech zurückzugreifen, der die Ziele kommunikativer Akte in aller Regel mehr verschleiert denn erhellt.
     

Befragung von Arbeitnehmer:innen

Alexander Elia hat die von Ferreira et al. (2022) vorgelegte englische Skala für seine Masterarbeit mittels gängiger Verfahren ins Deutsche übersetzt und anschließend einer Stichprobe von 652 Arbeitnehmer:innen vorgelegt. Um nicht nur den Bullshit-Level, sondern auch einige relevante Korrelate erfassen zu können, enthielt der Fragebogen zusätzlich etablierte Konstrukte zur Messung des Arbeitsengagements sowie der sogenannten Irritation. Psychische Irritation kann als eine Form der arbeitsbezogenen Belastung gedeutet werden, in hohem Ausmaß wird sie als Vorstufe des Burn-out-Syndroms gehandelt.

Im Ergebnis zeigen sich jeweils hochsignifikante Korrelationen zwischen dem Gesamt-Bullshit-Wert und dem Arbeitsengagement wie auch der Irritation in erwarteter Richtung. Übersetzt man diese Korrelationen in einen Extremwert-Gruppenvergleich, dann ergibt sich folgendes Bild:

Die Abbildung zeigt ein Balken-Diagramm, das darstellt, dass bei zunehmender Bullshit-Kommunikation das Engagement sinkt und die Irritation steigt

Extremgruppenvergleich nach Bullshit-Level für Engagement und Irritation (Abbildung: Rose/Elia)

Es wird deutlich, dass ein hohes Niveau an (wahrgenommenem) Bullshit mit wenig wünschenswerten Phänomenen einhergeht. So steht zu vermuten, dass ein Übermaß an Bullshit-Kommunikation in Unternehmen auf Dauer das Arbeitsengagement senken und zumindest indirekt psychischen Krankheiten Vorschub leisten könnte.

Fazit

Ein Unternehmen lässt sich als ein niemals endender Strom von interner und externer Kommunikation beschreiben. Unsere Untersuchung legt den Schluss nahe, dass es keinesfalls egal ist, von welcher Qualität diese kommunikativen Akte sind. Zwar ist es denkbar, auch in nützlicher Absicht zu bullshitten, doch legen unsere Daten nahe, dass ein Übermaß an Bullshit in der Organisation tunlichst zu vermeiden ist.

Literaturliste zum Download

Zum Weiterlesen:

Bestellhinweis auf Ausgabe 2/2022 der Wirtschaftspsychologie aktuell, die den ungekürzten Artikel enthält.