Wie das Impostor-Selbstkonzept die Karriere beeinflusst

Personen mit dem Impostor-Selbstkonzept haben Schwierigkeiten, sich ihre beruflichen Erfolge selbst zuzuschreiben und haben das Gefühl, andere über ihre Fähigkeiten zu täuschen und fühlen sich als Hochstapler*innen. Da dies verschiedene Folgen auf die Karriereentwicklung und das Arbeitsleben hat, lohnt es sich, das Phänomen zu kennen und ihm entgegenzusteuern.

Das Impostor-Selbstkonzept (auch bekannt als „Impostor-Phänomen“ oder „Hochstapler-Syndrom“) beschreibt ein innerpsychisches Phänomen bei beruflich erfolgreichen Personen, die sich selbst als unzulänglich erleben und nicht an ihre eigenen Fähigkeiten glauben, obwohl sie aufgrund ihrer beruflichen oder auch akademischen Erfolge und Qualifikationen objektiv als kompetent eingeschätzt werden (Clance & Imes, 1978).

Tiefstapler*innen, die sich wie Hochstapler*innen fühlen

Erfolg hat bei solchen Personen keine positive Auswirkung auf den Selbstwert (Schütz & Schröder, 2005). Merkmale wie Anerkennung, Macht und Status, die mit Erfolg einhergehen, steigern nicht das Zutrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, sondern lösen das Gefühl aus, andere hinsichtlich der eigenen Kompetenz zu täuschen. Die positive Einschätzung von anderen und die damit einhergehende Erwartung, auch künftig erfolgreich zu sein, ist Betroffenen dabei durchaus bewusst, was den Leistungsdruck und die Versagensängste zusätzlich erhöht.

Durch die Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbsteinschätzung befürchten Personen mit Impostor-Selbstkonzept eines Tages als Schwindler*in bzw. Hochstapler*in entlarvt zu werden, sobald sie an einer Aufgabe scheitern und ihre Umwelt die vermeintliche Inkompetenz erkennen könnte (vgl. Langford & Clance, 1993; Leary at al., 2000). Dieser wahrgenommene Betrug prägte den Begriff des „Hochstapler-Phänomens“ (engl. impostor phenomenon), wenngleich es sich bei solchen Personen tatsächlich vielmehr um Tief- als um Hochstapler*innen handelt.

Perfektionismus und Prokrastination prägen das Phänomen

Dass es sich im beruflichen Kontext lohnt, das Impostor-Selbstkonzept zu kennen, ergibt sich aus der weiten Verbreitung des Phänomens, insbesondere auch unter Leistungsträger*innen und Führungskräften sowie aus den mittel- und langfristigen Folgen. Leistungsanforderungen werden nicht als Herausforderung betrachtet, deren Bewältigung voraussichtlich Belohnung verspricht, sondern als Gefahr des potenziellen Scheiterns. Um dies zu vermeiden, neigen Personen mit Impostor-Selbstkonzept zu einer akribischen, übergründlichen Vorbereitung (Perfektionismus) oder aber sie schieben Aufgaben bis zum letzten Moment auf, um sich dann unter extremem Zeitdruck völlig zu verausgaben (Prokrastination).

Maladaptive Bewältigungsstrategien erzeugen Teufelskreis

Beide Strategien dienen dem Schutz des Selbstwerts: durch eine perfektionistische Herangehensweise wird die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns minimiert oder ein mögliches Versagen kann durch das Aufschieben bis zum letzten Moment der knappen Vorbereitungszeit zugerechnet werden. Gleichzeitig führen diese Strategien dazu, dass der Erfolg nicht den eigenen Fähigkeiten zugesprochen wird, sondern im Falle der Übervorbereitung auf die hohe Anstrengung und im Falle des Aufschiebens auf glückliche äußere Umstände. Subjektiv wird die erfolgreiche Leistung als „Betrug“ erlebt und die Befürchtung verstärkt, den Erfolg künftig nicht wiederholen zu können. Daraus resultiert ein sich selbst stabilisierender und intensivierender Teufelskreis. Die maladaptiven Bewältigungsstrategien und die fehlende Internalisierung des Erfolges wirken sich ungünstig auf das psychische Wohlbefinden aus und gehen mit einem erhöhten Stresserleben einher, woraus längerfristig auch Folgen für die berufliche Performanz und das leistungsbezogene Verhalten resultieren können.

Auswirkungen auf Karriereentwicklung

Aufgrund der dargestellten Befürchtungen vermeiden Personen mit Impostor-Selbstkonzept Aufgaben, die ein höheres Risiko des Scheiterns mit sich bringen könnten, wie beispielsweise neue oder besonders herausfordernde Tätigkeiten (Neureiter & Traut-Mattausch, 2017) und verharren in Positionen, die unterhalb ihres Leistungsniveaus liegen (Klinkhammer & Saul-Soprun, 2009). Ferner liegen Hinweise dafür vor, dass das Impostor-Selbstkonzept insofern auch im Kontext von Diversität eine Rolle spielt, da Impostor-Gefühle verstärkt in unbekannten Situationen auftreten, beispielsweise beim Eintritt in ein neues Arbeitsverhältnis oder durch das Einnehmen einer Minderheitenposition, etwa als einzige Frau in einer Führungsriege (vgl. Bernard et al., 2017).

Können Impostor-Gefühle überwunden oder zumindest Bewältigungsstrategien im Umgang mit den verbundenen Einstellungen und Verhaltensweisen etabliert werden, sind daher positive Wirkungen auf die Gesundheit und die Belastbarkeit anzunehmen ebenso wie positive Wirkung auf die Karriereentwicklung von grundsätzlich sehr leistungsstarken Personen.

Die maladaptiven Bewältigungsstrategien von Personen mit Impostor-Selbstkonzept wirken sich auf die berufliche Performanz aus. (Foto: Nataliya Vaitkevich - Pexels.com)

Aufklärung ist wichtig, um gegenzusteuern

Ein erster und sehr wichtiger Schritt, um dem Impostor-Selbstkonzept gegenzusteuern, ist die Erkenntnis, dass es dieses Phänomen gibt. Das Wissen darum, mit den hiermit verbundenen Selbstzweifeln und Befürchtungen nicht allein zu sein und diese benennen zu können, kann betroffenen Personen bereits helfen und maladaptiven Bewertungsschemata und Bewältigungsstrategien entgegenwirken (Rohrmann, 2018). Insofern kann es bereits hilfreich sein, im Rahmen von Personalentwicklungsmaßnahmen zu erfassen, inwiefern berufliche Erfolge den eigenen Kompetenzen zugeschrieben und internalisiert werden, um gegebenenfalls Impostor-Gefühle zu identifizieren und dabei zu unterstützen, diese einzuordnen.

Coaching hilft, eingefahrene Muster zu durchbrechen

Da es sich überwiegend um etablierte, eingeschliffene Überzeugungen und Verhaltensweisen handelt, ist nur das Wissen um das Impostor-Phänomen in vielen Fällen nicht ausreichend und es bedarf einer intensiveren Auseinandersetzung, um die damit verbundenen Einstellungen und Verhaltensweisen zu überwinden. In einer Untersuchung von Zanchetta und Kolleg*innen (2020) zeigte sich insofern Coaching als eine wirksame Intervention zur nachhaltigen Reduzierung des Impostor-Selbstkonzepts. Das Coaching erhöhte die Selbstwertstärkung und die Selbstwirksamkeit und verringerte die Tendenz, Fehler zu vertuschen sowie die Angst vor einer negativen Bewertung.

Als relevante Aspekte einer solchen Intervention stellten sich neben der Aufklärung bzw. Psychoedukation u. a. die Analyse der eigenen Persönlichkeit, die Feststellung der eigenen Kompetenzen, die Biografie-Arbeit sowie die Auseinandersetzung mit unterstützenden sozialen Beziehungen und beruflichen Netzwerken als hilfreiche Elemente heraus (Traut-Mattausch & Zanchetta, 2018).

Fazit

Zusammengefasst ist festzuhalten, dass bei Personen mit Impostor-Selbstkonzept Erfolg nicht internalisiert wird und sogar Stress auslöst, weil mit jedem Erfolg das Gefühl wächst, dass die Erwartungen anderer steigen und mit zunehmendem Erfolg auch die Angst vor einer vermeintlichen Demaskierung zunimmt. Daraus resultiert eine hohe Beanspruchung und Belastung und das Impostor-Selbstkonzept kann die persönliche Entwicklung und die akademische Laufbahn negativ beeinflussen. Daher empfehlen sich Interventionen zur Reduktion von Impostor-Gefühlen, beispielsweise durch Coaching.