So reduzieren Unternehmen pandemiebedingte Stress-Faktoren

In der Corona-Krise droht nicht nur Gefahr durch ein neuartiges Virus, auch private Sorgen und beruflicher Stress treiben viele Beschäftigte an ihre Grenzen. Das in diesem Artikel vorgestellte Rahmenprogramm hilft Unternehmen dabei, gegen kontraproduktive pandemiebezogene Stressoren vorzugehen – auf individueller, Team- und Organisationsebene. Denn ein modernes Unternehmen kann nur ganzheitlich gesund werden, wenn seine Mitarbeitenden an erster Stelle stehen.

COVID-19 betrifft nicht nur die Gesundheit und Wirtschaft, sondern auch die Arbeit in erheblichem Maße: Neue Arbeitsweisen müssen schnell erlernt werden, geschlossene Schulen gefährden die Work-Life-Balance von Eltern und Ungewissheit und Ängste nähren Sorgen und Stress.

Der Umgang mit Stressoren – das Rahmenprogramm

Damit Unternehmen effektiv auf pandemiebezogene Stressoren reagieren können, haben wir von Gauer Consulting ein theoretisch fundiertes Rahmenprogramm entwickelt, das ein effizientes Instrument für die Praxis zur Verfügung stellt.

Unser Rahmenprogramm nimmt passend zur sogenannten "Transaktionalen Stresstheorie" (Lazarus & Folkman, 1984) einen zweistufigen Bewertungsprozess an: Mitarbeitende bewerten zuerst, ob eine Situation für sie persönlich als schädlicher Stressor oder als entwicklungsfördernde Herausforderung interpretiert werden muss. In einer zweiten Bewertung bestimmen sie, ob ihre Ressourcen zur Bewältigung der Situation ausreichen. Falls ja, besitzt die Situation das Potenzial, das persönliche Wachstum anzuregen und die persönliche und organisationale Gesundheit zu unterstützen. Falls nicht, sind Stress und negative Effekte auf die Leistung und Gesundheit wahrscheinlich.

Konkrete Handlungsschritte für Unternehmen

Damit im Zuge der beschriebenen Bewertungsprozesse Stressoren eher als Herausforderung erlebt und die eigenen Ressourcen als ausreichend wahrgenommen werden, gibt es diverse Interventionsmöglichkeiten: Änderungen in der Kategorie "Technologie und Raum"; Maßnahmen, die das Unternehmen umsetzen kann (Meso-Level); und Lösungen, die Führungspersonen betreffen (Mikro-Level).

1. Änderungen in der Kategorie "Technologie und Raum"

Der Fokus dieser Änderungen liegt auf technischen, räumlichen und grundstückbezogenen Lösungen, die den bedürfnisangepassten Arbeitsplatz als Basis effizienter Arbeit repräsentieren.

  • Ausstattung: Ob im Homeoffice oder im Büro, die richtige Hard- und Software sollten vorhanden sein. Auch Kommunikation spielt eine wichtige Rolle, weshalb zeitraubende Mails durch kurze Telefonate und Chatnachrichten ersetzt werden sollten.
  • Multispace-Konzept: Das Multispace-Konzept umfasst Einzel- und Gruppenbüros, Austausch- und Erholungszonen sowie Fokusarbeitsplätze. Rückzugszonen stehen verstärkt zur Verfügung und werden spezifisch geplant und genutzt: Wer sich an einen Fokusarbeitsplatz setzt, macht klar, dass keine Störung erwünscht ist. Im Multispace-Konzept zu arbeiten, steigert das Wohlbefinden um 8 bis 18 Prozent, die Motivation um 9 bis 17 Prozent und die Performance um 5 bis 17 Prozent im Vergleich zu anderen Büroformen (Jurecic, 2020). Zudem ist die gelebte Zusammenarbeit um rund sechs Prozent höher als im Einzelbüro (Haner & Wackernagel, 2018). Kommunikationswege verkürzen sich und Besprechungszonen stellen den Austausch ins Zentrum, was wiederum die Effizienz und Performance von Meetings verbessert.
  • Desk-Sharing: Viele Unternehmen wollen durch Desk-Sharing lediglich Raumkosten sparen. Besser wäre es, die durch Desk-Sharing gewonnenen Flächen mit neuen Möglichkeiten des Multispace zu bespielen, z. B. mit zusätzlichen Austausch- und Rückzugszonen, um dem Personal eine vielfältige Arbeitswelt zu bieten.

Bei allem lautet die wichtigste Prämisse: Schenken Sie Ihren Mitarbeitenden Ihre Aufmerksamkeit und nicht den Räumen, um die Örtlichkeiten an die Bedürfnisse des Personals anzupassen!

Ein ausgewogenes Raumkonzept steigert Wohlbefinden, Motivation und Performanz. (Foto: Halfpoint – AdobeStock)

2. Maßnahmen, die das Unternehmen umsetzen kann (Meso-Level)

Neue Arbeitsweisen einzuführen, braucht Zeit. Daher müssen Veränderungsprozesse gut ausgearbeitet sein, zum Unternehmen und den Mitarbeitenden passen und möglichst von Change-Manager*innen begleitet werden. Veränderungen auf dem Meso-Level beziehen sich z. B. auf die Einführung von Homeoffice, das Stressmanagement und das Training von arbeitsbezogenen Fähigkeiten. Außerdem erfordert das Arbeiten im Homeoffice unternehmensweite Regeln: Beispielsweise sollten Erreichbarkeitszeiten klar definiert sein, um einen dauerhaften Stand-by-Modus zu verhindern. Auch sollte man berufstätigen Eltern durch interne Kinderkrippen oder Kurse zu Work-Life-Herausforderungen den Rücken stärken.

3. Erfolgreiche Führung im virtuellen Raum (Mikro-Level)

Erfolgreiche Führung im virtuellen Raum setzt den Kontakt zu einzelnen Mitarbeitenden und dem ganzen Team voraus. Die Kommunikation sollte dabei eher dem Informationsaustausch dienen als der Kontrolle der Mitarbeitenden. Über die Arbeit hinaus können virtuelle Kaffeepausen, Mittagessen oder Feierabenddrinks den sozialen Zusammenhang stärken und Einsamkeit verhindern. Führungskräfte sollten in unterschiedlichen Bereichen eine Vorbildfunktion einnehmen: beim digitalen Arbeiten (etwa Programme korrekt anwenden), beim Befolgen von Regeln (z. B. Work-Life-Grenzen respektieren) oder beim Gesundheitsverhalten (z. B. regelmäßig Pausen einlegen). Statt eines kontrollierenden Umgangs müssen Führungskräfte zudem genug Spielraum für Eigeninitiative, Wahlfreiheiten und Einsatzflexibilität bieten.

Fazit

Das Angehen von individuellen Stressoren beeinflusst nicht nur die Gesundheit der Mitarbeitenden, sondern führt automatisch zu Veränderungen in Verhalten, Performance, Teamwork und einer höheren Leistung des ganzen Unternehmens. Wenn Sie als Unternehmen Verantwortung übernehmen und erfolgreich positive Lernprozesse für Ihre Arbeitnehmenden umsetzen, kommt dies der ganzheitlichen organisationalen Gesundheit zugute. Eine gesunde Organisation präsentiert sich somit als erfolgreiches und modernes Unternehmen, das aus seinem wichtigsten Gut – den Mitarbeitenden – das Beste herausholt.


Dieser Artikel ist eine gekürzte Version des ursprünglich in der Wirtschaftspsychologie aktuell erschienenen Artikels: Gauer, S. (2021). Stressoren am Arbeitsplatz: Wie man sie erkennt und gegen sie vorgeht. Wirtschaftspsychologie aktuell, 4, S. 14-19.

Literatur

Haner, U.-E. & Wackernagel, S. (2018). Kurzbericht zur Studie „Wirksame Büro- und Arbeitswelten“. Ausgewählte Erfolgsfaktoren für eine wirksame Gestaltung von Büro- und Arbeitswelten.

[Werbung] Jurecic, M. (2020). Gut zu wissen: die Wirkung von Büroumgebungen auf unterschiedliche Arbeitstypen. In Zukunft der Arbeit–Perspektive Mensch (pp. 331-340). Springer Gabler, Wiesbaden.

[Werbung] Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal and coping. Springer: New York.

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