Trauer am Arbeitsplatz – ein unterschätztes Thema

Tod und Trauer gehören zum menschlichen Leben dazu. Aber wie sollten Unternehmen reagieren, wenn Angestellte versterben oder um einen Verlust trauern? Die Trauerbegleiterin Christine Kempkes erklärt im Interview, warum im Arbeitskontext mehr über Trauer gesprochen werden sollte und wie Führungskräfte trauernde Mitarbeiter:innen unterstützen können. 
 

Was hat Sie veranlasst, sich mit Trauer am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen? 

Vor meinem Leben als Trauerbegleiterin war ich lange Personalerin in einem großen Bankenkonzern. Wenn dort Mitarbeiter:innen verstorben sind oder Arbeitnehmende um einen Verlust im privaten Umfeld trauerten, hatte ich bereits ein gutes Händchen für diese Themen. Nach meiner Qualifizierung zur Trauerbegleiterin schließt sich heute für mich ein Kreis. 
 

Warum ist Trauer für Unternehmen relevant? 

Trauer findet in jedem Unternehmen statt, weil Verlusterfahrungen und die Konfrontation mit dem Tod zum Leben dazugehören und Mitarbeitende ihre Trauer nicht wie einen Mantel an der Pforte ablegen. Des Weiteren stärken Unternehmen die Mitarbeiterbindung, wenn sie sich auch in schwierigen Lebenssituationen um Beschäftigte kümmern. Nicht zuletzt spielen Produktivitätsgründe eine Rolle, denn ohne Unterstützung dauert es länger, bis Menschen wieder voll arbeitsfähig sind. Ich halte es demnach für einen Irrglauben, dass Trauern nur Privatsache sei.  
 

Warum wird dennoch selten über Trauer gesprochen? Besteht das Risiko, der Trauer zu viel Raum zu geben?  

Die Unsicherheit im Umgang mit Sterben und Trauern ist groß in der Gesellschaft. Früher sind die Menschen meist in den Familien gestorben, während der Tod heute hinter verschlossenen Türen im Krankenhaus oder Pflegeheim stattfindet. Außerdem konfrontiert uns Trauer mit der eigenen Endlichkeit, was vielen unangenehm ist.  

Derzeit sind wir im Unternehmenskontext meilenweit davon entfernt, der Trauer zu viel Platz einzuräumen. Wer bewertet überhaupt, was zu viel oder zu wenig ist? Trauer selbst ist keine Krankheit, sondern die natürliche Reaktion auf einen Verlust. Sie am Arbeitsplatz zu berücksichtigen, kann vor einer pathologischen Trauerreaktion schützen. 
 

Sollten sich Unternehmen auf etwaige Trauerfälle vorbereiten? 

Auf jeden Fall. Beim Tod von Mitarbeiter:innen sind schnell Entscheidungen zu treffen: Wird der Familie kondoliert, eine Anzeige geschaltet oder ein Kondolenzbuch ausgelegt? Wie werden die Arbeitnehmenden aus dem Team aufgefangen? Was passiert mit den Arbeitsmaterialien von Verstorbenen? Da braucht es einen Plan und vor allem eine innere Haltung. 
 

Wie kann ein passendes Konzept entwickelt werden? Wo findet man Informationen? 

Ich empfehle eine Projektgruppe, die Leute aus unterschiedlichen Bereichen einbezieht: Mitarbeitende, Führungskräfte, Angehörige des Betriebsrats, der Personalabteilung oder des Gesundheitsmanagements. Gemeinsam erarbeiten sie ein Konzept, eventuell mithilfe externer Unternehmenstrauerbegleiter:innen. Praxisbeispiele und Ideen findet man darüber hinaus in dem Buch „Trauer am Arbeitsplatz“ der Unternehmenstrauerbegleiterin Petra Sutor. Ein weiterer Startpunkt für ein Trauerkonzept können Gesundheitstage sein, die sich in vielen Unternehmen inzwischen etabliert haben. In diesem Rahmen beispielsweise einen Vortrag zum Umgang mit Trauer unter Kolleg:innen einzubringen, würde für die Thematik sensibilisieren.  

Porträt von Christine Kempkes

Christine Kempkes arbeitet als Bestatterin, Trauerbegleiterin und freie Trauerrednerin. (Foto: Eve Sundermann-Biesen) 

Wie können Führungskräfte auf trauernde Mitarbeitende zugehen? 

Das Wichtigste: ins Gespräch kommen und dabei aufrichtig zuhören. Wer unsicher ist, kann genau das äußern und Betroffene fragen, was diese brauchen. Tatsächlich gibt es Mitarbeitende, die im Büro einen trauerfreien Raum haben wollen. Aber das muss kommuniziert werden, da andere verletzt sind, wenn sie wie Aussätzige gemieden werden.  

Je nach den Beziehungen unter den Beschäftigten können auch andere Mitarbeitende den Kontakt suchen, doch Führungskräfte sollten sich in keinem Fall aus der Verantwortung stehlen. Es gilt auch, heilsame Trauerrituale zu schaffen, wie eine halbe Stunde lang die Arbeit zu unterbrechen und sich mit dem Team an die verstorbene Person zu erinnern.  
 

Wie werden Führungskräfte angesichts der Individualität von Trauer den einzelnen Angestellten gerecht? 

Natürlich unterscheiden sich die Bedürfnisse im Team, was ich z. B. in einem Unternehmen nach dem Suizid eines Mitarbeiters erlebt habe. Zwei Mitarbeitende wollten für den Tag nach Hause gehen und das wurde akzeptiert. Die Führungskraft hat nicht nachgelassen und alles getan, damit sich Schuldgefühle nicht verselbstständigen. Manchmal ist jedoch Entlastung von außen sinnvoll, sodass ich hinzugerufen werde und beispielsweise ein Teammeeting moderiere. Andere Unternehmen finanzieren ihren Mitarbeitenden einige Stunden Trauerbegleitung oder informieren ihre Mitarbeitenden über regionale Hilfsangebote.  
 

Haben Sie ein Beispiel für eine gelingende Trauerkultur in Unternehmen? Birgt Trauer auch ein Potential? 

Nachdem das Kind eines Mitarbeiters durch eine Krankheit gestorben war, hat der Vorgesetzte zusammen mit dem Team und dem Kollegen der Trauer Raum gegeben und besprochen, was sich die Familie wünscht. Auch als der Mitarbeiter krankgeschrieben war, hat sich der Chef regelmäßig telefonisch erkundigt, wie es dem Kollegen geht, ohne Druck auszuüben. 

Je gezielter die Unterstützungsangebote sind, sodass der Verlust verarbeitet werden kann, desto schneller sind Trauernde in ihrer Leistungsfähigkeit gestärkt. In der Rückschau weisen die meisten meiner Klient:innen eine gestärkte Resilienzfähigkeit auf, was gleichsam für die „Unternehmensresilienz“ gilt.  
 

Hängen die Trauer- und Fehlerkultur in Unternehmen zusammen? 

Ja, denn beide haben mit einer Haltung zu tun. Dürfen Fehler passieren? Sind Mitarbeitende nur Arbeitskräfte oder Menschen mit individuellen Stärken? In einem dem Menschen zugewandten Gespräch kann überlegt werden, welche Aufgaben auch in der akuten Trauer möglich sind. Vielleicht kann die Arbeit anders verteilt werden, sodass jemand mit direktem Kundenkontakt vorübergehend ins Büro wechselt oder im Homeoffice arbeitet. Führungskräfte und Personaler:innen müssen ihren Blick weiten und starre Arbeitsprozesse neu denken. Wenn Angestellten temporär ein geschützter Rahmen zum Arbeiten gewährt wird, erlangen sie schneller ihre volle Arbeitsfähigkeit zurück. 
 

Was nehmen Sie für sich persönlich aus Ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin mit? 

Eine große Dankbarkeit und das Gefühl, etwas verändern zu können, indem ich Menschen in herausfordernden Lebenssituationen begleite. Zu sehen, dass sie schrittweise wieder Sicherheit unter den Füßen bekommen, ist für mich der Inbegriff von sinnhafter Arbeit. 
 

Vielen Dank für das Gespräch! 


 

Zur Person: 
Christine Kempkes arbeitet als Bestatterin, Trauerbegleiterin und freie Trauerrednerin in Oberhausen und bietet Coachings und Fortbildungen an. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen zum Umgang mit Trauer hat sie in ihrem Buch [Werbung] „Mit der Trauer leben lernen“ aufbereitet.