Sich mit Working Out Loud gemeinsam weiterentwickeln

Neues lernen, sich weiterentwickeln und zugleich wertvolle Kontakte knüpfen? Das ist die Quintessenz von Working Out Loud (WOL), einer Methode, in deren Rahmen Menschen in kleinen Gruppen zusammenkommen, um sich in ihren Lernprozessen zu unterstützen. Claudia Salowski, selbstständige Coachin und Unternehmensberaterin, nahm bereits mehrfach an WOL teil und berichtet im Interview über Sinn und Nutzen der Methode sowie über das 2020 initiierte Programm WOL #FrauenStärken.

Woher stammt Working Out Loud (WOL) und was begeistert Sie an dieser Methode?

WOL basiert u. a. auf dem Lernen am Modell nach Bandura und wurde von John Stepper entwickelt. Als Mitarbeiter der Deutschen Bank war er wegen struktureller Veränderungen mehrfach zur Weiterentwicklung gezwungen. Er begann daher, sich mit Leuten zu vernetzen und – deshalb „Working Out Loud“ – laut auszusprechen, was er tun oder lernen wollte.  Mir selbst hat WOL dabei geholfen, während der Pandemiezeit, in der es für mich als Solo-Selbstständige finanziell schnell eng wurde, zu lernen, wie ich einen Podcast entwickeln kann, um andere Freiberufler:innen nach deren gegenwärtigen Situation zu befragen. Im Gegenzug konnte ich andere Teilnehmende bei der Erreichung ihrer Lernziele unterstützen.

Wie läuft WOL ab?

Je etwa fünf bis sechs Leute kommen mit einem individuellen Lernziel in sogenannten Circles zwölf Wochen lang für je eine Stunde zusammen, i. d. R. online, und unterstützen einander im Lernprozess. Die Methode setzt stark auf Selbstorganisation, was angesichts individueller Arbeitszeiten und Verpflichtungen herausfordernd sein kann.

Für wen eignet sich die WOL-Methode?

Für alle, die etwas lernen und sich weiterentwickeln möchten und die genug Motivation und Energie haben, zwölf Wochen lang dranzubleiben. Dabei sollte das Lernziel nicht zu groß oder zu klein sein für die Programmdauer. Ebenfalls wichtig ist der Fokus von WOL: Es geht nicht darum, angesichts von Problemen bloß Frust abzulassen, sondern echte Problemlösungen zu entwickeln.

Was sind die Kernelemente der WOL-Methode?

Zwei der Wirkfaktoren lauten Zielgerichtetes Netzwerken und Lernen am Modell. Man sucht in sozialen Netzwerken nach Leuten, die schon tun, was man selbst lernen möchte. Nachdem man sich Fragen überlegt hat, ist die Kontaktaufnahme einer der Kernaspekte der Zeit im WOL-Circle. Natürlich soll der Austausch mit den Zielpersonen kein einseitiges Nehmen sein. Das drückt auch der dritte Baustein von WOL – Fokus auf den selbst leistbaren Beitrag – aus. Was kann man anderen bieten, wo sind Überschneidungen zwischen der eigenen beruflichen Tätigkeit und den Interessen der anderen Person? Beispielsweise kontaktierte ich damals Petra Martin, die bei Bosch das Thema Leadership Development leitet und einen Unternehmenspodcast produziert. Aufgrund ihres Interesses an meiner schriftstellerischen Tätigkeit – sie wollte ebenfalls ein Buch schreiben – hatten wir eine Atmosphäre von Gegenseitigkeit und konnten voneinander lernen, was hilfreich oder schwierig war, ohne dieselben Fehler zu begehen.

Autorin Claudia Salowski

Claudia Salowski hat mehrfach an WOL teilgenommen und sehr profitiert. (Foto: Anna Scheidemann – Marburg)

Was sind die übrigen Wirkfaktoren von WOL?

Sichtbarkeit im geschützten Raum und psychologische Sicherheit. In den programmbezogenen WOLs kann man entscheiden, was man im vertraulichen kleinen Circle, was in der geschlossenen Community auf LinkedIn und was im gesamten Netzwerk teilen will. Bei WOL offenbart man das eigene Nicht-Wissen, Nicht-Können und auch, mit welchen Herausforderungen man gerade konfrontiert ist. Das kostet Überwindung, obwohl Wertschätzung an erster Stelle steht und es in meinem ersten Circle von Beginn an ein hohes Maß an Vertrauen und Offenheit gab.

Psychologische Sicherheit wird bei WOL z. B. durch die Übung „50 Fakten über mich“ unterschützt. Dafür schreibt jede Person 50 charakteristische Fakten über sich selbst auf, was die Bedeutsamkeit von Diversity bei WOL hervorhebt.

Wie entstand die Initiative WOL #FrauenStärken?

Im Umfeld von John Stepper kommen stets Ideen für Programme mit gesellschaftlicher Relevanz auf. In solchen Programmen treffen sich weiterhin individuelle Circles, doch zusätzlich gibt es ein Management und ein Rahmenprogramm, z. B. Role Model Videos und Live-Sendungen über YouTube.

Die Initiatorinnen Katharina Krentz und Monika Struzeck initiierten WOL #FrauenStärken mit Blick auf die Schwächung von Female Empowerment und Gleichstellung während der Pandemie, denn viele Frauen reduzierten ihre Arbeitszeit oder kündigten ihre Jobs, um ihre Kinder zu betreuen. Unter den etwa 3300 Teilnehmenden waren v. a. Akademiker:innen, Führungskräfte, Freiberufler:innen und Young Talents, darunter auch etwa 60 Männer. Mittlerweile befindet sich #FrauenStärken in der dritten Runde.

Welche Resultate sind durch WOL #FrauenStärken entstanden?

Bei den Zielen der Teilnehmenden, die sich der Stärkung von Frauen widmeten, lassen sich drei Kategorien ausmachen: Erstens individuelle Ziele, die auf die eigene Stärkung als Frau einzahlen, etwa indem man sich Wissen aneignet. Zweitens die Stärkung von Frauen im direkten Umfeld: So unterstützte ein männlicher Teilnehmer seine Mutter in einer herausfordernden Situation. Die dritte Kategorie umfasst Ziele mit Wirkung über Organisationen hinaus. Wie können wir in der Gesellschaft für mehr Gleichstellung sorgen? Die Teilnehmerin Michelle Bässler hat z. B. ein Plattformkonzept entwickelt, um Coworking und Kinderbetreuung miteinander zu verbinden.

Kann WOL #FrauenStärken langfristig gesellschaftliche Effekte zeigen?

Solange Frauen in bestimmten Bereichen unter 30 Prozent Repräsentanz haben, müssen wir einen Raum schaffen, in dem sie stärker repräsentiert werden und diese Repräsentanz thematisiert wird. Vielen Teilnehmenden wurde erst durch #FrauenStärken bewusst, womit sich Frauen auseinandersetzen müssen. Das Programm kann folglich dabei helfen, dass wir wegkommen von Desinteresse, Bagatellisierung und Gender Fatigue und es normaler wird darüber zu sprechen. Zudem stärkt man sich gegenseitig und öffnet einander Türen, im Sinne einer kollektiven Mobilität.

Was sind Ihrer Meinung nach weitere Themen, mit denen sich WOL-Programme befassen sollten?

Neben Female Empowerment existiert z. B. ein Programm zu Mindfulness. Kürzlich ist außerdem „WOL for HR“ gelaufen und es wird überlegt, WOL für Klimainitiativen als Methode und Plattform zu nutzen. Ein großes Thema für Organisationen ist ansonsten Onboarding: Wie kann ich mit WOL das Ankommen von neuen Mitarbeitenden vereinfachen? WOL ist vielseitig anwendbar und die individuellen und kollektiven Effekte können uns weit bringen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person:

Claudia Salowski ist seit über 13 Jahren freiberuflich als Trainerin, Coachin und Unternehmensberaterin tätig. In diesem Jahr erschien ihr Buch „FrauenStärken – Mit Working Out Loud die berufliche und gesellschaftliche Position von Frauen fördern“ [Werbung], in dem sie über WOL allgemein, über die Initiative im Besonderen sowie über die Erfahrungen der Teilnehmenden berichtet.