Spieglein, Spieglein: Wo gesunde Führung anfängt

Anlässlich des Welttags für psychische Gesundheit am 10. Oktober widmen wir uns der Frage, was Gesundheit bedeutet, welche Prinzipien gesunde Führung ausmachen – und wo diese in Unternehmen beginnt.

In der heutigen Arbeitswelt hat sich das Verständnis von Führung stark verändert. Die Arbeitswelt wird als VUCA-Welt, New Work und BANI-Welt beschrieben, wobei letztere eine schnell verändernde Welt beschreibt, in der etablierte Systeme und Strukturen brüchig oder spröde geworden sind. Es herrscht Unsicherheit und Angst, und Abläufe sind nicht-linear. Wenn rasche Entwicklungen ein vollständiges Verständnis erschweren oder sogar unmöglich machen, sind diese unverständlich (incomprehencible). Dies erfordert ein ständiges Anpassen und Lernen sowie gänzlich neue Kompetenzen im Bereich gesunder Führung. Doch worauf sollen Führungskräfte in diesem Chaos achten, wenn sie gesund führen möchten? Was sind die entscheidenden Faktoren für gesunde Führung und was soll damit eigentlich erreicht werden?

Eine ganzheitliche Sichtweise auf Gesundheit

Fangen wir mit der fundamentalen Frage an: Was bedeutet Gesundheit? Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezieht sich Gesundheit auf einen vollständigen Zustand des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur auf das Fehlen von Krankheiten. Folglich ist gesunde Führung mehr als nur ein Obstteller und die Empfehlung, die Treppe statt des Aufzugs zu nehmen.

Es ist wichtig, bei einer ganzheitlichen Betrachtung physische, mentale und soziale Faktoren zu berücksichtigen. Leider wird in der Praxis oft nur oder hauptsächlich der physische Aspekt beachtet, vermutlich wegen seines messbaren Vorteils gegenüber den anderen Aspekten. Wir können Schritte und Kalorien zählen sowie Blutwerte und BMI messen. Das Nichteinhalten kann sichtbare Konsequenzen haben, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Bei der psychischen Gesundheit sieht es anders aus. Wir können nur anhand von bestimmten Anzeichen Rückschlüsse ziehen, aber das Fehlen von Gesundheit in diesem Bereich lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Hinzu kommt, dass der Druck der Gesellschaft in Bezug auf psychische Gesundheit nicht so stark ausgeprägt ist wie bei körperlicher Gesundheit. Wir sprechen ungern darüber, wenn wir vermuten, dass jemand seelisch nicht gesund ist.

Schließlich ist der soziale Aspekt wichtig für die Gesundheit und hier wird es erst richtig schwierig mit der Messbarkeit. Zwischenmenschliche Beziehungen sollten nicht nur gepflegt werden, wenn alle anderen Aufgaben erledigt sind. Sie sind ein essenzieller Bestandteil der Gesundheit. Laut einer Langzeitstudie der Harvard Universität, bei der über 85 Jahre hinweg Daten gesammelt wurden, um herauszufinden, was uns glücklich und gesund macht, sind enge Beziehungen die wichtigste Komponente für ein langes, glückliches Leben. Die Ergebnisse wurden in diesem Jahr im Buch "The Good Life: Lessons From the World's Longest Scientific Study of Happiness" veröffentlicht (Waldinger & Schulz, 2023). Diese ganzheitliche Sichtweise auf Gesundheit zeigt sich auch durch eine gesunde Führung.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Doch wo ist der beste Ausgangspunkt für einen gesunden Führungsstil? Die Antwort lautet: Im Spiegel. Gesunde Führung beginnt bei sich selbst. Führungskräfte sind Vorbilder für ihre Teams und sollten die Prinzipien gesunder Führung in ihrem eigenen Verhalten verkörpern. Eine Person, die selbst gesunde Gewohnheiten pflegt, positiv denkt und auf ihr Wohlbefinden achtet, motiviert ihre Mitarbeitenden, es ihr gleichzutun. Leider kommt es häufig vor, dass Führungskräfte ihren Mitarbeitenden zwar eine gesunde Work-Life-Balance, die Einhaltung von Pausen, die Teilnahme an Gesundheitsseminaren und die Durchführung von Gesundheitschecks empfehlen, diese Ratschläge aber selbst nicht umsetzen. Sie selbst müssen zuerst ihre lange To-Do-Liste abarbeiten, sich um das Team kümmern und zwei Kinder großziehen, bevor sie sich um die eigene Gesundheit kümmern. Sie predigen damit Wasser und trinken selbst Wein.

Die Prinzipien gesunder Führung sollten also zuerst von den Führungskräften selbst umgesetzt werden, bevor sie nach außen getragen werden. Ein gesunder Führungsstil zielt darauf ab, die Mitarbeitenden (und sich selbst) zu unterstützen, zu respektieren und zu motivieren, um ihr Wohlbefinden und ihre Leistung zu fördern. Einige Schlüsselprinzipien sind Einfühlungsvermögen, wertschätzende Kommunikation, Autonomie und Sinnhaftigkeit.

Prinzipien gesunder Führung

Empathie: Empathie ist ein zentrales Prinzip gesunder Führung. Führungskräfte sollten in der Lage sein, sich in ihre Mitarbeitenden hineinzuversetzen und deren Bedürfnisse, Herausforderungen und Emotionen zu verstehen. Einfühlungsvermögen, Zuhören und das Gefühl, verstanden zu werden, schaffen eine Verbindung, beruhigen das Nervensystem, bauen Stress ab und fördern ein positives Arbeitsklima. Wichtig ist, dass wir Sympathie nicht mit Empathie verwechseln; erstere entsteht, wenn ich beim Zuhören nach Ähnlichkeiten suche im Sinne von: „Ja, genau, das kenne ich, denn bei mir ist es auch so, dass...“. Empathie bedeutet, die Welt des anderen wirklich zu verstehen oder verstehen zu wollen, auch wenn sie nicht der eigenen gleicht.

Wertschätzende Kommunikation: Natürlich ist es wichtig, die Leistungen und Beiträge der Mitarbeitenden anzuerkennen. Für die Gesundheit ist jedoch Wertschätzung entscheidend. Wo sich Lob auf das Tun und die Leistung bezieht, richtet sich Wertschätzung auf die Person. Wenn Beschäftigte sich geschätzt und gesehen fühlen, sind sie motivierter und engagierter. Ihr Platz in der Gruppe ist dann nicht variabel und leistungsabhängig, sondern stabil und durch die Person an sich gegeben. Gefühle wie Sicherheit, Zugehörigkeit und Geborgenheit wirken beruhigend auf das Nervensystem, entspannen dadurch den Körper, bauen Stresshormone ab und führen letztlich zu mehr Zufriedenheit (Grande, 2018). Wertschätzung zeigt sich in Feedback und Kommunikation - verbal und nonverbal.

Autonomie und Verantwortung: Interessanterweise empfindet das obere Management häufig weniger Stress als das mittlere Management (KLU, 2021). Dies lässt sich zum Teil mit dem Zusammenhang zwischen Autonomie und Zufriedenheit erklären, wie er auch im klassischen Job Characteristics Model von Hackman und Oldham zum Ausdruck kommt (1980). Gesunde Führung fördert die Autonomie der Mitarbeitenden, gibt ihnen Raum zur Entfaltung und überträgt Verantwortung. Verantwortung und Autonomie zu erhalten ist ein Zeichen von Vertrauen, das für ein gesundes Arbeitsklima wichtig ist. Ein gutes Beispiel ist die Homeoffice-Regelung. Vor der Pandemie war es eine weit verbreitete Annahme, dass Homeoffice nur ein Euphemismus für „ich werde dafür bezahlt, dass ich faulenze und den Haushalt mache“ sei. Während der Pandemie wurde deutlich, dass zu Hause sogar mehr gearbeitet wurde als im Büro (Rupietta & Beckmann, 2016). Die größere Autonomie und der größere Handlungsspielraum erwiesen sich als Win-Win-Situation: Der Arbeitgebende erhielt mehr Leistung und die Mitarbeitenden fühlten sich stärker (intrinsisch) motiviert, was zu noch mehr Engagement und Zufriedenheit führte. Die veränderte Situation zeigte aber auch, dass Autonomie mit Selbstverantwortung einhergehen muss, damit mehr Spielraum nicht zu einer Entgrenzung zwischen Büro und Privatleben führt. Unterm Strich bleibt: Je mehr Autonomie, desto höher die Zufriedenheit.

Sinnhaftigkeit: Gesunde Führung setzt ein kleines Grundverständnis der Motivationspsychologie voraus. Vereinfacht ausgedrückt können Mitarbeitende durch extrinsische oder intrinsische Faktoren motiviert werden. Extrinsische Faktoren wären z. B. das Erreichen einer Belohnung (Gehalt, Bonus, Beförderung) oder das Vermeiden einer Bestrafung (Kündigung, Versetzung). Extrinsische Motivation birgt jedoch auch Gefahren und kann den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Die intrinsische Motivation hingegen hat sich als langfristig stabiler für Motivation und Zufriedenheit erwiesen, da sie selbstbestimmt (autonom) ist und für Kongruenz zwischen inneren Motiven – wie z. B. persönliche Entwicklung, das Ausleben von Werten, die Aussicht auf einen höheren Lebensstandard – und äußeren Handlungen sorgt. Wenn es keine Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Welt gibt, erleben wir Sinnhaftigkeit.

Um schreiben zu können, muss man das Alphabet kennen

Nun, wie sagte schon Quintilian im alten Rom: „Praxis ohne Theorie ist immer noch besser als Theorie ohne Praxis“. Und das gilt natürlich auch hier. Es gibt Führungskräfte, die über ein überdurchschnittliches Maß an Einfühlungsvermögen und Charisma verfügen, die gute Mitarbeitende leicht gewinnen und halten können. Für die meisten ist diese Leistung jedoch mit Arbeit verbunden. Arbeit mit den Mitarbeitenden, Arbeit mit der Führungsrolle und vor allem Arbeit mit sich selbst. Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt.

Eine Führungskraft sollte zunächst das ABC der gesunden Führung kennen und bei sich selbst anwenden. Dazu muss sie einen bewussten und ganzheitlichen Umgang mit dem eigenen Wohlbefinden entwickeln. Empathisch mit sich selbst umgehen, die eigenen Werte wertschätzen und ihnen Raum geben, Verantwortung für die eigene Autonomie und Sinnhaftigkeit übernehmen – wenn diese Arbeit getan ist, sieht die Führungskraft ein inspirierendes Vorbild für gesundes Führungsverhalten im Spiegel.

Literaturliste zum Download

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